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Wie Stefan Raab mit seiner Show zwar Quote aber kaum Inhalt liefert

Was Stefan Raab anfasst wird normalerweise zu Gold. Egal ob TV Total, Schlag den Raab oder die Wok-WM. Raab glänzt mit Traumquoten in der Abendunterhaltung. Jetzt will er auch politische Talkshows machen. Gestern war Premiere von „Absolute Mehrheit“. Die angekündigte Talkshow-Revolution war es nicht.

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Von Anne-Kathrin Keller

Sonntagabend 22.45 Uhr: Günther Jauch hat seinen ARD-Talkrunde gerade abmoderiert, da betritt auf Pro Sieben Stefan Raab die Bühne der politischen Meinungssendungen. Der Anspruch seiner neuen Show „Absolute Mehrheit – Meinung muss sich wieder lohnen“ ist nicht geringer als die erste ehrliche, messbare und ergebnisorientierte Talkshow zu sein. Die Sendung soll unterhalten, aber vor allem seriös sein. Das macht Raab schon in der Anmoderation deutlich.

So funktioniert die Sendung

Raab ist seiner Marke treu geblieben. Die Sendung „Absolute Mehrheit“ funktioniert, wie Raabs restliche Shows. Sie ist ein Wettbewerb. Am Ende steht ein Sieger. Einziger Unterschied: Stefan Raab selbst kann nicht gewinnen. Vier Politiker und ein „Normalbürger“ diskutieren in 90 Minuten inklusive Werbeunterbrechung in drei Runden drei verschiedene Themen. Am Ende jeder Runde dürfen die Zuschauer per Telefon abstimmen, wer sie am meisten überzeugt hat.

Nach jeder Runde fliegt der Kandidat mit den wenigsten Anrufen aus der Wertung. Wer nach drei Runden die absolute Mehrheit erreicht, also mehr als 50 Prozent der Stimmen auf sich vereint, bekommt 100.000 Euro. Hat er weniger Stimmen, geht er leer aus. Die Anrufer zahlen 50 Cent pro Anruf oder SMS.

Auf Raabs Talksofa saßen SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann, Wolfgang Kubicki von der FDP, Unternehmerin Verena Delius, Unionsfraktions-Vize Michael Fuchs und Linken-Vorsitz Jan van Aken. Die Themen waren Steuergerechtigkeit, Energiewende sowie Internet und soziale Netzwerke. Ein Einspielfilm stellte die Themen kurz vor und lieferte erste Diskussionspunkte.

ProSiebenSat.1-Chefjournalist Peter Limbourg präsentierte zwischendurch die Zuschauerstimmen und seine Einschätzung der Diskussion. In der ersten Runde flog CDU-Politiker Fuchs. In der zweiten Runde hatte Unternehmerin Delius knapp am wenigsten Stimmen. Die Sendung gewann Wolfgang Kubicki. Das Preisgeld bekam er allerdings nicht. Mit 42,6 Prozent konnte er zwar die meisten Stimmen gewinnen, nicht aber die absolute Mehrheit erreichen.

Katastrophale Kritiken

Am Morgen nach der Sendung überschlagen sich die negativen Stimmen. Bild.de schreibt: „Absolute Mehrheit ist absolut überflüssig!“. Die Kritik auf Spiegel.de nennt die Show „sinnfrei“. Auch mit Raab gehen die Kritiker nicht zimperlich um. „Als Moderator der Polit-Runde hat Raab seine Rolle noch nicht gefunden“, schreibt Stern.de.

Die negativen Stimmen waren zu erwarten. Bereits im Vorfeld hat keiner Raab eine politische Sendung zugetraut. CDU-Bundestagspräsident Norbert Lammert hält das Konzept für „absoluten Unfug“, wie er in der vergangenen Woche mitteilte. FDP-General Patrick Döring nannte es „skurril“.

