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Seid mutig und macht ’s Maul auf

Eine große Klappe zu haben reicht nicht, um zu überzeugen. Nötig sind auch Herz, Sinn und Timing. Oder, wie Martin Luther sagt: „Tritt fest auf, mach ’s Maul auf, hör bald auf!“

Jeder kann eine Rede halten. Aber nicht jeder traut sich. Das ist schade, denn es gibt viel zu viel durchschnittliche und schlechte Reden auf der Welt. Fangen wir doch an, das zu ändern. Denn Redenhalten kann man lernen. Das Einzige, was man braucht, sind ein paar sprachlich-rhetorische Kniffe, ein bisschen Mut und das Bedürfnis, wirklich etwas zu sagen.

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Man muss ihn nicht mögen. Ganz im Gegenteil. Aber für diesen einen unvergesslichen Auftritt muss man Edmund Stoiber einfach lieben. Auf dem Neujahrs-Empfang seiner Partei in München hielt Bayerns damaliger Ministerpräsident vor 14 Jahren die immer noch misslungenste aller Reden: „Wenn Sie vom Hauptbahnhof in München … mit zehn Minuten, ohne dass Sie am Flughafen noch einchecken müssen, dann starten Sie im Grunde genommen am Flughafen … am … am Hauptbahnhof in München starten Sie Ihren Flug.“ Das ist in ihrer dadaistischen Unverständlichkeit ganz große Kunst, an die selbst Helge Schneider nicht heranreicht. Stoiber gelingt es in seiner legendären „Transrapid-Rede“, dass am Schluss keiner mehr versteht, ob er nun mit der supermodernen Magnetbahn oder mit dem Hauptbahnhof selbst zum Flughafen fahren soll. Oder ob die Flugzeuge nicht gleich vom Hauptbahnhof starten.

Schon das kurze Zitat aus Stoibers Vortrag zeigt, was alles schieflaufen kann, oder, besser gesagt, worauf es bei einer Rede ankommt. Erstens: Eine Rede hat Zuhörer, und nur für sie und nicht für den Redner ist die Rede gedacht. Deswegen muss die Rede klar und verständlich sein. Zweitens: Man kann so viel Promifaktor haben, wie man will. Wenn einer inhaltlich versagt, hilft auch die schönste Schminke nicht. Und drittens zeigt der kuriose Stoiber-Auftritt, dass eine Rede nur dann erfolgreich wird, wenn sie gut durchdacht und mit sinnvollen Argumenten gefüllt ist. Schon bei Aristoteles ist die Rhetorik die Kunst der Überzeugung und nicht der Überredung. Und deswegen ist der kluge Gedanke das gute Argument, das entscheidende rhetorische Mittel. Das geht so weit, dass selbst eine dreiminütige Stegreifrede – wie Mark Twain spitz, aber tendenziell richtig formuliert – drei Wochen Vorbereitung braucht.

„I have a dream“ und der deutsche Manager

Redenhalten kann jeder lernen. Und am besten – so die gängigen Ratgeber – lernt man von den Großen: Sokrates, Martin Luther King, John F. Kennedy, Willy Brandt oder Barack Obama. Aber was hilft dem Vertriebsleiter eines mittelständischen Tiernahrungsproduzenten eine „I-have-a-dream-Rede“, wenn der Vorstand übermorgen eine Rede über das neue Channel-Marketing für umweltfreundliche Katzenstreu und hochwertiges Dosenfutter erwartet? „I have a dream that one day this company will rise up and…” Wohl kaum. Sich an den Großen zu orientieren lohnt sich nur sehr selten für den Berufsalltag – selbst die allerwenigsten CEOs schaffen es, zumindest ansatzweise als Redner Vorbildfunktion zu übernehmen. 

Die Universität Hohenheim stellt seit fünf Jahren den Vorstandsvorsitzenden der Dax 30 ein Zeugnis für ihren Vortrag auf ihren jeweiligen Hauptversammlungen aus. Das Fazit: „Die Reden deutscher CEOs sind immer besser zu verstehen.“ Und wer jemals auf Hauptversammlungen seine kostbare Zeit stundenlang versitzen musste, weiß, dass dieses Urteil noch milde ist. Natürlich ist gerade auf Hauptversammlungen jedes Wort börsenrelevant, doch das sollte die Spitzenmanager nun wirklich nicht daran hindern, wie stocksteife Schlaftabletten aufzutreten. Der Mangel an Charisma, körperlicher Beredsamkeit, Intonation ist zwar nicht strafbar, ist aber eine Höchststrafe für die Zuhörer, die sich dann bei Hauptversammlungen zu Recht meist nur auf höhere Rendite und die Kartoffelsuppe in der Pause freuen.

Die einzige Kategorie, die die Hohenheimer Forscher betrachten, ist tatsächlich nur die – rhetorisch allerdings sehr wichtige – Kategorie der „Claritas“, Verständlichkeit. Es geht um kurze Sätze, phrasenfreie Formulierungen und knackige Botschaften. Den Preis für die beste Verständlichkeit hat sich nach Ansicht der Jury von den Dax-30-Bossen Telekom-Chef Timo Höttges in diesem Jahr in seiner Rede verdient. Sein Rezept: Er feilt akribisch an jedem Satz und seine Rede entsteht im Team.

Doch trotz der Hohenheimer Lorbeeren – Höttges und Co. dürfen für den normalen Manager kein Maßstab sein. Schon deswegen nicht, weil Talente, Unterstützung und Wahrnehmung eines jeden zu unterschiedlich sind. Deswegen gilt: Der Maßstab für eine gelungene Rede ist man zunächst immer selbst. Viele empfinden es jedoch als Problem, dass sie sich erst gar nicht trauen. Über 40 Prozent der Menschen haben Angst, wenn sie öffentlich auftreten und reden sollen. Es gibt natürlich Psycho-Tipps, diese Angst zu überwinden. Dazu zählt zum Beispiel der tausendfach erzählte Trick, sich das Publikum nackt oder mit einem Schnuller im Mund vorzustellen.

Jedem sollte aber klar sein: Wenn so viele Menschen Angst vor dem Redenhalten haben, sitzen von diesen sicher auch viele im Publikum. Ein Großteil wird also den Redner verstehen, wenn er den Faden verliert oder gar vor Aufregung ohnmächtig wird. Das Publikum ist empathischer, als man glaubt. Vorbereitung hilft die Angst zu überwinden – das fängt beim Redenschreiben an und hört beim richtigen Atmen und Sprechen auf. Scheitern und Fehlschläge gehören zum Erfolg wie Kalorien zur Schokolade. Wer sich nicht auch mal verläuft, findet nie den richtigen Weg. Jeder neue Versuch macht den Redner stärker. Oder, wie Samuel Beckett formuliert: „Scheitere, scheitere erneut, scheitere besser!“ Und wer tatsächlich mal einen Blackout erleidet, sollte die Flucht nach vorn antreten und sich sofort dazu bekennen. Das Publikum mag Spontanität und es wird immer einen in der Nähe geben, der einem inhaltlich auf die Sprünge hilft.

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