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Warum ein Ökonom in religiösen Schriften forscht

„Ohne das Christentum wären die heutigen westlichen Demokratien mit ihrer freien Marktwirtschaft kaum denkbar“, schreibt der tschechische Ökonom Thomáš Sedláček in seinem Buch „Die Ökonomie von Gut und Böse“. In deutscher Sprache ist es im vergangenen Jahr erschienen. Mit Sedláčeks Gedanken zur christlichen Ethik des Wirtschaftens, zur Bedeutung des Schenkens und zur Feiertagsruhe wünscht Ihnen die absatzwirtschaft-Redaktion ein frohes Weihnachtsfest.

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Von Astrid Schäckermann

Über viele Jahre hinweg hat Tomáš Sedláček in wegweisenden Schriften des westlichen Kulturkreises nach Hinweisen auf ökonomische Konzepte geforscht. Was er im Gilgamesch-Epos, bei den griechischen Gelehrten der Antike, im Alten und Neuen Testament der Bibel als den zentralen Schriften von Judentum und Christentum sowie bei René Descartes, Bernard Mandeville und Adam Smith fand, zeigt, wie tief die Wirtschaftswissenschaften in der Kultur verankert sind. Für den Prager Hochschullehrer, der auch Mitglied im Nationalen Wirtschaftsrat seines Landes und Makroökonom der größten tschechischen Bank CSOB ist, gehören ethische Fragen daher zum Forschungsfeld der Ökonomie. Diese sei keine wertfreie Wissenschaft.

Das Wichtigste im Leben ist nicht käuflich

Der alle Jahre wieder zu Weihnachten wichtige Kult des Schenkens deutet an, das der rational denkende, sich stets an der Maximierung seines Nutzens orientierende Mensch eben nicht durchweg als dieser „Homo oeconomicus“ handelt. Wenn er Geschenke überreicht, hat er zuvor das Preisschild entfernt. Wenn ein Freund ihn für geleistete Hilfe bezahlen möchte, fühlt er sich gekränkt. Und generell hat er das Gefühl, dass die wirklich wichtigen Dinge im Leben wie freundschaftliche Zuwendung oder Liebe nicht mit Geld aufgewogen werden können. Sedláček betont, dass das Konzept der Gabe das Grundprinzip der christlichen Erlösung darstellt. Das Transzendente könne der Mensch nicht kaufen, es könne nur geschenkt werden.

„Die Bibel und die Ökonomie sind viel enger miteinander verwoben, als man annehmen würde. 19 der 30 Gleichnisse und Beispiele Jesu im Neuen Testament haben einen wirtschaftlichen oder sozialen Kontext“, schreibt Sedláček. Ein Diener, der sein Geld nicht auf die Bank gebracht habe, damit es Zinsen bringt, werde getadelt. Die Selbstsicherheit, in der ein wohlhabender Mensch sich wiege, werde als trügerisch entlarvt. Der kleine Geldbetrag, den eine arme Witwe spende, werde höher bewertet als die große Spende einer reichen Person.

Schuldenerlass als zentrales Thema

Die wichtigste Verbindung aber zwischen der christlichen Lehre und der Ökonomie sieht der Wissenschaftler im Schuldenerlass. Er verweist auf das Gebet „Vaterunser“, in dem es heißt: „Und erlass (vergib) uns unsere Schulden, wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben.“ Das griechische Wort für Schulden heißt im Neuen Testament „Sünde“. Vergebung der Sünden oder Schulden sei eines der „Schlüsselmerkmale des Christentums, das sich dadurch von allen anderen großen Religionen abhebt“.

Auch die moderne Ökonomie kann ohne eine vordergründig ungerechte Vergebung von Schulden nicht funktionieren. Hier führt der Bankenexperte die staatlichen Unterstützungen für Geldinstitute in den Krisenjahren 2008 und 2009 als Beispiel an. Es verstoße gegen die Regeln des Wettbewerbs, dass die am stärksten verschuldeten Banken die „größte Vergebung“ erhalten hätten. Sedláček schlussfolgert: „Wir sehen also, dass das von Jesus benutzte Prinzip zumindest in Krisenzeiten bis heute durchaus üblich ist.“

Ausruhen inmitten dessen, was wir geschaffen haben

Große christliche Feste wie Weihnachten bescheren der arbeitenden Bevölkerung in Deutschland zwei Feiertage, zwei zusätzliche Sonntage – abgesehen von all jenen, die lebensnotwendige Dienstleistungen erbringen. Obwohl Arbeit in den Schriften des Judentums – im Gegensatz zu den Lehren der griechischen Philosophen Platon und Aristoteles – als etwas Würdevolles und Gutes dargestellt wird, das auch mit einer höheren gesellschaftlichen Stellung verbunden ist, gibt es das strikte Gebot der Sabbatruhe.

Dieser wöchentlich wiederkehrende freie Tag, so deutet es Sedláček, wurde nicht eingeführt, um dann in der erneuten Arbeitsperiode produktiver sein zu können als zuvor. Er sei tatsächlich der Freude gewidmet, sodass wir uns inmitten von all dem, was wir miterschaffen haben, ausruhen. „Diese Dimension ist jedoch aus der modernen Ökonomie verschwunden“, stellt der Autor fest. „Heute kennen wir Wachstum nur um seiner selbst willen; wenn unser Unternehmen oder unser Land blüht, ist das kein Grund für Ruhe, sondern für eine noch größere und bessere Leistung.“ Dementsprechend veranlasst die Erforschung des jüdischen Denkens im Zusammenhang mit der freien Marktwirtschaft den tschechischen Ökonomen zur Erinnerung daran, „dass wir nicht hier sind, um die ganze Zeit über zu arbeiten, und dass es im Leben heilige Orte und Zeiten gibt, wo wir unsere Produktivität nicht maximieren dürfen.“

Wirtschaftsbuchpreis 2012

Sedláčeks auch für Nicht-Ökonomen gut verständliches Werk „Die Ökonomie von Gut und Böse“ wurde im vergangenen Jahr mit dem Wirtschaftsbuchpreis von Handelsblatt und Goldman Sachs ausgezeichnet. In der Begründung der Jury heißt es, das Buch rege zum Nachdenken darüber an, wie unser Wirtschaftssystem jenseits von Wachstumsglaube und Verschuldungspolitik aussehen soll.

Dass er mit dem Buch aneckt und polarisiert, dessen ist sich Sedláček durchaus bewusst. Er notiert: „Da die Ökonomie es sich herausgenommen hat, ihr Denksystem auf Bereiche anzuwenden, die traditionell zur Theologie, Soziologie und Politologie gehörten, sollten wir gegen den Strom schwimmen und die Ökonomie vom Standpunkt der Theologie, Soziologie und Politologie aus betrachten.“ Ihm ist zuzustimmen, wenn er weiter ausführt und exzellent belegt, dass wir aus unseren Mythen und Religionen, von unseren Philosophen und Dichtern ebenso viel Weisheit lernen wie aus exakten mathematischen Modellen für das ökonomische Verhalten.

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