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„Sicherheitsorientiert und langweilig“ – Cristián Gálvez über die Deutschen, ihren Wahlkampf und falsche Fragen

Wirtschaftscoach Cristián Gálvez

In diesen Tagen wird viel über Merkel, Schulz und Co. diskutiert. „Langweilig“, „lahm“ und „wenig leidenschaftlich“ heißt es auf fast allen Kanälen. Der Wahlkampf ist jedoch nichts anderes als ein Spiegelbild der Gesellschaft. Jedes Land bekommt den Wahlkampf, den die Wähler verdienen. Und die Deutschen sind nun einmal wie ihr Wahlkampf: sicherheitsorientiert und irgendwie langweilig. Das bundesdeutsche Gesamthirn ist so angelegt.

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Von Gastautor Cristián Gálvez

Die Hirnforschung macht deutlich: Das menschliche Verhalten wird durch Emotions- und Motivsysteme geprägt. 2016 wurde zuletzt in der „best for planning – Studie“ den Deutschen repräsentativ zwischen die Ohren geschaut. Über das sogenannte Limbic-Types-Messverfahren wurde deutlich: Fast die Hälfte der Deutschen ist gefangen in einem ausgeprägten Balancesystem. Es strebt nach Sicherheit und Stabilität. Das Motto dieses Emotionssystems: „Bloß keine Veränderung!“ Die Marktforscher haben in ihrer neuropsychologischen Segmentierung auch die passenden Namen für diese Menschentypen. Sie sprechen von „Harmonisern“ und „Traditionalisten“. Begrifflichkeiten, mit denen man auch Merkel und Schulz beschreiben könnte. Von den sogenannten „Abenteurern“, also den Menschentypen, die mit großem Eifer nach wirklich Neuem streben und dabei auch gerne mal Erster sein wollen, gibt es unter den Deutschen nur schlappe sechs Prozent.

Sicherheit in allen Lebenslagen

Für diese erhellende Erkenntnis braucht es nicht unbedingt die Hirnforschung. Das Streben nach Sicherheit zeigt sich im Alltag über alle Lebensbereiche hinweg. Es scheint fest verankert in der deutschen Seele. Schon 1985 wählte das Deutsche Patentamt den Dreipunktgurt als eine der acht Jahrhunderterfindungen mit dem größten Nutzen für die Gesellschaft. TÜV, Vorsorge, Bauspar- und Ausbildungsverträge schenken uns Stabilität bei unserer Lebensplanung. Ein milliardenschweres Sparvolumen verkümmert auf deutschen Sparbüchern, weil den Deutschen ein Investment in Aktien im Allgemeinen zu unsicher erscheint. Groß angelegte Finanzierungsrunden für erfolgversprechende Start-Up-Unternehmen? Fehlanzeigen! Wir sind (noch) bekannt für sichere Autos, sichere Banken und zuverlässige Versicherungen. Zwei Drittel der Deutschen gehört (noch) der Mittelschicht an. Viele dieser Menschen bauen Zäune, um ihr mit Bausparverträgen finanziertes Eigentum abzusichern.

Klar, dass sich das deutsche Wahlvolk nach einer Politik sehnt, die Sicherheit und Stabilität garantiert. Merkel und Schulz verkörpern durch Kleidung, Auftritt und Rhetorik dieses Streben nach Homöostase. Mit den vielen „Traditionalisten“ und „Harmonisern“ unter den deutschen Wählern lässt sich entspannt Wahlkampf betreiben. „Bloß keine Veränderung“ ruft das deutsche Durchschnittshirn.

Innovationskraft? Fehlanzeige!

Die eigentliche Gefahr liegt in der Entwicklung unseres Landes. Denn Hirnforscher wissen auch: Innovationskraft entstammt nicht aus dem Bedürfnis nach Sicherheit und Stabilität. Um uns herum verändert sich die Welt in einem noch nie da gewesenen Tempo. Nach einer Studie der Frauenhofer Gesellschaft wird es 2030 fast die Hälfte der heutigen Berufe nicht mehr geben. Das ist in zwölf Jahren und entspricht der bisherigen Amtszeit der Kanzlerin. Der Blick in die Automobilindustrie mit ihren 800.000 Arbeitsplätzen macht die dramatischen Veränderungen gerade in diesen Tagen deutlich. Während in den Talkshows munter über Dieselgate geplaudert wird, überholen uns die Chinesen mit ihren Elektroantrieben. Tesla meldet neue Rekordumsätze auf dem deutschen Automarkt, bleibt aber der IAA in Frankfurt fern. Zu unbedeutend.

