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“Corona-Krise gibt uns Zeit zum Entschleunigen und Nachdenken”

Das Nachhaltigkeitsportal Utopia gibt Konsumenten Inspiration für nachhaltigen Lebensstil und begleitet Unternehmen, die auf Nachhaltigkeit setzen. © Imago

Meike Gebhard, Geschäftsführerin des Nachhaltigkeitsportals Utopia, erwartet auch positive Folgen der Krise: Das Reiseverhalten werde sich zugunsten des Klimas ändern und der DIY-Megatrend beschleunigen, sagt die Umweltökonomin. Im Falle einer Rezession rechnet sie allenfalls mit einer Delle beim Trend zum nachhaltigen Konsum.

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Frau Gebhard, wie wirkt sich die Corona-Epidemie auf das Konsumverhalten aus?

MEIKE GEBHARD: Ob und wie stark das Konsumverhalten beeinflusst wird, hängt von der Dauer der Krise ab. Das gilt nicht nur für den nachhaltigen Konsum, sondern für den gesamten Konsum. Aktuell erleben wir, dass Menschen insgesamt weniger konsumieren. Wir haben Ende März die Utopia-Nutzer befragt, wie sich die Corona-Krise auf ihr Einkaufsverhalten auswirkt: 64 Prozent der Befragten sagen, dass sie insgesamt weniger einkaufen, sowohl online als auch im stationären Handel. Dauert die Krise nur kurz an, werden die Konsumenten relativ schnell zu ihren gewohnten Konsummustern zurückkehren. Meine Sorge ist, dass eine länger anhaltende Krise mit den entsprechenden Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt zu einer temporären Rückkehr von stark preisorientiertem Kaufverhalten führen kann. Langfristig, so meine tiefe Überzeugung, ist Nachhaltigkeit allerdings alternativlos und der nachhaltige Konsum wird sich weiter durchsetzen.

Sehen Sie diese Entwicklung nicht von den Folgen einer Rezession bedroht?

Der Trend im Grundsatz ist unumkehrbar. Gerade den Jungen ist sehr bewusst, dass die Klimakrise mindestens so gravierend für sie sein wird, wie die Corona-Krise heute. Sie ist nur noch nicht so real und spürbar. Deshalb werden wir schlimmstenfalls eine kurze Delle, aber keine Umkehr von der Entwicklung zu mehr Nachhaltigkeit erleben.

Start-ups sind oftmals Vorreiter bei Nachhaltigkeitsthemen, etwa wenn es um kreative Einfälle und mutige Ideen zur Umsetzung geht. Viele kleine Unternehmen sind nun allerdings in ihrer Existenz bedroht. Befürchten Sie dadurch Rückschläge beispielsweise bei der Produktentwicklung und Vermarktung nachhaltiger Waren? 

Ja, die befürchte ich. Viele unsere Kunden sind kleine Unternehmen mit einer dünneren Eigenkapitaldecke. Sie werden durch die Krise in ihrer Existenz bedroht. Gerade deshalb ist es uns so wichtig, in der Krise Solidarität mit dem lokalen Handel und kleinen grünen E-Commerce-Unternehmen zu üben.

Sehen Sie in der Krise auch Chancen für das Thema Nachhaltigkeit?

Wir alle erleben, dass die aktuelle Krise uns viel Zeit zum Entschleunigen und Nachdenken gibt. Die Menschen kochen mehr, lesen mehr und so weiter. Vieles wird schnell zur „Normalität“ zurückkehren, wenn die Kontaktsperre gelockert wird. Dennoch gehe ich fest davon aus, dass einiges bleiben wird. Um zwei Beispiele zu nennen: Durch das Zwangs-Home-Office beschleunigt sich die Digitalisierung unserer Arbeitsweisen. Wir erproben neue digitale Tools – neben den bekannten Hangouts und Videokonferenzen -, die wir auch nach der Krise weiter nutzen werden – und werden dadurch im Ergebnis weniger reisen. Der Trend zum DIY (Do-it-Yourself), den wir seit Jahren als Megatrend auf Utopia feststellen, wird durch Corona nochmals beschleunigt und uns danach erhalten bleiben.

Sie haben die Themen nachhaltiger Konsum und bewusste Konsumenten gerade zum zweiten Mal im Rahmen einer größeren Studie untersucht. Welche Trends haben sich seit der ersten Studie von vor zwei Jahren verstärkt?

In fast allen Konsumbereichen, egal ob Mobilität, Ernährung, Haushaltsgeräte oder Energie, hat Nachhaltigkeit seit der ersten Utopia-Studie an Bedeutung gewonnen. Besonders umweltfreundliches Reisen wird zum Thema. Die Lust am Einkaufen und Konsumieren nimmt dagegen insgesamt ab, ein Beispiel ist der sinkende Fleischkonsum von jungen Menschen. Es entsteht eine „neue Nachdenklichkeit” und eine veränderte Haltung. Weniger ist das neue Mehr: Drei von vier Teilnehmern unserer Befragung sind der Meinung, dass es in Zukunft vor allem darum gehen wird, weniger zu konsumieren. Die Unzufriedenheit mit dem „immer mehr” und „weiter so” nimmt zu. Zudem steigt die Bereitschaft, bestimmte Produkte aus ökologischen oder ethischen Gründen “grundsätzlich nicht” zu kaufen. Die Bereitschaft, für nachhaltige Produkte tiefer in die Tasche zu greifen, ist in der Gruppe der jungen Konsumenten besonders stark ausgeprägt. Wir sehen viele Indizien dafür, dass vor allem bewusste Konsumenten zwischen 18 und 34 Jahren nachhaltigen Konsum weiter vorantreiben werden.

Was hat Sie bei den Ergebnissen der Studie am meisten überrascht?

Der klare Trend in Richtung Suffizienz (dem Bemühen um einen möglichst geringen Rohstoff- und Energieverbrauch, Anm. d. Red.) und die neue Nachdenklichkeit haben uns nicht grundsätzlich, aber in der Klarheit und der Breite überrascht.

Utopia trägt Informationen zusammen, betreibt Marktforschung und formuliert Alltagstipps für Verbraucher und Entscheidungshilfen für Unternehmen. Was sind in der gegenwärtigen Situation Ihre wichtigsten Empfehlungen?

Wir geben unseren Lesern viele praktische Tipps, wie sie ihren Alltag zu Hause sinnvoll nutzen und dabei nachhaltig gestalten können. Von nachhaltigen Rezepten und Ernährungstipps über Empfehlungen für den nachhaltigen Frühjahrsputz bis hin zu Motivation, die Zeit zu nutzen, um Unerledigtes – etwa den Wechsel auf Ökostrom – in Angriff zu nehmen. Aber wir versuchen auch, nachhaltige Unternehmen ganz praktisch zu unterstützen. Dazu nutzen wir unsere Reichweite und animieren unsere User dazu, den lokalen Handel zu unterstützen – sowohl in eigenen Beiträgen als durch Promotion für lokale Plattformen. Außerdem pushen wir den nachhaltigen E-Commerce aktiv.

Meike Gebhard ist Expertin für Nachhaltigkeits-Strategie und Verbraucherkommunikation. Die promovierte Umweltökonomin ist seit 2008 Geschäftsführerin von Utopia.de, Deutschlands reichweitenstärkstem Internetportal für nachhaltigen Konsum mit mehr als 7,3 Millionen Nutzern im Monat. © Daniela Möllenhoff / Utopia

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