Ein Quintett für innovative Konzepte

60-Stunden-Woche und Meeting-Dauerschleife getreu dem Motto: Work hard, play hard? Solche alten Strukturen sind in der Branche zwar oft noch gang und gäbe, doch es tut sich was. Viele Agenturen denken um und beweisen, dass New Work mehr ist als Kicker und Obstkorb.
Büro einer Agentur, Symbolbild New Work
Raumkonzepte in der neuen Münchner Serviceplan-Zentrale sollen das agile Arbeiten fördern. ©Serviceplan

Die Zahlen vom Gesamtverband Kommunikationsagenturen, kurz: GWA, sind alarmierend – und zeigen die Brisanz des Fachkräftemangels in der Werbebranche in aller Deutlichkeit: So fehlten Anfang des Jahres allein bei den 85 befragten Agenturen fast 1500 Köpfe, mehr als 80 Prozent sehen in der Personalknappheit das größte Wachstumshemmnis für ihre Agentur.

Was jetzt wichtig ist: Menschen für die Branche begeistern, die Tätigkeit in den Agenturen noch attraktiver gestalten, mobile, flexible Arbeitsmodelle. Doch wie gelingt das? Und wie klappt trotz New Work eine reibungslose Zusammenarbeit, auch mit den Kund*innen? Fünf smarte Konzepte, die zeigen, wie die Arbeitswelt von morgen in Agenturen aussehen kann.

Dauerhafte 35-Stunden-Woche

Ende Juli gab es bei der Mediaagentur Crossmedia Neuigkeiten. „Gewagt, getestet, geglückt“, hieß es in der Pressemitteilung – „so lassen sich die vergangenen sechs Monate New Work bei Crossmedia beschreiben.“ Die News: Die seit Januar auf 35 Stunden reduzierte Wochenarbeitszeit bleibt dauerhaft, bei vollem Gehalt, Gleitzeit, Überstundenausgleich und freier Wahl des Arbeitsortes. Die Mitarbeitenden können ihre Stunden auf vier bis sechs Tage verteilen, je nach Arbeitsaufkommen und Präferenz. „Das Modell ist nicht nur maximal demokratisch, sondern auch wirtschaftlich: Nur zufriedene Mitarbeitende können auf Dauer Arbeit leisten, die Kund*innen glücklich macht. Und nur mit zufriedenen Kunden können Agenturen zukunftsfähig bleiben“, sagt Gründer und Geschäftsführer Markus Biermann.

Auch das physische Büro wird neu gedacht: Am Hauptstandort in Düsseldorf hat die Agentur kürzlich eine Bestandsimmobilie gekauft, die nachhaltig, aber auch nach New-Work-Gesichtspunkten umgebaut wird. Das Konzept kommt auch im Markt gut an: So konnte Crossmedia im ersten Quartal 43 Prozent mehr Talente einstellen als im Vorjahr – und Kund*innen fragen sogar nach den Learnings aus dem New-Work-Prozess, um Inspiration für das eigene Unternehmen zu bekommen. Außerdem könne man mit dem neuen Modell flexibler auf Veränderungen auf Kundenseite reagieren. Biermann findet: „Die Zeiten, in denen es sexy war, als Letzte*r das Licht auszumachen, sind endgültig vorbei.“

Mobiles Arbeiten im Ausland

Trilingual heißt das Stichwort bei der Serviceplan Group. Das bedeutet, Präsenz-, Remote- und hybrides Arbeiten sind möglich, ebenso wie das mobile Arbeiten im Ausland. Erst im Juli hat die Agentur ein neues Headquarter bezogen, mit allen 1700 Münchner Mitarbeiter*innen. „Es ist uns wichtig, in unsere Offices und Office-Konzepte zu investieren. So können wir unseren Kolleg*innen optimale Angebote für die 4 Cs – Concentration, Communication, Collaboration und Community – bieten“, sagt Karin Maria Schertler, Chief People & Culture Officer. „Unsere Raumkonzepte fördern das agile Arbeiten und ermöglichen unkompliziert, dass immer die richtigen Talente für die jeweilige Aufgabe zusammenfinden. Zudem sind wir überzeugt, dass das Office der Zukunft noch mehr ein Ort der Inspiration, der zufälligen Begegnung, des gemeinsamen Lernens und Erlebens ist.“

Auf das Thema Lernen und Feedback wird großer Wert gelegt, genau wie auf Flexibilität und Freiheit: „Wir glauben an die Selbstverantwortung des Individuums und der einzelnen Teams. Im gemeinsamen Dialog mit den Kund*innen wird festgelegt, was es in der jeweiligen Phase braucht. Dadurch, dass wir trilingual sind, haben wir ein großes Lösungsrepertoire, aus dem wir schöpfen können“, sagt Schertler.

