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Schaut dem Volk aufs Maul

Mark Twain war kein großer Freund der deutschen Sprache. Für ihn war die Ewigkeit eine gute Gelegenheit für den durchschnittlich Begabten Deutsch zu lernen … Dog ist „der Hund“, Woman ist „die Frau“ und Horse ist „das Pferd“ erklärt Twain seinen Landsleuten. Jetzt setze den Hund in den Genitiv, und ist er der gleiche Hund wie zuvor?

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No, Sir, er ist „des Hundes“. Bringe ihn in den Dativ und was ist er? Warum ist er “dem Hunde“? Und wie ergeht es ihm im Akkusativ? Warum ist er nun „den Hund“? Stellen Sie sich vor, der Hund wäre ein Zwilling und Sie müssten ihn in die Mehrzahl bringen – was dann? Ich mag Hunde nicht besonders, resümiert Twain, aber ich würde einen Hund niemals so behandeln. Ein englischsprachiger Leser wird wahrscheinlich froh sein eine einfachere Sprache zu sprechen, und ein deutschsprachiger Leser weiß vermutlich nicht so recht was er darauf sagen soll.

Jeder Sprache liegen eine Reihe von Annahmen und Mutmaßungen zu Grunde, die, tief eingebettet in der Grammatik, unsere Wahrnehmungen, unsere Standpunkte und unsere Überzeugungen unbewusst beeinflussen.

Was sind die Grundannahmen der deutschen Sprache?

Auf der Suche nach den Grundannahmen der deutschen Sprache – einschließlich aller indogermanischen Sprachen wie Latein, Französisch, Spanisch oder Englisch – trifft man unweigerlich auf keinen geringeren als Aristoteles selbst, den Vater der Logik.

Aristoteles Problem vor gut 2.300 Jahren war, dass die logische Verknüpfung von „Alle Einhörner sind Pferde“ und „Alle Einhörner haben Hörner“ unweigerlich zu der falschen Schlussfolgerung „Einige Pferde haben Hörner“ führte. Aus diesem misslichen Dilemma rettete sich Aristoteles mit der Einführung von Kategorien und fortan waren Biologie und Poesie miteinander unvereinbar und das Problem gelöst.

Aristoteles Philosophie und Kategorisierung fordert, dass Erfahrungen in Dinge, Handlungen, Eigenschaften der Dinge und die Umstände der Handlungen zerlegt werden müssen, also in Hauptwörter, Tunwörter, Eigenschaftswörter und Umstandswörter. Hinter dieser Denkart steht die Annahme, dass das Wesen einer Sache – ihre Essenz – als Summe aller ihrer Eigenschaften begriffen werden kann und dass daraus neue Erkenntnisse, Ideen und schließlich Fortschritt folgt. Essentialismus ist daher, ob wir wollen oder nicht, untrennbar in die deutsche Sprache eingebaut.

„Martin Luther hat die deutsche Sprache erst recht geschaffen“, sagt Thomas Mann

Zu unserem großen Glück hat Martin Luther mit seiner gewaltigen Bibelübersetzung kein blutleeres und papiernes Konstrukt nach lateinischem Vorbild geschaffen, sondern Deutsch mit viel Kreativität erneuert, erweitert und insgesamt viel großzügiger als zuvor angelegt. Luther hat dabei, wie er selbst sagt, „dem Volk aufs Maul geschaut“ und damit den größten deutschsprachigen Bestseller aller Zeiten geschrieben.

Deutsch und die darin eingebetteten Grundannahmen und Algorithmen zur Problemlösung können aber nicht nur Dichter, Denker und Ingenieure in ungeahnte Höhen katapultieren, und so enormen Fortschritt bringen, sondern bedauerlicherweise auch viele Kleingeister beflügeln. Ohne weiteres sind fünf Rechtschreibfehler mit nur drei Wörtern möglich und Vorschriften können in Deutsch wie in keiner anderen Sprache ohne Schlupflöcher formulieren werden. Die Folge sind Heerscharen von Aufpasser, Besserwisser und Oberlehrer mit erhobenem Zeigefinger.

Deutsch kann viel, aber nicht alles

Eines kann Deutsch trotz all seiner Vielfalt nicht: Komprimieren und verkürzen. Kants kritischer Dankansatz lautete in seiner Urform „Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen“. Das war selbst Kant zu lang und er strich schweren Herzens sechs Wörter und formulierte seinen Gedanken neu als „Habe Mut zu wissen“, nicht zuletzt auch um seine Idee mit nur zwei lateinischen Wörtern auszudrücken, Sapere Aude. Und selbst ein einfacher Glückwunsch braucht mit „Herzliche Glückwünsche zum Geburtstag“ vier lange deutsche Wörter. Im Englischen geht es mit „Happy Birthday“ in zwei Wörtern und einem Atemzug.

Das weckt natürlich Begehrlichkeiten in Richtung Englisch und treibt Stilblüten mit Anglizismen ins Endlose. Den Höhepunkt dieser unseligen Entwicklung haben wir hoffentlich mit dem grotesken „Service Point“ und „Call-a-bike Standort“ der Deutschen Bahn hinter uns. Denn eigentlich müsste es inzwischen jedem aufgegangen sein, dass hinter den hirnlosen Worthülsen der Businesskasper und Bussi-bussi Gesellschaft weder Weltläufigkeit noch Fortschritt steckt, sonder oft nur sprachliche Unsicherheit, Imponiergehabe oder beides.

