DHDL-Löwe Dümmel: „Besser, aber noch lange nicht gut“

Ralf Dümmel hat sich seit 1988 bei dem Handelsunternehmen DS Produkte vom Verkaufsassistenten zum Geschäftsführer hochgearbeitet – und dabei alle Facetten des Handels kennengelernt. Im Interview erklärt der "Deal-König" aus der TV-Show "Die Höhle der Löwen", wie er mit seinem Team Trends erkennt, warum Menschlichkeit im Business für ihn an oberster Stelle steht und was er vom neuen DHDL-Löwen Nico Rosberg hält.
Ralf Dümmel
Ralf Dümmel: "Mein Leitsatz lautet: Können kommt von wollen." (© DS Pro)

Herr Dümmel, woher wissen Sie, was die Kunden auf dem deutschen Markt brauchen?

RALF DÜMMEL: Das ultimative Erfolgsgeheimnis kann ich Ihnen nicht verraten. Grundsätzlich suchen wir keine Artikel für Linkshänder, denn damit würden wir nur sieben Prozent des Marktes erreichen. Wir versuchen vielmehr, innovative und massentaugliche Produkte anzubieten, mit denen wir uns im besten Fall vom Wettbewerb differenzieren können.

Bitte nennen Sie uns Beispiele.

Das kann ein automatischer Hemdenbügler genauso wie eine Heißluft-Fritteuse oder ein Roboter-Sauger sein. In der Woche vor Weihnachten haben wir zudem beispielsweise Merchandising-Produkte von Bayern München, Borussia Dortmund oder dem HSV in 4000 Netto-Filialen gebracht. Auch mit dem FC Schalke 04 haben wir ganz aktuell einen Merchandising-Vertrag unterschrieben, mit weiteren Fußballbundesligisten sind wir in Gesprächen. Darüber hinaus bauen wir derzeit eine Sportkollektion mit der Schweizer Schlagersängerin Beatrice Egli auf, die in diesem Frühjahr auf den Markt kommen wird.

Wie generieren Sie, ganz praktisch betrachtet, tagtäglich Produktideen und entdecken die relevanten Trends?

Zum einen machen wir ein wöchentliches Produkt-Meeting, in dem wir Muster und Ideen besprechen, die von außerhalb an uns herangetragen werden. Zum anderen führen wir ebenfalls wöchentlich ein Brainstorming durch, in dem wir darüber sprechen, was aktuell die Welt bewegt. Da sind dann viele Abteilungen involviert – unter anderem der Einkauf, Online-Experten, der Vertrieb, das Marketing und ganz oft auch ich selbst. Dieses Brainstorming findet ganz bewusst ohne Produkte auf dem Tisch oder gar eine Tagesordnung statt.

Wie stellen Sie sicher, dass Sie keinen Trend verpassen?

Wir nutzen beispielsweise künstliche Intelligenz, um Suchanfragen von Kunden im Internet zu ermitteln. 2020 werden wir entsprechende Technologien noch viel mehr als bisher in den Fokus nehmen – hier liegt noch viel Arbeit vor uns. Doch bei allem Technik-Fokus ist mir eines wichtig: Ich werde immer ein Verfechter von Bauch- und Herz-Entscheidungen bleiben. Darüber hinaus scannen wir die weltweiten Trendbewegungen, indem wir mit 15 bis 20 Mitarbeitern regelmäßig Messen und Märkte rund um den Globus besuchen.

K-Beauty, K-Musik, K-Mode: Viele Trends entstehen in Südkorea. Wie nehmen Sie die dortige Innovationskraft wahr?

Der koreanische Markt ist oft klarer Trendsetter der frühen Phase. Aber bei Korea müssen wir bei DS Produkte gerade deswegen aufpassen, dass wir nicht zu früh dran sind. Denn es ist nicht unsere Aufgabe, millionenschweres Werbebudget in die Hand zu nehmen, um ein in Korea trendendes Produkt in Deutschland bekannt zu machen. Wir gucken eher nach Themen, nach denen der deutsche Markt schon schreit.

An welchen Trend-Märkten orientieren Sie sich dafür?

Zum Beispiel an den USA. Wenn in den Staaten Produkte erfolgreich verkauft werden, dann ist der deutsche Markt in der Regel nicht mehr weit davon entfernt. China ist dagegen in unseren Artikelbereichen zwar teilweise sehr gut zum Produzieren, aber weniger als Trendgeber geeignet.

Warum setzt Deutschland nicht die Trends?

Wir sind in der Tat noch ein ganzes Stück zurück. Aber ich glaube, dass wir besser geworden sind. Heutzutage haben es zum Beispiel Gründer deutlich leichter, Produkte im Markt zu platzieren als noch vor drei bis fünf Jahren. Es macht dabei Hoffnung, dass inzwischen viele Konzerne Start-up-Programme auflegen. Der Handel denkt aktuell in vielen Bereichen um – aber wir sind auch noch lange nicht richtig gut.

Droht das Prädikat „Made in Germany“ an Bedeutung zu verlieren?

