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Turbulente Prozesswoche um Aegis Media und Aleksander Ruzicka

Die Staatsanwaltschaft und Aegis Media CEO Andreas Bölte geraten erneut unter Druck. Die Entscheidung über die Aussetzung des Verfahrens ist vertagt. Aegis Media legt „Vertragsdummys“ vor und sorgt für Eklat.

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Für absatzwirtschaft aus Wiesbaden: Michael Ziesmann

Am Dienstag dieser Woche erfolgte die Replik von Staatsanwalt Wolf Jördens auf den Antrag zur Aussetzung des Verfahrens. Diesen hatte Ruzickas Anwalt Marcus Traut am Ende des letzten Prozesstages eingebracht. Erwartungsgemäß führte Jördens aus, dass der Antrag der Verteidigung abzuweisen sei. Die angeforderten Dokumente hätten keine Relevanz zum Strafverfahren gegen Aleksander Ruzicka. Aegis Media habe dem Staatsanwalt erklärt, dass es die von der Verteidigung genannten Unterlagen, wie Kundenbetreuungsverträge, Mediapläne usw. gar nicht geben würde.

Kurz danach präsentierte Jördens dem Richter und den ebenso verdutzten Zuhörern stattdessen zwei Vertragsdummys (Zitat Jördens) zwischen Carat und der Werbeagentur ZHP einerseits, sowie der Ruzicka-Firma Camaco mit der Film-Fond-Gesellschaft Emerson FF andererseits. Diese sind ihm von Aegis Media übergeben worden, seien aber nie zur Unterschrift gekommen.

Dem Beschluss des Richters vom 10.1.2008 ist die Staatsanwaltschaft Wiesbaden bis zum 22.1.2008 nicht nachgekommen: die Akten der Beschuldigten Andreas Bölte (Aegis Media CEO/CFO) als auch Reinhard Zoffel (ehem. GF ZHP) liegen dem Gericht noch immer nicht vor. Jördens erbat sich eine weitere Woche um vorhandene Akten dem Gericht zu übergeben. Die unter Druck geratene Staatsanwaltschaft Wiesbaden versucht sehr offensichtlich, soviel Zeit zu gewinnen, bis die Wahl des Hessischen Landtages am kommenden Sonntag beendet ist.

Und Aegis Media wehrt sich mit Händen und Füßen gegen die eskalierende Situation, in die sie sich selbst nach der am 5.7.2005 gegen den eigenen CEO Ruzicka lancierten Anzeige gebracht hat. Da die Staatsanwaltschaft Wiesbaden bei den Hausdurchsuchungen am 12.9.2006 bei Aegis Media versäumt hat, aktiv nach solchen Kundenverträgen zu suchen, kann deren Existenz nun bestritten werden. Ob es glaubwürdig ist, dass Aegis Media Kunden wie die Werbeagentur ZHP betreut hat, ohne dafür einen Vertrag zu schließen, wird das Gericht entscheiden.

Es mutet als pure Verzweiflungstat von Aegis Media CEO Andreas Bölte an, dass er ein Vertragsdummy (Zitat Jördens) der Firma Camaco vorlegen lässt, obwohl er Kenntnis über die bloße Existenz dieser Ruzicka-Firma leugnete (vgl. Der Spiegel 43/2006). Zudem ist Aegis Media Zentraleuropa in der peinlichen Situation, erneut einen CEO an der Spitze zu haben, dem kriminelle Handlungen als Beschuldigtem in einem Strafverfahren vorgeworfen werden – das nach dem Beschluss des Richters vom 10.1.2008 Teil des „Ruzicka-Prozesses“ geworden ist.

Am zweiten Prozesstag 22.1.2008 sorgten die Ausführungen der beiden Angeklagten über den eigenen Werdegang für Kurzweil. Turbulent wurde es zu Beginn des dritten Prozesstages am 23.1.2008. Die Brisanz des „Ruzicka-Prozesses“ für die gesamte Werbe- und Medienwirtschaft wurde erstmals deutlich. Denn es trat genau das ein was viele befürchtet hatten: Die Vernehmung des Zeugen Georg Nitzl, vom TV-Werbezeiten-Vermarkter SevenOne Media, sollte gerade beginnen als Aegis-Anwalt Dr. Eckart C. Hild aus dem Zuschauerraum heraus von seinem Recht Gebrauch machte, das Gericht zu bitten, das Mitschreiben im Zuschauerbereich zu unterbinden.