Eifer deutscher Sprachschützer ist erstaunlich

Das wiederum bringt zu kurz gekommene Patrioten und selbsternannten Sprachpfleger auf den Plan, die Deutsch am Liebsten als nationales Gut in einem Museum mit dicken Mauern für alle Zeiten konservieren wollten. Schon 1617 versuchte die „Fruchtbringende Gesellschaft“ zu verhindern, dass die deutsche Sprache „durch fremdes Wortgepräge wässrig und versalzen“ werde. Wohin das führen würde, lässt sich leicht auf der Internetseite der NPD ablesen. Der „Zerknalltreibling“ lässt grüssen.

Eigentlich erstaunt der Eifer der deutschen Sprachschützer, denn Deutsch hat wie kaum eine andere Sprache von der Integration nicht-deutscher Sprachkonzepte und „fremder“ Ideen profitiert. Wer hinter Atom, Alkohol, Bank, Benzin, Drama, Engel, Fenster, Idee, Kreuz, Küche, Konto, Markt, Medizin, Münze, Rezept, Schule, Spital, Theater, Poet oder Wein treudeutsche Wörter vermutet, irrt trefflich.

Nach Dichter und Denker abzüglich Oberlehrer und Patrioten bleibt dann das klamme Gefühl, dass, am Weltmaßstab gemessen, kaum jemand Deutsch spricht, kaum jemand Deutsch mit Freude lernt und uns im Ausland eher mit Mitleid begegnet wird, wegen unserer vermeintlich so schwer zu erlernenden Sprache – siehe Mark Twain. Viele Deutsche wollen im Ausland nicht einmal als Deutsche erkannt werden.

Anglizismen zeigen Schwachstellen auf

Eines ist allerdings sicher: Die Bedeutung einer Sprache nimmt nicht mit Ihrer Verbreitung zu, sondern mit der Leistung der intellektuellen Eliten, die sich dieser Sprache bedienen. Ebenso sicher ist, dass Deutsch als Sprache nach wie vor viel zu bieten hat. Übermäßiges Vereinfachen wird die enormen technischen und kulturellen Herausforderungen der Zukunft nicht lösen. Strukturiertes und präzises Herangehen wird auch in Zukunft ein unerlässlicher Teil der Problemlösung bleiben, Kreativität
erledigt den Rest.

Aus meiner Sicht ist folgendes zu tun:

 

  • Die Anglizismen zeigen auch die Schwachstellen in der deutschen Grammatik auf, vor allem dass Verben nicht aus Hauptwörtern gebildet werden können. Dies und viele andere unsinnige Einschränkungen sollten unverzüglich beseitigt werden. Lasst das Messer messern, die Schere scheren und den Angeber rolexen

 

 

  • Wortschöpfungen sollten mit deutschen Metaphern und Idiomen gebildet werden, anstelle von Funktionsbezeichnungen wie Bremskraftverstärker. Adolf von Baeyer, zum Beispiel, entdeckte 1864 den Wirkstoff 2,4,6-Trihydroxy-pyrimidin und nannte es „Barbiturate“ nach seiner Verlobten Barbi, und bekam den Nobelpreis dazu. „Elchtest“, „Lichterkette“ und „Klammeraffe“ sind bereits ermutigende Anfänge, und auch wenn „Handy“ ursprünglich ein falsch verstandener Anglizismus war, zeigt es doch was möglich ist

 

 

  • Die Sprachvereine sollten nicht Altes bewahren, sondern nach vorne denken und neue deutsche Wortschöpfungen fördern. Vor allem sollte nicht weiter das „Unwort“ des Jahres, sondern die kreativste Wortschöpfung des Jahres ausgezeichnet werden

 

 

  • Die Schulen sollten neben dem Deutschunterricht auch die Grundannahmen und die Philosophie der deutschen Sprache vermitteln, wie auch ihre Vor- und Nachteile. Dies um so mehr als Aristoteles Essentialismus ist ja auch nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Vor allem aber sollte Deutsch unbedingt positiv, mit Spaß und nicht mit rotem Stift und erhobenem Zeigefinger unterrichtet werden

 

 

  • Politiker sollten im Ausland ihre Muttersprache ebenso selbstbewusst verwenden wie ihre englischen, amerikanischen und französischen Amtskollegen

 

Ein Blick in das unzensierte „Wörterbuch der Jugendsprache 2006“ von Pons zeigt wie kreativ unter Schülern mit der deutschen Sprache umgegangen wird. Eine Forschungsgruppe vom Institut für Deutsche Sprache in Mannheim hat 700 neue Wörter identifiziert, die im letzten Jahrzehnt unsere Sprache bereichert haben. Nur 40 Prozent haben einen englischen Ursprung, der Rest ist im Deutschen gebildet. Also, Luthers Idee gilt noch immer: Schaut dem Volk auf Maul …

Über den Autor: Tom Ramoser war Partner und Head of the Global Strategic Brand Development Group bei Roland Berger.

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