Über unser Kontaktnetzwerk in Asien merke ich einerseits, dass Made in Germany noch eine verdammt starke und vertrauenswürdige Marke ist. Wenn ich andererseits heute mit dem Auto von Hamburg nach Rostock fahre und 16 Mal beim Telefonieren mit dem Handy unterbrochen werde, weil die Leitung nicht steht, dann sieht man allein daran schon, wie viel Handlungsbedarf hierzulande besteht. Bei einigen Technologien müssen wir in Deutschland echt aufpassen, dass der Zug nicht ohne uns abfährt.


Über DS Produkte

Mit einem Sortiment von über 4000 Produkten gehört DS Produkte im Non-Food-Bereich nach eigenen Angaben zu den größten Lieferanten Europas. Das Spektrum von DS Produkte umfasst zahlreiche Bereiche – von Kleinelektronik über Kochwaren, Reinigung, Bodenpflege, Haushalt bis hin zu „Do it yourself“-Helfern, Beauty-, Wellness-, Fitness-, Outdoor- und Trend- sowie Saisonartikeln. Im B-to-B-Bereich beliefert DS Produkte europaweit rund 40.000 Filialen, darunter Einzelhändler, Lebensmittelhändler, Discounter und Versandhändler. Im Rahmen seines Omnichannel-Ansatzes bedient das Unternehmen auch Online- und Homeshopping.

  • Gründungsjahr: 1973
  • Hauptsitz: Stapelfeld bei Hamburg
  • Geschäftsführer: Ralf Dümmel, Dr. Hanno Hagemann, Andreas Schneider
  • Umsatz Unternehmensgruppe 2019: 260 Millionen Euro

Laufen Ihre Geschäfte ungeachtet der technologischen Rahmenbedingungen denn einwandfrei?

Wir werden beim Gesamtumsatz im Geschäftsjahr 2019 wie schon 2018 bei rund 260 Millionen Euro liegen. Wenn Sie es negativ sehen wollen, stagnieren wir also. Aber wenn man die derzeitigen Herausforderungen im Handel mit in die Rechnung einbezieht, dann freuen wir uns durchaus, dass wir es geschafft haben, das hohe Niveau des sehr starken Vorjahres zu bestätigen.

Was sind denn die aktuell größten Herausforderungen für den deutschen Handel?

Die sind vielschichtig. Im Online-Handel haben vor allem die Anforderungen bei der Kaufabwicklung enorm zugenommen. Das Prinzip „Heute bestellen, morgen bekommen“ ist nichts Besonderes mehr. Für ein Unternehmen, das so wie wir salopp formuliert nur LKWs vom Hof fährt, war das aber eine große logistische Herausforderung, der wir uns in den vergangenen eineinhalb Jahren gestellt haben. Mittlerweile haben wir das Thema im Griff, aber die nächste Aufgabe wartet mit „Same Day Delivery“-Ansprüchen der Kunden schon auf uns. Auch im Verpackungsbereich gibt es viele Feinheiten: Im Versand sind eher stabile Verpackungen gefragt, im Handel gibt es dagegen vor allem optische Ansprüche. Aber das alles ist im Prinzip nur „Brot und Butter“-Geschäft, das gehört einfach dazu. Die übergeordnete Herausforderung ist eine andere.

Nämlich?

Dass der Markt in allen Bereichen schnelllebiger geworden ist. Wir waren vor Jahren beispielsweise einer der Ersten, die das Grillgerät „Beef Grill“ auf den Markt gebracht hatten. Früher hätten wir eineinhalb Jahre Zeit gehabt, bis der erste Wettbewerber nachzieht. Heute ist symbolisch gesprochen mit der Ankunft des ersten Containers aus Übersee auch bereits der erste Wettbewerber auf dem Markt.

Geschwindigkeit ist ein gutes Stichwort: Als einer der Investoren bei „Die Höhle der Löwen“ (DHDL) müssen Sie in der Sendung innerhalb von wenigen Minuten entscheiden, ob ein Produkt erfolgreich auf den Markt gebracht werden könnte. Was passiert in diesen Momenten in Ihrem Kopf?

Jedes bei DHDL vorgestellte Thema und Produkt mag für Außenstehende sehr individuell erscheinen. Ich habe bei meiner Entscheidungsfindung den Vorteil, dass ich seit 30 Jahren nichts anderes mache, als Produkte anzugucken und zu prüfen, ob sie für einen Massenmarkt tauglich sind. Das erkenne ich meist in ein bis zwei Minuten. Bei DHDL ist aber etwas anderes viel wichtiger: der Faktor Mensch. Hier gibt es ein klares Muster bei meinen Entscheidungen.

Verraten Sie es uns.

Ich gucke mir als erstes die Menschen an, die bei DHDL den Raum betreten. In der Show geht es schließlich darum, gemeinsam mit Gründerinnen oder Gründern ein erfolgreiches Unternehmen aufzubauen. Und dabei ist für mich die mit Abstand wichtigste Frage, ob die Chemie mit den vor mir stehenden Menschen stimmt. Ist dies nicht der Fall, dann ist auch kein erfolgreiches Arbeiten möglich.