Diverse Rechtsanwälte aus München hatten bereits ihre Notizblöcke in der Hand um Mitschriften darüber anzufertigen, was die Zeugen öffentlich erklären. Auch dem Gericht wollten die Zuhörer keine Auskunft über ihr Mandat geben. Nach weiterer Intervention von Staatsanwalt Jördens stand kurzzeitig ein Antrag über den Ausschluß der Öffentlichkeit im Raum. Nachdem sich das Gericht zur Beratung zurückgezogen hatte erging der Beschluss, dass das Mitschreiben im Zuschauerbereich erlaubt bleibt. Jedoch, so das Gericht, wird dem Aegis-Anwalt Hild selbst als auch der neben ihm sitzenden Aegis Media Pressesprecherin Judith Weiand per Beschluss untersagt Notizen zu machen, da der Geschäftsführer seiner Mandantin Aegis Media beziehungsweise ihres Vorgesetzten Dr. Andreas Bölte in dem Verfahren noch gehört werde.

Der Zeuge Georg Nitzl führte hiernach aus, dass SevenOne Media Verträge mit den Mediaagenturen und parallel mit den Kunden hat. Es gäbe einen Rahmenvertrag für die Mediaagentur und je einen Zusatzvertrag für jeden einzelnen Werbekunden. Der sehr genau fragende, und sehr detailliert vorbereitete, Vorsitzende Richter Jürgen Bonk wollte wissen wie die gewährten Freispots eingesetzt werden. Nitzl meinte dazu, dass die Kampagnen inklusive der kostenlosen Spots von den Agenturen gebucht werden. Mit welcher Verteilung dies passiert sei Sache der Mediaagentur. Und natürlich sei die Gewährung von Freispots ein Mittel um Umsatz zu generieren.

Auf Aufträge von der Barterfirma Emerson FF angesprochen, räumte Nitzl ein, dass es im Jahr 2005 Spots im Wert von rund 2 Millionen Euro gegeben habe. Zu den Firmen Camaco oder Watson habe es keinen Kontakt gegeben. Und er habe keine Kenntnis was mit den Freispots innerhalb der Mediaagentur passiere, da er die Verträge zwischen Agentur und Kunden nicht kennt. Nitzl bedachte jedes einzelne Wort sehr genau, und zog sich für Antworten auf einzelne Fragen mehrfach mit einer begleitenden Rechtsanwältin zur Beratung außerhalb des Gerichtssaales zurück.

Der Zeuge Martin Wolff vom TV-Werbezeiten-Vermarkter IP Deutschland bestätigte ähnliche Vertragsverhältnisse zu Mediaagenturen und Kunden. Wobei fünf Mediaagentur-Gruppen etwa 80 Prozent des Umsatzes von IP Deutschland generieren würden. Es gäbe Rabatte auf das Gesamtvolumen der Mediaagentur und kundenbezogene Rabatte. Und zwar als Barrabatt oder als Naturalrabatt, in Form von Freispots. Wolff, offenbar sehr gut vorbereitet, überließ dem Gericht neben den Preislisten für die Sender der RTL Guppe Terminpläne für Freispots von Carat. Anhand dieser Beispiele erklärte er sehr genau, dass darin genau erkennbar sei, welcher Freispot aus dem Agenturkontingent und welcher aus dem Kundenkontingent stamme.

Die Einbuchung der Freispots sei jedoch Sache der Mediaagentur, so Wolff. Der Kunde könne sich einen Finanzstatus von IP Deutschland abrufen, worin sämtliche bezahlten und freien Spots pro Kunde erkennbar seien. Aber, so Wolff, die wenigsten Kunden würden davon Gebrauch machen. IP Deutschland könne ebenfalls nicht prüfen, ob alle kundenbezogenen Freispots auch bei den Kunden ankommen, da auch Wolff keine Kenntnis über die Verträge zwischen Agentur und Kunde habe.

Auch IP Deutschland hat einen Auftrag mit der Barterfirma Emerson FF im Wert von knapp 2 Millionen Euro im Jahr 2005 abgewickelt. Zu den Firma Camaco oder Watson hat auch IP Deutschland keine Beziehung. Die Verteidigung bohrte auch hier auffallend nach, ob es so genannte Konditionenverträge und Commitments gäbe. Seiner Kenntnis nach verneinte Wolff dies. Auf Nachfrage des Richters räumte er ein, dass es keine Regelung über die Nutzung der Freispots gäbe. Seiner Meinung nach, könne die Mediaagentur mit den agenturbezogenen Freispots machen was sie gerne möchte.