Die gesamte Woche über hatte es eine heftige Diskussion über die Besetzung der Show gegeben. Grünen-Fraktionsgeschäftsführer Volker Beck wurde von den Machern der Show wieder ausgeladen. Umweltminister Peter Altmaier (CDU) hatte seinen Auftritt kurzfristig abgesagt. Übrig geblieben sind mit Oppermann, Fuchs, Kubicki und van Aken eher die zweite Reihe der deutschen Parteien. Die Grünen und die Piraten haben erst gar keinen Kandidaten geschickt. Zum Vergleich: Bei Jauch saßen kurz zuvor Ursula von der Leyen und Oskar Lafontaine.

Die Quote stimmte

Es wäre aber nicht das erste Mal, dass negative Presse am Ende die beste Werbung für ein Format ist. Denn trotz aller Kritik hielt Stefan Raabs Show dem Quotendruck stand. Die Premiere von „Absolute Mehrheit“ brachte es auf eine Reichweite von 2,23 Millionen Fernsehzuschauern. 1.28 Millionen Zuschauer aus der für ProSieben werberelevanten Zielgruppe schalteten ein. Insgesamt ist das eine Sehbeteiligung von guten 11,6 Prozent. Günther Jauch brachte es in seiner ARD-Show kurz zuvor auf 18,9 Prozent.

Eine politische Talkshow hat Raab allerdings nicht geliefert. Er kam aus seiner Rolle nicht heraus. Zu sehr wollte er das Publikum zum Lachen bringen. Sein Talk sollte tiefer gehen als die Runden bei ARD und ZDF. Erreicht hat er es nicht – die Statements der Politiker blieben allgemein. Unternehmerin Delius sorgte zwar dafür, dass die Zuschauer sich stärker repräsentiert sahen, aber nachhaltig verändern konnte sie die Diskussionsatmosphäre auch nicht. Raab fragte etwas provokanter als seine Kollegen Maischberger, Will oder Plasberg, aber es fehlte ihm einfach an Erfahrung mit schweren Themen. Er konnte Thesen nicht zusammenfassen und führte schlecht durch die Diskussion.

Fazit

Raabs Witze waren deutlich zu flach für eine politische Talkshow. So fragte er Michael Fuchs in der Anfangsrunde „Herr Fuchs, wer hat die Gans gestohlen?“. Er wollte locker wirken, gewohnt witzeln. So fragte er Wolfgang Kubicki nach seiner Meinung zu FDP-Chef Rösler. Kubicki weicht aus. Um dennoch für Tempo zu sorgen sagt Raab: „Wenn Rösler das beim Abendessen sieht, fallen ihm hoffentlich nicht die Stäbchen aus der Hand.“ Ein Witz, der nicht nur in einer Raab-Show unpassend ist.

Anstrengend waren auch die Werbepausen. Kaum kam die Show richtig in Gang musste Raab unterbrechen: Werbung. Zudem war das Konzept der Show kein wirkliches Novum. Die Show ist eine leicht veränderte Kopie der Raab-Show „TV Total“-Sondersendungen zu den Bundestagswahlen 2005 und 2009. Was damals hoch gelobt wurde, fand gestern negative Kritiker.

Die Sorge vieler Journalisten und Politiker deutscher Politiktalk würde demnächst nur noch mit Raab auf ProSieben stattfinden, ist nach dieser Premiere unbegründet. Die nächsten Shows werden zeigen, ob Raab die Herausforderungen annimmt, sich thematisch besser aufstellt und Zuschauer und Politiker aus der ersten Reihe für seine Sendung gewinnen kann. In jedem Fall steht die Show für ein neues Talkkonzept und wenn so Zuschauer bei Politik einschalten, die ansonsten bei Politik wegschalten würden, hat Raab viel erreicht. Für Raab selbst könnte die neue Show der erste Misserfolg werden. Er versucht sich auf ganz neuem Terrain. Er ist kein ausgebildeter Journalist und die Marke Raab steht nicht für Seriösität. Nicht jede Markendehnung wird mit Erfolg belohnt – das gilt für Produkte wie für Moderatoren.

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