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Chinas Social-Credit-System: Aus Big Data wird Big Brother

Fragwürdige Methoden: Mit Unterstützung der großen Tech-Konzerne will Peking im nächsten Jahr ein landesweites sozialen Bonitätssystem starten.

Wer online ökologische Produkte bestellt, ist ein guter Mensch, wer stundenlang Computerspiele zockt, ein schlechter: Der chinesische Staat geht vor wie Amazon oder Alibaba. China plant ein digitales Punktesystem, um gute von schlechten Bürgern zu unterscheiden. Den Boden dafür haben die Marketingstrategien der Digital-Unternehmen geebnet.

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Von Anne-Kathrin Velten

Ein Social-Credit-System wird in rund einem Dutzend Regionen des Landes getestet und soll im Jahr 2020 flächendeckend eingeführt werden. Es handelt sich dabei um eine Art Schufa für alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Das System analysiert die digitalen Bewegungen seiner Bürger. Zusätzlich prüft die Regierung, ob die Chinesen Rechnungen bezahlen, Verkehrsregeln beachten, regelmäßig spenden und sich um ihre Eltern kümmern, indem sie beispielsweise Arztrechnungen übernehmen. Kritik an der Politik des Landes bedeutet Punktabzug. Das Ergebnis ist der soziale Wert eines Einzelnen. Bürger mit einem hohen Punktestand haben es bei der Wohnungssuche leichter, erhalten eine bessere Gesundheitsversorgung und der Nachwuchs hat einen besseren Zugang zu Universitäten. Menschen am unteren Ende des Rating-Systems müssen um ihre Zukunft bangen. Denn nicht nur die Bürger können über eine App den Punktestand einsehen, auch Arbeitgeber, Banken, Vermieter und sogar Reiseanbieter sollen Einblick erhalten.

Dazu Belohnungssystem anbieten

Neu ist die digitale Überwachung nicht. China übernimmt schlicht die Marketingstrategien ihrer erfolgreichsten Unternehmen. Alibaba hat gut vorgearbeitet und zeigt, wie kurz der Schritt von der Analyse des Einkaufs- zur Analyse des Sozialverhaltens ist. Mit dem System Sesame Credit betreibt die Gruppe bereits ein Kredit-Scoring-System und bewertet seine Nutzer nach ihrem sozialen Verhalten. In den Sesame-Punktestand fließen neben dem Konsumverhalten auch Daten aus dem Schuldenregister oder von Gerichten ein. Ähnliches plant auch Tencent, der Betreiber von Wechat. Alibaba ist das erste Unternehmen, das nicht nur ein Belohnungssystem anbietet, sondern dessen Nutzer auch negative Konsequenzen fürchten müssen.

Ford und Alibaba stellen den Auto-Automaten auf

Niemand ist zur Teilnahme verpflichtet, die Anreize sind aber hoch. Nicht nur weil das System mit Baihe, der größten Dating-App Chinas, verknüpft ist und Nutzer mit einem hohen Sesame-Punktestand leichter einen Partner gewinnen. Das Datenpotenzial  ist von Alibaba gigantisch. Kein Wunder, dass Unternehmen wie Ford Schlange stehen, um eine Kooperation eingehen zu können. So hat der Autohersteller mit Alibaba kürzlich eine Vereinbarung unterzeichnet, Bürgern mit einer sehr guten sozialen Glaubwürdigkeit Testfahrten kostenfrei anzubieten. Und genau solche Anreize sind neben der kommunistischen Vergangenheit, die Gründe, warum die Bürger der Volksrepublik auch das staatliche Social-Credit-System großteils unkritisch sehen. Sie gehen davon aus, dass sie darüber wie bei Sesame im Zweifel Zugang zu Waren erhalten, die ihnen sonst verwehrt blieben. Nach eigenen Angaben stellt Alibaba die Daten bereits Behörden und Banken zur Verfügung.

Tatsächlich unterscheiden sich die Regierungspläne bislang kaum von den Marketingstrategien der chinesischen Internetunternehmen. Sind die chinesischen Bürger ohnehin entspannter, was die Themen Privatsphäre und Datensicherheit angeht, erwarten chinesische Unternehmen positive Effekte von dem Social-Credit-System. Denn nicht nur Privatpersonen werden erfasst, auch Firmen werden geprüft. Eine bessere Werbung als einen hohen Punktestand können sich Unternehmer kaum vorstellen.

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