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AUMA-Chef: Corona war für die Messebranche katastrophal

Jörn Holtmeier ist seit Januar 2020 Geschäftsführer des Verbands der deutschen Messewirtschaft (AUMA) in Berlin. © AUMA

Jörn Holtmeier, Geschäftsführer des Verbands der deutschen Messewirtschaft (AUMA), spricht über das tiefe Tal, das die Messegesellschaften, Veranstalter und Besucher durchschreiten mussten. Nun steht die Branche in den Startlöchern und gibt sich wieder vorsichtig optimistisch.

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Herr Holtmeier, bringt der Messeherbst die erhoffte Rückkehr zur Normalität oder rechnen Sie mit erneuten Einschränkungen?

Wir erwarten schon, dass die Geschäfte sukzessive wieder in Gang kommen und dass wir – anders als im vergangenen Herbst – nicht wieder in einen Lockdown rutschen, weil wir auch einen hohen Anteil an Geimpften haben, der noch steigt. Bestimmte Auswirkungen werden uns aber auch weiterhin fordern. Die internationalen Einschränkungen im Reiseverkehr beeinträchtigen natürlich auch das Messegeschäft. Und wir haben durch die Pandemie eine weltweite Wirtschaftskrise, in der so manche Marketingbudgets hinterfragt werden. Daher haben wir nicht die Erwartung, dass wir in diesem Herbst und Winter wieder auf einem Vorkrisen-Niveau landen. Die Rückmeldungen aus der Wirtschaft, dass Messen fehlen und dringend gebraucht werden, stimmen uns aber für die Zukunft optimistisch.

Was hat Corona mit dem Messestandort Deutschland gemacht?

Die Auswirkungen auf unsere Branche waren katastrophal. Von Corona wurde das Geschäft Messe so hart getroffen wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen fehlte in dieser Zeit ihr Branchenmarktplatz, auf dem sie ihre Produkte zeigen konnten, und damit eine ganz wichtige Absatz- und Vertriebsplattform. Und die Krise hat uns in gewisser Weise doppelt schwer belastet, weil wir auch der weltweit führende Messestandort mit vielen internationalen Leitmessen sind. Die Einschränkungen des Reiseverkehrs haben uns daher besonders hart getroffen.

Welche finanziellen Konsequenzen hat die Pandemie für die Messebranche und darüber hinaus?

Wir ermitteln gemeinsam mit dem ifo Institut den volkswirtschaftlichen Effekt von Messen. Der umfasst alle Bereiche, die von Messen profitieren, beispielsweise Gastronomie und Hotellerie, Messebauunternehmen, den Einzelhandel und das lokale Handwerk. Vom März 2020 bis Juli 2021 beläuft sich der volkswirtschaftliche Schaden auf 42 Milliarden Euro. In einem normalen Jahr beträgt der gesamtwirtschaftliche Beitrag der Messewirtschaft 28 Milliarden Euro in Deutschland, im vergangenen Jahr waren es gerade einmal sechs Milliarden Euro. Und in diesem Jahr wurden leider auch schon rund zwei Drittel aller Messen abgesagt. Wir rechnen daher für 2021 mit Verlusten in der Größenordnung des vergangenen Jahres.

Welche Forderungen haben Sie an die Politik im Hinblick auf den bevorstehenden Messeherbst und -winter?

Wir brauchen Planungssicherheit und Stabilität, gerade für die ausstellenden Unternehmen. Deshalb benötigen wir inzidenzunabhängige Regelungen innerhalb der bestehenden Hygienekonzepte und auf Basis von 3G – also geimpft, genesen oder getestet. Wir haben im letzten Jahr schon bewiesen, dass mit ganzheitlichen Hygienekonzepten Messen sicher stattfinden können. In nur wenigen Wochen im Herbst 2020 haben wir Messen mit 180.000 Besuchern sicher und erfolgreich durchgeführt. Einlasskontrollsysteme und das Management von Besucherströmen sind Kernkompetenzen von Messeveranstaltern. Diese Kompetenzen hat die Branche ja auch bei der Organisation von Impfzentren eindrücklich gezeigt.

Wie positionieren Sie sich in der Diskussion 3G oder 2G?

Wenn wir auf unseren Marktplätzen auch Internationalität abbilden wollen, müssen wir Regelungen haben, mit denen Aussteller und Besucher aus allen Ländern dabei sein können. Zum jetzigen Zeitpunkt ist das mit 3G sehr gut möglich. Testen war auch in der Vergangenheit ein Weg, um den Zugang zu Veranstaltungen zu ermöglichen. Das zeigen auch Beispiele aus anderen Regionen der Welt.

Sie kritisieren, dass Deutschland als Messestandort mit Öffnungsschritten zu spät dran ist.

Wir waren nicht die Ersten, und damit meine ich jetzt nicht China, Taiwan, Dubai oder Südkorea. Auch europäische Märkte waren schneller dran: Die Franzosen, Italiener und Spanier sind früher gestartet und haben konsequent auf 3G gesetzt. Da hätte ich mir auch ein früheres Signal aus Deutschland gewünscht. Für mich war es nicht nachvollziehbar, als im Mai in Madrid eine Tourismusmesse mit mehr als 50.000 Besuchern stattgefunden hat, aber zum gleichen Zeitpunkt wurde in Berlin – bei nur halb so hohen Inzidenzen – die Internationale Funkausstellung abgesagt, weil der Berliner Senat keine ­Perspektive gegeben hatte.

Sie sind davon überzeugt, dass die klassische Messe als Live-Format nicht digital ersetzt werden kann?

Das geht ganz klar aus Umfragen hervor, die wir und auch verschiedene Messeveranstalter gemacht haben: Das Bedürfnis, sich persönlich auszutauschen, Vertrauen aufzubauen und daraus eine Geschäftsbeziehung zu entwickeln, wird ganz klar mit persönlichen Treffen und der physischen

Wahrnehmung von Produkten verbunden. Das beweisen auch Messen in Asien, wo man gemessen an den Besucherzahlen und Ausstellern wieder nah an den Vor-Corona-Werten ist. Diese Erfahrung habe ich auch persönlich schon auf einer Pilotmesse nach dem Lockdown gemacht: Ich habe die TrendSet in München besucht, eine Konsumgütermesse für Einkäufer mit klassischer B-to-B-Ausrichtung. Alle, die ich dort getroffen habe, sagten: Wunderbar, dass es diesen Austausch jetzt wieder gibt!

Dieses Interview ist auch als Teil einer Titelstrecke zur Messe- und Eventbranche im Printmagazin der absatzwirtschaft erschienen, das Sie hier abonnieren können.

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