Worauf kommt es Ihnen beim Faktor Mensch am meisten an? Ist es Charisma? Verkaufstalent? Oder das Expertenwissen?

Da erzähle ich Ihnen mal ein kleines Geheimnis. Ich war früher auch nicht unbedingt der beste Schüler. Deshalb geht es mir heute nicht darum, ob jemand hochintelligent ist, oder ob ich mir sie oder ihn als Geschäftsführer eines Unternehmens mit 50 Mitarbeitern vorstellen kann. Mein Leitsatz lautet vielmehr: Können kommt von wollen. Ich muss spüren, dass Gründerinnen und Gründer für ihre Sache brennen. Insofern achte ich am meisten auf die Menschlichkeit einer Person.

Wie entdecken Sie diese Menschlichkeit bei Ihrem Gegenüber?

Ich finde es beispielsweise wahnsinnig sympathisch, wenn die Leute sehr nervös sind. Andere denken über aufgeregt präsentierende Gründer bei DHDL: „Und der will ein Unternehmen führen?“ Ich sage: „Geht Ihr erstmal ins Fernsehen, im Wissen, dass da drei Millionen Menschen zuschauen und Euch im schlimmsten Fall die Löwen auseinandernehmen.“ Ich weiß noch genau, dass ich vor meinem ersten Auftritt die ganze Nacht nicht geschlafen habe – und ich bin bis heute am Drehtag noch nervös.


Vita Ralf Dümmel

Ralf Dümmel begann seine berufliche Laufbahn 1988 als Verkaufsassistent der Handelsgesellschaft DS Produkte. 1996 wurde der Bad Segeberger Gesellschafter und 2000 Geschäftsführer des Unternehmens. In der Öffentlichkeit bekannt wurde Dümmel durch die TV-Gründershow „Die Höhle der Löwen“, in der er bereits seit 2016 in der Investoren-Jury sitzt. Bei „DHDL“ gilt der 53-Jährige als der aktivste Investor mit den meisten abgeschlossenen Deals.


Worauf kommt es im Business neben Menschlichkeit und guten Ideen an?

Auf die richtige Mischung aus Erfahrung und Vertrauen. Ich habe halt einfach das Lehrgeld schon ein paar Mal ausgegeben, das unerfahrene Gründer anfangs oft noch teuer bezahlen müssen. Aber ich würde zu meinen Gründern auch nie sagen, dass ich schlauer bin als sie, nur weil ich 30 Jahre länger Markterfahrung habe. Denn der Informationsfluss ist keine Einbahnstraße, ich lerne auch wahnsinnig viel von den Gründern.

Was ist Vertrauen heutzutage im Business noch wert?

Solange Menschen miteinander arbeiten und Geschäfte machen, wird Vertrauen immer die wichtigste Grundlage dafür sein! Wir Hamburger erscheinen da mit unserem hanseatischen Handschlag vielleicht ein bisschen eingebildet. Aber ich bin groß geworden mit dem Motto, dass ich als Kaufmann zu meinem Wort stehe und bin da womöglich auch ein bisschen oldschool. Aber keine Sorge, auch ich schließe Geschäfte in gewissen Größenordnungen natürlich längst nicht mehr ohne Verträge.

So wie bei DHDL: Im November 2019 endete die sechste Staffel und Sie waren wie schon in der fünften Staffel der Löwe mit den meisten Deals. Haben sich Ihre Investments bereits gelohnt?

Ich hatte tatsächlich eine gigantisch gute Quote von Abschlüssen. Von 15 Deals, die ich in der Sendung eingegangen bin, ist im Nachhinein nur einer geplatzt. Das gab es in allen anderen 28 DHDL-Ländern noch nie! Aus den 14 Abschlüssen der sechsten Staffel resultierte 2019 ein Handelsumsatz von kumuliert 35 Millionen Euro – das ist mehr als ordentlich.

In der siebten DHDL-Staffel werden Sie als Ersatz für den scheidenden Frank Thelen mit Nico Rosberg prominente Konkurrenz bei den Löwen haben. Haben Sie Angst, dass der frühere Formel-1-Weltmeister am Ihrem „Thron des Deal-Königs“ sägen könnte?

Dass Nico Rosberg das macht, finde ich spitze! Wir kennen uns noch nicht und daher bin ich neugierig auf den Menschen Nico Rosberg. Und ja, ich gebe zu: Der Name Rosberg hört sich vermutlich im ersten Moment „etwas“ schillernder an als Dümmel. Aber genau das macht den Reiz der Löwen bei DHDL doch auch aus! Die Show ist schließlich kein Wohltätigkeitsball, sondern wir kämpfen mit teilweise großen Summen um spannende Deals. Insofern freue ich mich schon riesig auf die neue Staffel.

(he, Jahrgang 1987) – Waschechter Insulaner, seit 2007 Wahl-Hamburger. Studierte Medien- und Kommunikationswissenschaften und pendelte zehn Jahre als Redakteur zwischen Formel-1-Rennstrecke und Vierschanzentournee. Passion: Sportbusiness. Mit nachhaltiger Leidenschaft rund um die Kreislaufwirtschaft und ohne Scheuklappen: Print, live, digital.