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re:publica ’17: Weltverbesserung vom Sofa aus

Sascha Lobo spricht Klartext

Was tun, wenn die ganze Welt zu brennen scheint? In ihrem elften Jahr versucht sich die Digitalkonferenz re:publica 17 an einer Antwort. Dabei geht es zwar um Liebe, aber auch die kann vernünftig sein.

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Heutzutage beginnt das Ende der Welt jeden Tag neu: Wenn man den Fernseher einschaltet oder das Radio, das Internet aufsucht oder – ja, auch das soll es noch geben – eine Papierzeitung aufschlägt. Die Kriege sind längst in unserer Nachbarschaft angekommen, überall Terror, überall Gewalt, Hass. Alles scheint schlimmer zu werden, jeden Tag.

Ist das so?
Oder scheint es nur so?
Und was können wir dagegen tun?

Das Motto der diesjährigen re:publica ist daher eine Aufforderung: „Love out Loud“, Liebe laut – eine Abwandlung des Ausdrucks „Laughing out loud“. Nein, Europas größte Konferenz für digitale Gesellschaft ist nicht zum Eso-Treffen geworden, versichert Jonny Häusler, einer der Gründer der re:publica. Es soll ein Signal sein: „Wir lassen uns nicht unterkriegen und die Laune verderben.“ Um gemeinsam die Zukunft zu gestalten, brauchen wir Optimismus und Visionen, sagt Programmleiterin Alexandra Wolf.

#rp17 re:publica 2017 #berlin #goodmorning #lol #loveoutloud #republica

Ein Beitrag geteilt von Nicole Spies | Berlin (@berlin.city) am

Was vor elf Jahren noch eine Art „Bloggertreff“ sein sollte, eine Randgruppe der digitalen Nerdsphäre, ist heute zur Gesellschaftskonferenz geworden. Die Blogger sind noch da, hinzu gekommen sind über die Jahre auch Forscher, Unternehmer, Medienleute, Techies und Tüftler. Drei Tage lang, vom 8. bis zum 10. Mai diskutieren sie in der „Station“, einem stillgelegten Postbahnhof am Gleisdreieck, über den Einfluss der Digitalisierung auf Gegenwart und Zukunft.

In insgesamt 20 Thementracks werden neben aktueller Politik, Kunst und Netzkultur auch Fragen um die Zukunft der Arbeit oder digitale Bildung diskutiert. Es geht um Mobilitätskonzepte, um Technologien für die Meeresforschung, um Zukunftsvisionen im Gesundheitsbereich und die Macht der Algorithmen. Und weil die Digitalisierung längst unser Leben durchdringt, weil Gesellschaft längst nicht mehr nur analog gedacht werden kann, geht es vor allem die Frage:

Wie können und wollen wir miteinander leben?

Die Macher wollen daher ein Zeichen für Engagement und Emanzipation setzen. Während überall Hass und Hetze gesellschaftsfähig zu werden scheint, will die Digitalkonferenz zum Mut zur Liebe aufrufen: zum Lob, zur Empathie, zur Solidarität.

Und wer könnte diesen Aufruf besser verkörpern als die Friedenspreisträgerin, Philosophin und Publizistin Caroline Emcke? Ende 2016 erst rief sie in ihrem aktuellen Werk „Gegen den Hass“ zur Zivilcourage auf. In ihrer Eröffnungsrede auf der re:publica untersuchte sie in gewohnt analytischer Betrachtung das Konferenzmotto „Love out out“.