Freitags geschlossen

Wer bei Google nach den Öffnungszeiten von Brain’n’Dead sucht, sieht gleich: freitags geschlossen. Und das gehört zum Konzept. Seit der Gründung gibt es eine 32-Stunden-Woche bei vollem Gehalt, die Mitarbeitenden dürfen arbeiten, wo sie möchten – natürlich auch im Büro. Oder bei den Eltern, erzählt Geschäftsführer Sascha Winkler: „Der Vater einer Mitarbeiterin war so glücklich, dass er seine Tochter jeden Abend bei sich hatte, dass er uns seitdem regelmäßig mit Bier aus seiner Region versorgt.“ Gemeinsame Agenturtage stellen sicher, dass das Zwischenmenschliche nicht auf der Strecke bleibt. Eine freie Einteilung der Arbeitsstunden auf die Woche habe sich aktuell als nicht praktikabel herausgestellt, sagt Winkler. „Wir müssen doch recht viel zusammenarbeiten. Da entstand zu oft ‚Leerlauf‘.“

Gibt es freitags Anrufe oder Mails von Kund*innen, würden diese „fast schon entschuldigend zurückgezogen“, so der Gründer. „Wenn die Notwendigkeit eines persönlichen Treffens besteht, wird das mit ausreichend Vorlauf geplant und umgesetzt.“ Wer einen schlechten Tag hat oder nachmittags etwas vor, ergänzt Kreativchef Constantin Hochwald, kann seine Arbeit in die Abendstunden verlegen. Das zahlt sich auch in Sachen Employer Branding aus: Für Recruiting-Maßnahmen hat die Agentur noch keinen Cent ausgegeben. Und „die Liste an Personal, das Interesse an einer Anstellung bei uns geäußert hat, ist lang“.

Sozialen Austausch verbessern

Eigenverantwortliches Arbeiten und partizipative Strukturen bilden bei Elaboratum den Kern von New Work. Dazu gehört, das gesamte Team in Entscheidungen einzubeziehen und jede*n zu empowern, selbst wirksam werden zu können. Arbeitsplatz- und Arbeitszeitsouveränität werden allerdings teilweise zu gut angenommen, sagt Managing Partner Martin Rothhaar. „Im Moment stehen wir vor der Frage: Wenn das Team vermehrt irgendwo und irgendwann arbeitet, wie gelingen der soziale Austausch, die emotionale Bindung und der Aufbau einer gemeinsamen Kultur? Eine Fragestellung, die wir bisher noch nicht gelöst haben. Der fachliche Austausch funktioniert bereits perfekt.“

Teilzeitmodelle und Kinderbetreuung sind bei der E-Commerce-Beratung etabliert, auf Kundenseite existiert Verständnis. Alle Berater*innen stimmen Abwesenheiten mit ihren Kund*innen transparent ab und kommunizieren offen. New Work erfordert auch ein hohes Maß an Kreativität, sagt Rothhaar. „Walk and Talk, Online-Quiz, Spieleabend – vieles, was wir getestet haben, wurde vom Team sehr gut angenommen, manches nicht. Es ist wichtig, dass es immer etwas Neues ist.“ In einem Roundtable hat die moderne Beratung kürzlich genau zu diesem Thema gebrainstormt. Das Fazit: „Erst mal verstehen, was die Mitarbeiter*innen motiviert, zu Hause zu arbeiten, und was sie brauchen, um ins Büro zu kommen. Darauf aufbauend können dann gemeinsam Vereinbarungen getroffen werden. Eine Idee: im Team ausgehandelte Präsenztage oder Präsenzwochen.“

„New Work“-Manifest

Zum goldenen Hirschen hat sogar ein eigenes „work new“-Manifest erstellt, in dem geschrieben steht, wie die Arbeitskultur in der Agentur aussehen soll. Worum es geht: „Das Umfeld und die Motivation positiv beeinflussen, damit ‚Work‘ auch sinnvoll und relevant bleibt und wird“, sagt Stuttgart-Geschäftsführer Henrik Bunzendahl. Dabei stehen immer die Themen Freiraum, Eigenverantwortung und Vertrauen im Mittelpunkt.

In der hauseigenen Brave Academy können die Mitarbeitenden sich fort- und weiterbilden, es gibt eine Initiative, die den Kolleg*innen Raum gibt, eigene kreative Projekte umzusetzen, Vertrauensurlaub und -arbeitszeit und keine ständige Anwesenheitspflicht. Für Bunzendahl ist New Work ein Hygienefaktor. „Ohne die Grundlagen von New Work, gepaart mit einer hybriden Arbeitskultur, brauchen wir als Agentur heute nicht als Employer Brand aufzutreten.“ Als Dienstleister stehen die Kund*innen nach wie vor im Fokus – und die sind für die neuen Konzepte der Agentur durchaus offen. „Kein Projekt wurde bislang mit Worten wie ‚Jetzt hört mal auf mit eurem New Work‘ kommentiert“, so Bunzendahl. Übrigens: Auch auf der Bewertungsplattform Kununu werben die Hirschen mit Zwischenmenschlichem: „Hier arbeiten keine Arschlöcher“, heißt es da. „Garantiert.“

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