Die großen Impulse zur digitalen Transformation finden außerhalb der Landesgrenzen statt. Die exzellenten IT-Experten leben überall, nur nicht in Deutschland. Sie bauen künstliche Intelligenzen, die dafür sorgen, dass die meisten der heutigen Mittelstandsberufe in wenigen Jahren einfach wegfallen. Wer braucht in fünf Jahren noch einen Versicherungsvertreter, Makler, Automobilverkäufer oder einen Feld-Wald-und-Wiesen-Anwalt. Intelligente Systeme mit echten Stimmen klingen an der Hotline wie freundliche Servicemitarbeiter, die mit Sprachmusteranalysen auch nach acht Stunden Kundenkontakt die jeweilige Stimmung des Anrufenden besser erkennen, als jeder noch so bemühte Mitarbeiter aus Fleisch und Blut. Die neue Macht heißt GAFA. Google, Apple, Facebook und Amazon. Ihre Wirtschaftsleistung ist schon heute stärker als die mancher Staaten. Sie sammeln so viele persönliche Daten über jeden einzelnen von uns, dass sie nicht nur Wirtschaft, sondern auch Politik machen. Mit ihren Analysen kennen sie unseren Lebensstil und schätzen über Algorithmen persönliche Risiken treffend ein. Sie haben Geld und die besten Informationen. Wer braucht da noch eine Sparkasse oder irgendeine Versicherung?

Medien blenden die Zukunft aus

Bundestagswahlen bieten die große Chance, das Bestehende zu hinterfragen. Sind wir wirklich zukunftsfähig? In den vielen Talkshows und politischen Diskussionen dreht sich die Fragestellung fast ausschließlich um Besitzstandsdenken. „Warum kostet die Kita in NRW, während sie in anderen Bundesländern kostenfrei ist?“ „Wie werde ich als Dieselfahrer für meinen Wertverlust von der Automobilindustrie entschädigt?“ „Gibt es mehr Geld für die Polizei, um die Sicherheit vor meiner Tür zu gewährleisten?“ Natürlich sind diese Fragen berechtigt. Denn sie entstammen dem Bewusstsein der deutschen Wähler. Wer erweitert dieses eingeschränkte Bewusstsein? Wo sind die richtig guten Fragen? Hier ist die viel beschworene „vierte Gewalt“ gefragt. Denn die Qualität unseres zukünftigen Lebensstandards wird bestimmt durch die Qualität der Fragen, die wir uns heute stellen. Statt sich in der Vergangenheit und Gegenwart aufzuhalten, fehlen in den öffentlichen Medien häufig die Fragen, die unsere Zukunft betreffen. Die Rede ist dabei nicht von der Zukunft unserer Enkelkinder. Es geht um die kommenden Jahre. Wie erklärt man einem jungen Menschen, dass sie/er die meisten der heutigen Berufe gar nicht mehr zu erlernen braucht, weil es diese in wenigen Jahren gar nicht mehr gibt? Wozu lernen Schüler in Zeiten der künstlichen Intelligenz eine dritte Fremdsprache, während in anderen Ländern das Programmieren zum Pflichtfach wird? Wie schafft Deutschland Anreize, die wirklich klugen Köpfe nicht ins Ausland zu verlieren? Wie schafft man eine digitale Transformation in der Landwirtschaft, so dass die deutschen Bauern auch in Zukunft gegen die weltweite Agrarindustrie wettbewerbsfähig bleiben können? Wie können deutsche Start-Up-Unternehmen in Finanzierungsrunden Gelder einsammeln, um ansatzweise die gleichen Startvoraussetzungen wie im Silicon-Valley zu haben?

(Zum Vergrößern Anklicken)

„Im Suppenkoma eines vergänglichen Wohlstands“

Wir befinden uns mitten im Suppenkoma eines vergänglichen Wohlstands. Gemütlich und saturiert hocken wir vor dem elektronischen Lagerfeuer in unseren heimischen Wohnzimmern und sehen die ewig gleichen Politiker zu den immer gleichen Fragen. Es ist davon auszugehen, dass Angela Merkel in vier Jahren nicht mehr antreten wird. Schon 2021 wird sich die Gesellschaft dramatisch verändert haben. Ähnlich wie in Amerika, Frankreich und England ist dann auch Deutschland keine Insel der Glückseligkeit mehr. Schon zur nächsten Bundestagswahl werden sehr viel mehr Menschen das Gefühl haben, von den globalen Entwicklungen abgeschnitten zu sein. Neue Populisten werden spätestens dann mit dem Angst-Furcht-Sicherheitssystem der Wähler spielen. Es ist das stärkste Emotionssystem des Menschen. Sobald es aktiviert ist, setzt die Ratio aus. Dann klammern sich Menschen an einfache Wahrheiten – siehe Trump, Erdogan, Le Pen und Brexit.

