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Wie Seniorbook.de zum Facebook für Senioren werden will

Das erste richtige soziale Netzwerk – und das ausgerechnet für Senioren. Vor zwei Wochen ging Seniorbook.de online. Das Portal bietet der Generation 45-Plus die Möglichkeit, sich zu vernetzten, lokale News auszutauschen und für ihr Engagement zu werben. Diese Woche startet die Agentur 19:13 eine aufwendige Kampagne für die Kanäle Online, Print und Dialog. Ob ein soziales Netzwerk für Senioren zum Erfolg werden kann, bleibt fraglich.

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Von Anne-Kathrin Keller

Sie sind kaufkräftig und ihre Gruppe wird immer größer: Sogenannte Silver Surfer stehen im Zentrum neuer Onlinegeschäftsmodelle. Silver Surfer – das sind onlineaffine Männer und Frauen über 45 Jahre. Ende September ging die Seniorbook AG mit ihrem sozialen Netzwerk Seniorbook.de online. Hier sollen sich die Best Ager demnächst austauschen. Das Konzept geht deutlich über den Netzwerkgedanken von Facebook und Co. hinaus und will die gesamte Lebensrealität der älteren Generation abbilden.

Die verantwortliche Agentur 19:13 entwarf den Claim „Mein Heimat-Ich im Internet“ und das komplette Corporate Design. Diese Woche beginnt die Werbekampagne. Testimonials sind echte Seniorbook.de-Nutzer. Sie erzählen in Werbespots, in Printanzeigen und Dialogkanälen über ihre Erfahrung mit dem Netzwerk. Um die Zielgruppe zu erreichen, geht 19:13 nicht nur über die üblichen Werbekanäle, sondern will zusätzlich 180.000 Flyer über einen Kulturverteiler mit Museen oder Veranstaltungen an die Senioren bringen.

Social Media neu und umfassender

Die Form ist neu: Seniorbook will nicht nur Nutzer vernetzen. Die Gründer erheben den Anspruch, ein soziales Netzwerk bereitzustellen, das von A bis Z so ausgerichtet ist, wie Menschen heutzutage älter werden wollen. Sie wollen sich aktiv, interessiert und mit ihrer Stadt oder Region verwurzelt darstellen. Im Zentrum steht das Wissen und Engagement der älteren Generation.

Es gibt Themenwelten mit redaktionellen Beiträgen, in der Nutzer gemeinsame Interessen entdecken können. Regionale Inhalte werden im Lokalteil abgebildet. Der Bereich Bürgerhilfe soll einen Online-Marktplatz für bürgerliches Engagement schaffen. Zudem können sich Firmen und Vereine auf der Plattform engagieren.

Im Idealfall kontaktieren sich die Nutzer gegenseitig, wenn sie in einem anderen Teil des Landes Urlaub machen wollen, und holen sich Tipps von dort Ansässigen. Andere Nutzer versuchen, über das Netzwerk Spenden für soziale Projekte aufzutreiben und Themen zu platzieren, die ihnen in ihrem Wohnort am Herzen liegen.

Das Layout des Portals ist einfach und übersichtlich. Die Gründer legen viel Wert auf Seriosität. Darum sollen Datenschutz und Privatsphäre höchste Priorität auf Seniorbook haben: Die Nutzer müssen nur so viel preisgeben, wie sie wollen. Das unterscheidet das Konzept von Facebook. Auf Seniorbook sind die Voreinstellungen so gemacht, dass fast keine persönlichen Angaben öffentlich für alle sichtbar sind.

Markt verspricht Wachstum

Wenig von sich selbst preisgeben zu müssen, wirkt vertrauenerweckend für die Nutzer. Gerade die ältere Generation ist deutlich sensibler, was das Thema Datensicherheit angeht, als die Generation der sogenannten Digital Natives. Allerdings hat das die Folge, dass Werbeplätze möglicherweise schwerer verkauft werden können, da Werbung nicht optimal auf die Nutzer zugeschnitten werden kann. Das könnte zum Problem werden, denn das Geschäftsmodell der Seniorbook AG setzt auf Werbeeinnahmen. Drei Millionen Euro steckte ein Bauunternehmer aus Deggendorf bisher in das Projekt. In drei Jahren will Alois Erl mit Seniorbook Geld verdienen. Er ist überzeugt, dass er eine Nische neben den Internet-Netzwerken Facebook und Google+ gefunden hat.

Die blanken Zahlen jedenfalls versprechen Wachstum. 73,7 Prozent der 50- bis 59-Jährigen in Deutschland gehen regelmäßig online. Bei den über 60-Jährigen geht die Prozentzahl deutlich zurück. Es sind deutlich mehr ältere Männer als Frauen, die im Internet surfen. Es macht strategisch Sinn, diese Zielgruppe in den Blick zu nehmen. In dem Segment können neue Produkte noch konkurrenzlos platziert werden, während die Sättigungsgrenze in den unteren Altersklassen weitgehend erreicht ist.

Die Zielgruppen 50-Plus machen einen immer größeren Anteil am Gesamtmarkt der Konsumenten aus und gelten als sehr kaufkräftig. Bereits heute ist über ein Drittel der Gesamtbevölkerung älter als 50 Jahre, bis zum Jahr 2035 steigt laut Statistischem Bundesamt der Anteil der über 50-Jährigen auf 50 Prozent.

Große Herausforderung für Werber

Die Zielgruppe ist schwer einzufangen. Ein echtes Problem für Werber. Die Zielgruppe nimmt sich selbst meist jünger wahr, als sie tatsächlich ist. Das bedeutet für soziale Netzwerke: Wer im gesetzteren Alter online geht, geht auch zu Facebook, Xing und Google+. Es ist fraglich, dass sich gerade die Gruppe der über 45-Jährigen, die sich vernetzen will, in die Seniorenecke drängen lässt.

Auch an Zuwachs durch den demografischen Wandel ist schwer zu glauben. Warum sollten Nutzer, die jetzt bei Facebook sind, später auf Seniorbook wechseln? Es ist eher zu erwarten, dass Facebook sein Angebot an die Zielgruppe anpasst. Diese Strategie ging schon bei der Diversifizierung von StudiVZ nicht auf. Die wenigsten Nutzer sind mit dem Verlust des Studentenstatus von StudiVZ auf MeinVZ gewechselt.

Seniorbook hat also die größten Chancen, diejenigen Nutzer zu gewinnen, die bisher wenig online sind. Das sind in erster Linie Frauen über 60 Jahre. Dazu muss das Unternehmen die Zielgruppe aber erst einmal erreichen. Es ist schwer, für ein Onlineprodukt zu werben, wenn ein Großteil der Zielgruppe nicht online ist. Die Kampagne von 18:13 platziert darum Flyer in Kulturinstitutionen. Sie wollen die Nutzer da abholen, wo sie sind: im Rahmen ihres Engagements.

Bisher hat Seniorbook.de rund 1.500 registrierte Nutzer. Die Ziele sind ehrgeizig: 250.000 sollen es im ersten Jahr werden, langfristig fünf Millionen. Zum Vergleich: Facebook hat derzeit knapp 27 Millionen Mitglieder in Deutschland.

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