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Kolumne: Schlägt in der Automobilbranche der Kostendruck den Erfindergeist?

Wolf Ingomar Faecks, Senior Vice President und Industry Lead Automotive/Manufacturing/Health EMEA/APAC, Publicis.Sapient

Der Einkaufsprozess in der deutschen Automobilindustrie ist schon immer geprägt von harten Preisverhandlungen und einem hohen Anforderungskatalog an Zulieferer. Strategische Einkäufer in ihren fest etablierten Vorgehensweisen unterscheiden nicht, ob es sich beim Lieferanten um einen Hersteller von Hardware oder den Anbieter komplexer Software oder Dienstleistungen handelt. Das wirft die Frage auf, inwiefern die Abteilungen innovative Entwicklungen ihrer Branche fördern.

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Längst treiben komplexe Servicedienstleistungen, Software- und Hardware-Lösungen die Innovationen innerhalb der Branche an. Nur werden diese im Einkauf häufig nicht anders eingestuft als der Satz Schrauben oder Kugellager. Und so kommt es, dass sich das Spannungsfeld zwischen Procurement und Lieferanten festigt. Denn Ausrichtung und Zielführung des gesamten Prozesses scheinen überholt und nicht mehr zu den aktuellen Rahmenbedingungen der Branche zu passen.

Zudem kommt hinzu, dass der Anforderungskatalog den Zulieferern vieles abverlangt. Ob Hardware oder Dienstleistung – einen Verhandlungsspielraum gab und gibt es für Lieferanten nicht. Etablierte Online-Auktionen zwingen sie in den Preiskampf und haben zur Folge, dass an anderer Stelle gespart werden muss. Gleichzeitig setzen die Hersteller neben der preislichen Flexibilität ihrer Partner ein Maximum an Qualität, Expertenwissen und Verständnis für die zukünftigen Herausforderungen und Endkundenwünsche der Branche voraus.

Dienstleistungen sind nicht in Stückzahl messbar und skalierbar

Während OEMs aus dem klassischen Produktumfeld die Kostenanspannung mit erhöhter Stückzahl abfedern können, ist es Servicedienstleistern nur schwer möglich, Skaleneffekte umzusetzen. Beratungsleistung und Fachwissen stellen die Kernressource dieser Zulieferer dar. Wenn nun eine längere Laufzeit oder ein umfangreicheres Projekt in Aussicht gestellt wird, ergibt sich für Servicedienstleister dank des Ausmaßes kein Vorteil. Das Know-how bleibt immer gleich wertvoll, nur ist es eben länger oder stärker im Einsatz gebunden – zum gleichen Preis.

Neben dem Skaleneffekt durch größere Stückzahlen rechtfertigt oftmals auch die langfristige Vertragsbindung eine Preissenkung oder Rabattstaffelung. Doch auch hier sehen sich Zulieferer im Nachteil. Denn immer seltener setzt die Automobilbranche auf längere Projekte und eine dauerhafte Zusammenarbeit. Stattdessen schreiben die Einkäufer kleinere Umfänge immer wieder neu aus und nehmen Lieferanten damit die für eine Preissenkung in Kauf genommene Planungssicherheit.

Qualität und Innovation brauchen Raum

Wer Qualität fordert, muss gleichzeitig innovative Entfaltung und Entwicklung ermöglichen. Nur wer Trends kennt, Mitarbeiter schult oder wertschöpfende Technologien beherrscht, kann heute und vor allem morgen überzeugende Qualität gewährleisten. Alle diese Maßnahmen bezahlen Zulieferer von ihrer Marge. Doch im Kostendruck des Einkauf-Lieferanten-Gefüges bleibt kaum Raum für Innovation. Folge dieser Entwicklung ist eine Spirale, die die Wettbewerbsfähigkeit der gesamten Branche langfristig negativ beeinflussen könnte.

Wenn die strategischen Einkaufsabteilungen der Autohersteller und die Lieferanten gleichermaßen umdenken, wird die deutsche Automobilindustrie dieser Spirale entgehen und die Energie aller Beteiligten in sinnvolle Bahnen lenken. Beste Qualität ist das gemeinsame Ziel und sollte in den Fokus aller Verhandlungen rücken.

Das bedeutet: Die OEM-Einkäufer müssen ihre Qualitätsansprüche an die Zulieferer künftig tatsächlich über alles stellen und nicht länger das günstigste Angebot dem hochwertigsten vorziehen. Die Servicedienstleister ihrerseits müssen ihre Verantwortung innerhalb der Branche selbstbewusst annehmen und den Preisverfall geschlossen ablehnen. Nur wer den Wertbeitrag der eigenen Arbeit von Anfang an überzeugend kommunizieren kann, macht deutlich, dass die Qualität nicht den Kosten zum Opfer fallen darf. Wenn dieses Credo für beide Parteien ins Zentrum der Zusammenarbeit rückt, steht der internationalen Strahlkraft der deutschen Automobilbranche auch in Zukunft nichts im Wege.

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