Die Qualität unseres zukünftigen Lebensstandards wird bestimmt durch die Qualität der Fragen, die wir uns heute stellen. Es wäre eine gute und wichtige Zeit gewesen, neue Fragen zu stellen. Deutschland geht es gut. Noch. Doch während der Großteil der Deutschen auf Sparbüchern mit vererbtem Vermögen hockt und mit einem tief angelegten Streben nach Sicherheit auf den heimischen Gartenzaun starrt, hat sich die Welt dahinter schon mächtig verändert. Wie schön wäre es gewesen, wenn die öffentlichen Medien den Wahlkampf genutzt hätten, Deutschland mit wichtigen Zukunftsfragen ein neues Bewusstsein zu schenken. Chance verpasst.

Über den Autor

Wirtschaftscoach Cristián Gálvez ist einer der renommiertesten deutschen Experten für Persönlichkeit, Motivation und Wirkung. Der Redner und Coach studierte BWL und Wirtschaftspsychologie in Deutschland und den USA. Zu seinen Referenzen zählt das „Who-is-Who“ der deutschen Unternehmenswelt. Er ist u.a. der Kommunikationscoach vieler deutscher Vorstände sowie Autor erfolgreicher Ratgeber. Mehr darüber finde Sie hier.  

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Kommentare

  1. Ich bin sehr traurig über das wohltemperierte Geplänkel das sich Angela Merkel und Martin Schulz geliefert haben. Warum ist Martin Schulz so mutlos, weil er seiner Partei die GroKo nicht verbauen will?

  2. Klasse Artikel! Endlich mal jemand der das ausdrückt, was ich schon lange denke. Leider habe ich keine Partei entdeckt, die sich genau um diese Themen kümmert. Es gibt eben vorwiegend ältere Herrschaften, die mit diesen schnellen Entwicklungen nicht mehr zurechtkommen. Sie haben ihr Leben hinter sich und wählen gerne Rechtspopulisten, die Ihnen Sicherheit vorgaukeln und sich nicht um zukunftsweisende Themen kümmern. Das brauchen sie doch nicht mehr. Sie bekommen ihre Rente, so oder so! Es fehlen jüngere Politiker, die in der Lage sind, unser Land für die Zukunft auszurichten, die neue Ideen haben. Nicht immer die selben aalglatten Gesichter und Phrasen, die jeden Tag gebetsmühlenartig heruntergebetet werden. Herr Galvez, gehen Sie doch bitte in die Politik!

  3. » … hat sich die Welt dahinter schon mächtig verändert« bzw. »Deutschland mit wichtigen Zukunftsfragen ein neues Bewusstsein zu schenken« – sorry, Herr Gálvez, aber das sind Allgemeinplätze. Das wissen wir längst. Es tut Ihrem Berufsstand nicht gut, so zu tun, als ob das Neuigkeiten wären. Verraten Sie uns doch, wodrauf wir uns einstellen müssen! Auf ein Gelingen der Merkel’schen Multikulti-Gesellschaft? Oder auf deren Scheitern? War Merkels »Wir schaffen das!« eine »einfache Antwort«, also populistisch? Oder die Warnung der AfD: Das war bisher nicht zu schaffen, also wird es auch künftig nicht geschafft werden? Was wird denn die Zukunft bringen? Sie wissen das so wenig wie wir alle! Und das hat mit Innovationsfreudigkeit gar nichts zu tun, sondern mit raten. Und das findet, da haben die Neurophysiologen und Bewusstseinphilosophen recht, auf der mittleren limbischen Ebene statt und nicht im OFC.

  4. Sie haben definitiv recht mit dem, was Sie sagen. Die Parteien spiegeln im Wahlkampf unsere deutschen Werte wieder, auch wenn das scheinbar vielen nicht passt. Wir streben doch alle irgendwie nach Harmonie und Sicherheit und wenn es zu spät ist, dann greifen wir an. So wie es dann am Wahlabend in der Berliner Runde geschehen ist. Und auch das sich unsere Gesellschaft dramatisch verändern wird, da stimme ich zu. Jetzt wo die AfD im Bundestag ist, wird das alles einen neuen Lauf nehmen. Ein Aspekt fehlt mir jedoch. Und zwar das sich die Spitzenkandidaten der Parteien mit sehr unterschiedlichen Rhetorik Stilen im Wahlkampf aufgetreten sind. Gerade bei Martin Schulz ist ja bekannt, dass er Rhetorik Übungen für das Wahlduell gemacht hat. Und auch C. Lindner konnte mit seiner Art zu reden und zu argumentieren überzeugen.

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