Man könnte ihn als Aufruf zur Liebe verstehen, sagte Emcke. Nur: „Es lässt sich nicht beschließen zu lieben. So wie es sich nicht beschließen lässt, nicht mehr zu lieben. Das ist erstmal ein Widerspruch.“ Vielleicht aber gehe es garnicht darum, Liebe zu erzwingen – sondern die bestehende Liebe zu stärken. Diesem Gedankengang folgend appellierte Emcke an alle, ihre eigenen Rollen zu reflektieren, sich nicht auf den eigenen Privilegien auszuruhen, sondern sie zu nutzen, um etwas zu verändern. „Eine Gesellschaft, in der alle nur sich selbst retten und schützen wollen, ist keine. Das ist neo-liberalistisches Spektakel.“ Besonders wichtig dabei sei die Sprache; Hass könne man nicht mit Hass begegnen:

„Eine Kritik an Menschenverachtung, die selbst nur mit Verachtung reagiert, widerspricht sich selbst“

Die Aufgabe bestünde darin, zu denken, ohne schon um Richtung bemüht zu sein. Genau so versteht Emcke auch die Re:publica: Nicht als ganze Theorie, sondern eben als Motto. Was geschieht, wenn man es ernst nimmt? Wer wäre ich, wenn ich es täte, wenn ich das sagte, wenn wir das umsetzten? Wer sind wir und wer sind die Anderen?

Fragen, die sich Sascha Lobo bereits gestellt hat. In seiner obligatorischen Auftaktrede am Ende des ersten Konferenztages machte der selbst ernannte „Verfassungspatriot“ einen „Serviervorschlag zur Stärkung der liberalen Demokratie mithilfe der sozialen Medien“. Ausgang sei ein Gefühl der Erschütterung, sagte Lobo. AfD, Pegida, Brexit, Trump, Erdogan – „Etwas hat sich verändert.“ Was genau das ist und welchen Anteil er selbst an dieser Erschütterung hat, wollte Lobo herausfinden. Deswegen begab er sich dorthin, wo er sich am besten auskennt: ins Netz. Ein Jahr lang diskutierte er mit mehr als 100 –seinem Empfinden nach – rechts oder rechtsextrem eingestellten Menschen in sozialen Medien. Und stellte fest: Die sozialen Medien sind ein „Vermeintes (sic!) Gelände“ – ein Gelände voller harter Meinungen, mit denen man nicht das Gegenüber sondern vor allem seine „Friends“ und sich selbst überzeugen und beweisen will. Es sei ein Ort der Selbstvergewisserung, in dem Privatsphäre und Öffentlichkeit zusammenfließen. Jeder Kommentar, jedes Like, jeder Retweet bemühe sich um Publikum – und auf einmal bekommen Menschen für Dinge auf die Fresse, die sie seit 30 Jahren am Stammtisch sagen.

Viele der Menschen, mit denen sich Lobo ungewohnt diplomatisch in Diskussionen begab, um sie wirklich zu verstehen, seien nichts weiter als „temporäre Ärsche“. Nicht rechtsextrem oder rechts, sondern einfach Ärsche. Aber die Art und Weise, wie sie für ihr Stammtischgetue von der Öffentlichkeit „auf die Fresse bekommen“, sei Teil der Problematik. Was tolerierbar ist, was sagbar ist, werde weniger. Auch Lobo stellte fest: „Ich bin weniger tolerant geworden.“ Hinzu kommen „redaktionelle Hetzmedien, die häufig mit den sozialen Medien ein Amalgan der Boshaftigkeit bilden.“

Das bedeutet aber nicht, dass Lobo jetzt zum Kuschelpapa wird. Er plädierte vielmehr für eine Zangenstrategie: Wir bräuchten Menschen, die klare Kante zeigen und dort Grenzen setzen, wo die liberale Demokratie gefährdet wird. Wir bräuchten aber auch jene, die ihre Hand ausstrecken und mit der Gegenseite diskutieren. Die höflich bleiben und zurückhaltend, echte Fragen stellen, die Meinungen von Meinungsträgern trennen und Verständnis für ihre Begründungen zeigen. Kurz: „Ich hoffe, dass wir alle, die an der liberalen Demokratie interessierten Internetpeople Weltverbesserung vom Sofa ausmachen können. Politik ohne Hose (optional). Reden mit Rechts. Gegen Rechts.“

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