Offenbar ist es Taktik der Verteidigung zum Schluss einer Prozesswoche überraschende Beweisanträge zu stellen. Eva Schrödel, die mit Marcus Traut Aleksander Ruzicka verteidigt, verlas den Antrag auf Vernehmung der Zeugen Rechtsanwalt Gaedertz, Rechtsanwalt Hild, Aegis Media CEO Bölte und sogar die Staatsanwälte Jördens und Thoma. Sie sollen nach Meinung der Verteidigung bezeugen, dass Aegis Media als auch die Staatsanwaltschaft bereits lange vor der „anonymen“ Strafanzeige vom 5. Juli 2005 über den Sachverhalt informiert waren.

Sie hätten ab diesem Zeitpunkt tatenlos zugeschaut, wie sich der Angeklagte Ruzicka angeblich illegal bereichert. Diese Kenntnis sollen Rechtsanwalt Gaedertz, Aegis Media CEO Bölte als auch die Aegis Konzernspitze in London, namentlich Jerry Buhlmann, Robert Lerwill, Simon Zinger und Eleonore Sauerwein, als auch Oberstaatsanwalt Thoma gehabt haben. Inzwischen verdichten sich bei Recherchen die Erkenntnisse, dass Ruzickas Firmen bei Aegis Media nicht nur bekannt waren, sondern deren Dienste jahrelang aktiv in Anspruch genommen wurden – von leitenden Aegis-Managern wie CEO Andreas Bölte bis hin zu Mitgliedern der Konzernleitung aus London.

Hatte sich der Österreichische Aegis Media CEO Andreas Hofmaier gegenüber der Wirtschaftszeitung medianet bereits distanziert („wir spionieren niemanden aus und halten uns an geltende Gesetze“) ist der Schweizer Aegis Media CEO Andy Lehmann in der komfortablen Position, dass das Delkredere in der Schweiz, das Vertragsverhältnis zwischen Kunden, Mediaagentur und Medien, ein anderes ist, als in Deutschland oder Österreich. Dadurch ist der Spielraum für Kickbacks und Freispots erheblich kleiner.

Dem Kommunikationsdienst persoenlich.com sagte er: „Freespace in jeglicher Form gehört ganz klar dem Kunden. Wie dies in der täglichen Praxis gehandhabt wird, ist in den Verträgen mit unseren Kunden geregelt.“ Genau solche Verträge liegen keinem der Prozessbeteiligten bis heute vor. Während Hofmaier und Lehmann erkannt haben, dass mit dem Thema im Interesse von Kunden und Mitarbeitern von Aegis Media tatsächlich pro-aktiv umgegangen werden müsse, schweigt sich Andreas Bölte beharrlich aus. Die Konsequenz: Erste Großkunden ziehen ihre Etats von Carat Deutschland ab.

So zum Beispiel die 10 Media-Millionen des Kunden Pit Stop. Pikant: dessen TV-Spots sind namentlich in der Anklage erwähnt. Auch die ausgerechnet in Wiesbaden ansässige R&V Versicherung, hat ihren Etat von Carat Wiesbaden zu OMD Hamburg vergeben. Beide Unternehmen dementieren auf Nachfrage einen Zusammenhang mit der Affäre bei Aegis Media. Es wird täglich deutlicher, dass es hier nicht um das „Fehlverhalten Einzelner“ geht, wie Andreas Bölte in einer Aussendung im September 2006 Glauben machen wollte. Bölte hat die Öffentlichkeit mehrfach belogen.

Aegis Media, und damit er als CEO und als Finanzchef, hatte bereits im Jahre 2005 Kenntnis von Ruzickas Firma Camaco. Sie ist in der skurrilen Anzeige von Aegis Media mehrfach erwähnt. Die Dienste der Firma Watson hat Carat jahrelang aktiv genutzt. Finanzchef Bölte muss deren Rechnungen gekannt haben. Persönliche Nachfragen am Kreuzberger Ring in Wiesbaden, im Aegis Media Headquarter Zentraleuropa, enden für Journalisten mit einem Rauswurf: kein Kommentar.

Der Prozess wird am Montag 28.1.2008 mit der Vernehmung des Zeugen Joachim Lüdeke, Geschäftsführer der Barterfirma Emerson FF fortgesetzt. Das Gericht möchte über den Antrag auf Aussetzung des Verfahrens „zeitnah“ entscheiden. Am 31.1.2008 werden erste Zeugen von Aegis Media vernommen.

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