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VW-Drama: Wendet sich das Schicksal jetzt gegen den Helden?

Klaus Weise

Recherchen von „Bild am Sonntag“ bescheren dem Volkswagen-Konzern neuen Ärger und zeigen, wie wenig der Autobauer die PR-Krise im Griff hat. Der schmerzhafte Prozess einer schonungslosen Aufklärung wird zwar vom Vorstandsvorsitzenden Matthias Müller versprochen – dass es mit der Aufklärung aber tatsächlich vorangeht, ist engagierten Journalisten und nicht VW selbst zu verdanken

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„Bild“ und „Bild am Sonntag“ muss man nicht lesen. Und schon gar nicht mögen. Aber die Recherchen der Journalisten vom Boulevard sind doch immer wieder beeindruckend. „Geht nicht, gibt’s nicht“ scheint deren unausgesprochenes Motto beim Sammeln von Informationen zu sein. Dies zeigt der jüngste Scoop der „Bild am Sonntag“: Sie bringt anhand interner Mails aus dem VW-Konzern dessen ehemaligen Chef Martin Winterkorn in Bedrängnis.

Kommunikationsstrategie gerät ins Abseits

Laut „Bild am Sonntag“ wurde der Konzernlenker bereits im Mai 2014 schriftlich davor gewarnt, dass US-Behörden mit Tests eine bestimmte Schummel-Software enttarnen könnten. In internen VW-Dokumenten, die der Redaktion anscheinend vorliegen, ist die Rede von Messungen durch US-Behörden, bei denen die in den USA zulässigen Stickstoffwerte (NOx) um das bis zu 35-fache überschritten wurden. In einer Mail an Winterkorn steht laut „Bild am Sonntag“: „Eine fundierte Erklärung für die dramatisch erhöhten NOx-Emissionen kann den Behörden nicht gegeben werden. Es ist zu vermuten, dass die Behörden die VW-Systeme daraufhin untersuchen werden, ob Volkswagen eine Testerkennung in die Motorsteuergeräte-Software implementiert hat“. Winterkorn hatte stets zu Protokoll gegeben, nichts von Softwaremanipulationen gewusst und erst Mitte September 2015, also erst unmittelbar bevor die US-Behörden aktiv wurden, davon erfahren zu haben.

Mit diesen Enthüllungen nimmt nicht nur der Druck auf Martin Winterkorn zu. Die ganze Kommunikationsstrategie von VW gerät ins Abseits. „Ich habe mich von Anfang an dafür eingesetzt, dass wir die Geschehnisse schonungslos und vollständig aufklären. Dabei machen wir vor nichts und niemandem Halt. Das ist ein schmerzhafter Prozess, aber er ist für uns ohne Alternative. Für uns zählt einzig und allein die Wahrheit. Das ist die Voraussetzung für die grundlegende Neuausrichtung, die Volkswagen braucht“, postuliert Matthias Müller, der neue Vorsitzende des VW-Vorstands, auf der Website des Unternehmens. Und lässt sich weiter mit dem Satz zitieren: „Der Vorstand der Volkswagen AG betont, dass der eingeschlagene Weg der Aufklärung und Transparenz konsequent weitergegangen wird.“

Wie bitte? Schonungslose und vollständige Aufklärung? Einzig und allein die Wahrheit? Transparenz? – Waren da nicht eigentlich irgendwelche Experten für Krisen-PR, die der Konzern ins Haus geholt hat? Ich finde es irritierend, dass angesichts solcher vollmundiger Ankündigungen die Rechercheure einer Boulevardzeitung die Pacemaker auf dem Weg der Aufklärung sind. Und die Herren Kommunikationsexperten? Sie schweigen.

Vorwurf der „Salami-Taktik“ zurückgewiesen

Aber da ist ein neuer Leiter der VW-Konzernkommunikation, Hans-Gerd Bode sein Name: Der hatte sich erst Anfang Februar im Interview mit dem Branchenmagazin „PR Report“ gegen Kritik an der Krisen-PR des Konzerns gewehrt. Den Eindruck, dass Volkswagen immer nur das bestätigt habe, was ohnehin schon nachgewiesen wurde, wies er mit Vehemenz und einem starken Satz zurück: „Uns Salami-Taktik vorzuwerfen, halte ich für nicht zutreffend.“ Diese Haltung hat der PR-Stratege ziemlich exklusiv. Zumal sich Bode ausgerechnet über „unzureichende Recherchen der Medien“ beschwerte.

Es darf davon ausgegangen werden, dass er die Forderung nach intensiveren Recherchen so schnell nicht wiederholen wird, der Herr Bode. Und dass er auf die Rechercheergebnisse der Kollegen von „Bild am Sonntag“ liebend gerne verzichten würde. Im klassischen Drama wendet sich das Schicksal im vorletzten Akt gegen den Helden. Das Glück verlässt ihn, er steckt in der Falle. Und damit ist dann der letzte Akt der Tragödie eingeleitet: die finale Lösung des Konfliktes, die Katastrophe, der Untergang des Helden. In der Haut von Martin Winterkorn möchte ich nicht stecken. Und in der Haut des Herrn Bode? Ein Narr, der Böses dabei denkt …

Über den Autor: Klaus Weise ist Geschäftsführer von Serviceplan Public Relations. Gemeinsam mit Thorsten Hebes gründete er die Agentur der Serviceplan Gruppe im Oktober 2005. Zuvor war Weise Managing Director bei der Weber Shandwick Deutschland GmbH und Mitglied des Executive Boards von Weber Shandwick Deutschland. Der studierte Kommunikationswissenschaftler und ausgebildete Verlagskaufmann lehrt an den Universitäten in Augsburg und München, an der Fachhochschule Joanneum in Graz sowie an der Akademie für Mode und Design in München.

										
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