„Kettenreaktion“: Eskalation um Taiwan bedroht deutsche Wirtschaft

Die deutsche Wirtschaft braucht den Riesenmarkt und die Produktionsstätten in China genauso wie die Halbleiter und Hightech aus Taiwan. Ein militärischer Konflikt um die demokratische Insel hätte schwere Folgen für Deutschland.
Die Lieferketten zwischen Asien und Europa erleiden mit dem China-Taiwan-Konflikt einen weiteren Rückschlag. (© Unsplash)

Von Andreas Landwehr und Jan Petermann, dpa

Die Auswirkungen einer bewaffneten Auseinandersetzung um Taiwan bedrohen auch Deutschlands Wirtschaft. «Ein militärischer Konflikt in Taiwan ist vermutlich die größte Gefahr für die über die vergangenen Jahrzehnte aufgebauten engen Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und China», sagte Max Zenglein, Chef-Ökonom beim Berliner Mercator Institute for China Studies (MERICS) am Freitag der Deutschen Presse-Agentur.

«Eine Eskalation würde eine Kettenreaktion mit weitreichenden negativen wirtschaftlichen Folgen nach sich ziehen», sagte Zenglein. Störungen wichtiger Lieferketten oder mögliche Wirtschaftssanktionen gegen China wegen einer Aggression gegen Taiwan wären mit massiven wirtschaftlichen Kosten verbunden. «Die zunehmenden geopolitischen Risiken verdeutlichen uns derzeit, wie fragil die globalisierten Produktionsprozesse aufgestellt sind», sagte Zenglein.

Deutschland ist wirtschaftlich stark abhängig von China

Die Invasion Russlands in die Ukraine, die Abhängigkeit Europas von russischer Energie und die Lieferprobleme durch Lockdowns in China durch dessen Null-Covid-Politik haben der deutschen Wirtschaft schon schmerzhaft vor Augen geführt, wie sehr sie auch von China abhängt. Sollte sich die Welt wegen eines Krieges um Taiwan ähnlich wie gegen Russland auch noch gegen China wenden, könnte die deutsche und globale Wirtschaft schwer getroffen werden.

Das geschäftsführende Vorstandsmitglied der deutschen Handelskammer in China (AHK), Jens Hildebrandt, hob die Bedeutung des chinesischen Marktes für die deutsche Wirtschaft hervor. «China ist das Zentrum von Produktionshubs für wichtige Vor- und Zulieferprodukte in verschiedensten Industrien», sagte Hildebrandt der dpa in Peking. «Ein weiterer Verlust von Vor- und Zwischenprodukten aus China würde der deutschen Wirtschaft einen düsteren Ausblick bescheren.»

Das Risiko unterbrochener Lieferketten

Die wochenlangen Ausgangssperren in China hätten die Lieferketten bereits empfindlich gestört. «Die Auswirkungen davon haben die deutsche Wirtschaft sowie deutsche Konsumenten deutlich zu spüren bekommen», sagte Hildebrandt. China ist seit sechs Jahren Deutschlands größter Handelspartner – und nach den USA der größte deutsche Exportmarkt. Umgekehrt ist Deutschland innerhalb der EU aber auch der wichtigste Exportmarkt für chinesische Unternehmen: «Es ist wichtig zu erkennen, dass es sich bei den deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen um eine gegenseitige Abhängigkeit handelt.»

Ein militärischer Konflikt um Taiwan würde die globalen Lieferketten besonders auch wegen der zentralen Rolle der Inselrepublik bei Halbleitern und anderen Hightech-Komponenten für die Elektrotechnik treffen. Anbieter aus Taiwan sind hier für die deutsche Wirtschaft wichtige Handelspartner. Die Komponenten stecken in so gut wie allen modernen technischen Produkten – vom Auto über den Computer, das Smartphone und sämtliche Unterhaltungselektronik wie TV, Hi-Fi oder Spielekonsolen bis zur Medizintechnik. Fast nichts läuft in unserem vernetzten Alltag mehr ohne diese Grundbausteine.

Besonders starke Probleme für die Lieferung von Mikrochips

Schon seit Beginn der Corona-Krise, als die globalen Lieferketten unter Druck gerieten oder zeitweise ganz rissen, gibt es auch in der Bundesrepublik erhebliche Engpässe bei der Chipversorgung. Besonders stark spürte das die Autoindustrie: Bei Volkswagen, Mercedes-Benz, BMW und Opel sowie vielen Branchenzulieferern bremste der Mangel die Produktion aus, teils mussten ganze Werke über Wochen in Zwangspause und Belegschaften in Kurzarbeit gehen. «Halden» halb fertiger Wagen, denen die Endausstattung fehlte, stauten sich vor manchen Fabriken. Absatzeinbußen waren die Folge, gleichzeitig trieb die Verknappung die Preise und Wartezeiten für etliche Modelle in die Höhe.

Die Hersteller in Taiwan oder anderen zentralen Produktionsländern wie Südkorea, Japan, China oder den USA sind für die Entwicklung jedoch nur bedingt verantwortlich. Einen Teil der Schuld müssen sich die Autobauer selbst zuschreiben: Auf dem Höhepunkt der Corona-Flaute stornierten sie vorschnell Verträge mit den Chip-Fertigern, bei denen dann noch Ausfälle durch Brände, Lockdowns oder Naturkatastrophen hinzukamen. Verschiedene Akteure aus der Autobranche schätzen allerdings, dass sich die Lage bis zum Jahresende etwas entspannt.

Erledigt ist das Thema aber nicht, denn die Weltkonjunktur bleibt durch den Krieg in der Ukraine und die Spannungen um Taiwan und zwischen China und den USA verwundbar. EU-Initiativen für mehr eigene europäische Chip-Werke sollen das Problem mit entschärfen. In Deutschland entstehen neue Fabriken etwa von Bosch oder Intel.

Nicht nur der Import betroffen: auch Export könnte ausfallen

Halbleiterkunden gibt es auch bei erneuerbaren Energien – die deutsche Energiewende galt gerade für Taiwan lange als ein Vorbildmodell. Für Automation, Robotik und alle Infrastrukturen, die von Wechsel- auf Gleichstrom umgestellt werden, sind ebenfalls Halbleiter nötig. Viele Vorprodukte, Ausrüstungen und Maschinen liefern deutsche Firmen dabei nach Asien. Taiwan wiederum verkauft auch fertige Informations- und Kommunikationstechnologie nach Europa.

Insgesamt sind die Handelsbeziehungen mit Taiwan für Deutschland also auch durchaus bedeutend. 2021 nahm das Land nach Daten des Statistischen Bundesamts mit einem Einfuhrvolumen von knapp 12,2 Milliarden Euro Rang 25 unter den Importquellen ein. Umgekehrt war Taiwan mit einem Exportwert von rund 9,3 Milliarden Euro auf Platz 30 der deutschen Absatzmärkte. Laut Außenhandelskammer hatten im Jahr 2020 etwa 250 deutsche Firmen Vertretungen in Taiwan.