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75 Prozent der Kenianer verwenden mobile Konten: Was Deutschland von Entwicklungsländern lernen kann

Kaum ein Land unterstützt Entwicklungsländer so wie Deutschland. Gemäß dem Leitsatz „Tue Gutes und rede darüber“ ist deutsches Engagement weltweit eine echte Marke. Doch die Zeiten wandeln sich: Im Finanzsektor sind Kenia und Vietnam ein Vorbild.

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Von Anne-Kathrin Velten

In Deutschland leben trotz der freiwilligen Selbstverpflichtung der Banken, jedem ein Girokonto zu ermöglichen, 670.000 Menschen ohne Bankzugang. Tendenz steigend. Gleichzeitig entwickeln Kenia und Vietnam moderne Finanzsysteme und führen innovative Dienste ein. Auch in der Vermarktung der damit verbundenen Technologie sind diese Länder führend. Das Ergebnis: Innerhalb weniger Jahre wurde fast die gesamte Bevölkerung Nutzer des Finanzsystems.

Keinen Zugang zu Bankdienstleistungen

Natürlich unterscheiden sich die Märkte in Schwellen- und Entwicklungsländern drastisch von reifen Märkten wie Deutschland. Zudem können Lösungen nicht einfach von einem Markt in den anderen kopiert werden. Dennoch lohnt sich der Blick nach Subsaharaafrika und Fernost. Denn in Deutschland driften Stadt und Land insbesondere beim Zugang zu digitalen Dienstleistungen immer weiter auseinander. Keine physische Zweigstelle einer Bank in der Nachbarschaft zu haben, bedeutet für viele Menschen, dass sie gar keinen Zugang zu Bankdienstleistungen haben oder diese nur unzureichend nutzen können.

In Kenia haben inzwischen 82 Prozent der Bevölkerung ein Bankkonto. 2011 waren es halb so viele. Dies ist zum großen Teil dem mobilen Bezahlsystem M-Pesa zu verdanken. Die Low-Tech-Innovation wird auf herkömmlichen Mobiltelefonen und nicht nur auf Smartphones angeboten. Sie kam auf, bevor Mobile Payment in Europa überhaupt ein großes Thema wurde. M-Pesa wurde 2007 vom Mobilfunkbetreiber Safaricom in Kooperation mit Vodafone ins Leben gerufen und ermöglicht dem Nutzer, alles – von der Stromrechnung bis zum Essen – online zu bezahlen. Das System ist einfach: Die Menschen speichern Geld auf dem Telefon und zahlen per SMS an andere Nutzer. Es entstehen nur geringe oder gar keine Kosten. 75 Prozent der Kenianer verwenden inzwischen das mobile Konto.

E-Wallets in Vietnam

Eine ähnliche Entwicklung findet in Vietnam statt. Das Land hat sich zu einem wirtschaftlichen „Mini-China“ entwickelt: Smartphones und Mobilfunkverträge sind günstig und bringen Millionen Vietnamesen online. Auch hier ermöglichten E-Wallets für viele den Zugang zum Finanzsystem. Der Online-Zahlungsdienst MoMo hat bereits fünf Millionen Nutzer. Erst kürzlich hat Grab, Südostasiens Uber, seinen mobilen Bezahldienst GrabPay eingeführt, der voraussichtlich viele Millionen Vietnamesen zusätzlich in das Finanzsystem führen wird.

Natürlich nutzen auch in Deutschland Konsumenten Dienstleitungen wie PayPal oder individuelle Systeme ihrer Hausbank. Was aber fehlt ist ein schneller und einfacher Service für jedermann. Dabei wurden allein in Europa und den USA in den vergangenen sieben Jahr knapp 10.000 Fintech-Unternehmen gegründet, die oftmals aber hohe administrative Hürden nehmen müssen. Der Vorteil der Entwicklungsländer: Sie sind nicht durch veraltete Infrastrukturbedingungen belastet und können sich so viel schneller als innovativer Bankdienstleister etablieren.

Lerneffekt für Deutschland

Um die positiven Entwicklungen aus den Entwicklungsländern in Deutschland zu kopieren, gilt es im Wesentlichen drei Schritte zu gehen. Zunächst muss die Mobilfunkabdeckung im ländlichen Raum erweitert werden. Ohne Breitbandinternet bleiben Menschen von grundlegenden Finanzdienstleistungen abgeschnitten.  In einem zweiten Schritt muss die Finanzkompetenz der Bevölkerung verbessert werden. Um fundierte finanzielle Entscheidungen zu treffen, muss ständig neu gelernt werden. So hat beispielsweise das Niedrigzinsumfeld die Altersvorsorge grundlegend verändert. Als drittes müssen Vorschriften von politischen Entscheidungsträgern und Zentralbanken aktualisiert werden, um Innovationen stärker zu fördern. Der derzeitige Flickenteppich staatlicher Regulierungsbehörden macht es Fintechs schwer, Dienstleistungen zu skalieren.

Auch im Marketing besteht Nachholbedarf: In Europa und den USA sind nach wie vor einige der größten Namen der Finanzwelt beheimatet. An anderer Stelle treten aber deutlich mehr Einhörner auf. Das gilt insbesondere in innovationsfreundlichen Wirtschaftssystemen wie in Asien und ausgewählten afrikanischen Ländern. Gerade das Beispiel von M-Pesa zeigt, wie schnell diese den Markt dominieren, wenn sie mit großem Marketingeinsatz durchstarten. M-Pesa holte die Konsumenten mit Großplakaten in ländlichen Regionen sowie an Tankstellen und Kiosken ab – eben genau da, wo der Dienst Mehrwert einen bringt und genutzt wird. Die Grundidee ist simpel: Je einfacher das Produkt, desto leichter lässt es sich vermarkten und desto größer ist der Kundenkreis.

 

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