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Expansion nach China: Erst die Moral, dann das Geschäft

Fragwürdige Methoden: Mit Unterstützung der großen Tech-Konzerne will Peking im nächsten Jahr ein landesweites sozialen Bonitätssystem starten.

Deutsche Firmen brauchen klare moralische Standpunkte für ihr Engagement in China – sonst drohen sie ihr Ansehen zu beschädigen.

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Von Stephan Scheuer

Alle Untergangs-Propheten haben danebengelegen. Seit Jahrzehnten wird der Zusammenbruch der aufstrebenden Wirtschaftsmacht China vorhergesagt. Und seit Jahrzehnten kann sich Peking mit hohen Wachstumsraten behaupten. Bei dem Blick auf die große Dynamik der zweitgrößten Volkswirtschaft vergessen viele Unternehmen jedoch, dass der Staat von vielen Widersprüchen geprägt wird, die auch für Firmen zur Gefahr werden können.

Auf der einen Seite hat China mit den Digitalkonzernen Alibaba, Tencent und Baidu die einzigen ernst zu nehmenden Rivalen für die globale Übermacht der US-Technologieindustrie um Google, Amazon, Facebook und Apple hervorgebracht.

Konzerne sollen staatliche Internetzensur unterstützen

Auf der anderen Seite hat keine Regierung der Welt ein so ausgeklügeltes System der Internetzensur entwickelt wie Peking. Mehr noch: Peking nimmt die Technologiekonzerne zunehmend in die Pflicht. Alibaba, Tencent und Baidu sollen helfen, den Staat effizienter zu machen. Das bedeutet auch, dass die Digitalunternehmen helfen sollen, staatliche Überwachung und Zensur zu perfektionieren. Schon im nächsten Jahr soll die erste Version eines landesweiten sozialen Bonitätssystems starten. Im ersten Schritt plant Peking eine Art chinesische Schufa. Künftig könnte das System auf alle Lebensbereiche erweitert werden.

Eigentlich steht das World Wide Web für ein allumfassendes Netzwerk und den freien Austausch von Informationen. Die Volksrepublik hat sich aus dem System abgekoppelt. Eine freie Meinungsäußerung ist nicht geschützt. Der Raum für kritische Medien ist fast vollständig verschwunden.

Deutsche Firmen in China brauchen einen guten moralischen Kompass. Sie müssen sich all dieser Entwicklungen bewusst sein. Denn sie können einen unmittelbaren Einfluss auf ihr Geschäft und ihre Reputation haben – in China wie im Rest der Welt.

VW-Chef zeigt sich unwissend oder ignorant

Für ein Negativ-Beispiel sorgte Volkswagen-Konzernchef Herbert Diess bei der weltgrößten Auto-Show in Peking. Ein Reporter des britischen Senders BBC wollte von ihm wissen, wie er zur Lage in der westchinesischen Provinz Xinjiang steht. Dort sollen laut Schätzungen der Vereinten Nationen bis zu einer Million muslimische Uiguren in Umerziehungslagern interniert sein. VW betreibt als einziger westlicher Autobauer ein Werk in Xinjiang. Von den Lagern wisse er nicht, sagte Diess. Plötzlich stand der VW-Chef entweder als unwissend oder gar als bewusst ignorant da. Die Aussagen fügten der Marke VW Schaden zu.

Unternehmen haben eine Verantwortung. Diese geht weit darüber hinaus, für gute Geschäfte zu sorgen. Gerade Führungskräfte geben die Richtung vor: ökonomisch, aber zum Teil auch moralisch. Firmen versuchen ihre Marken nicht nur mit Assoziationen wie Qualität aufzuwerten, sondern auch mit Auszeichnungen wie nachhaltig und integer.

Deutsche Unternehmen brauchen in China nicht mit erhobenem Zeigefinger aufzutreten. Aber die Verletzung von Menschenrechten darf nicht ignoriert werden. Siemens-Chef Joe Kaeser hat sich medienwirksam in Deutschland gegen Fremdenfeindlichkeit ausgesprochen. Warum sollten nicht auch CEOs in China für Toleranz eintreten?  

Über den Autor: Handelsblatt-Journalist Stephan Scheuer war fünf Jahre Korrespondent in China. Heute schreibt er als Fachredakteur von Deutschland aus über die globale Telekommunikationsbranche, die IT-Wirtschaft und chinesische Firmen in Europa. Er ist Autor des Buches „Der Masterplan: Chinas Weg zur Hightech-Weltherrschaft“.

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