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Prozessauftakt: Ruzicka vor Gericht

Der größte anzunehmende Unfall der Werbe- und Medienbranche ist spätestens seit heute Realität. Aleksander Ruzicka sitzt auf der Anklagebank des Landgerichts Wiesbaden. Durch ihn, mit ihm und von ihm haben viele seit mehr als 20 Jahren gut verdient: Verlage, Fernsehsender, Werbekunden, Agenturen.

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Für absatzwirtschaft aus Wiesbaden: Michael Ziesmann

Nun wird gegen den ehemaligen CEO Europas größter Mediaagentur, Aegis Media, das Hauptverfahren wegen Untreue eröffnet. Nach 2 ½ Jahren Ermittlungsarbeit, 15 Monaten Untersuchungshaft und monatelangem Spekulieren muss sich erstmals einer der prominentesten Vertreter der europäischen Werbewirtschaft vor einem Strafgericht verantworten.

Eine ganze Branche zittert um ihre Existenz. Denn Ruzicka hat diese seit 1984 entscheidend geprägt und weiß viel. Zu viel. In Zentraleuropa, dem Baltikum und Südafrika war er für 10 Milliarden Euro Werbegelder von äußerst namhaften Kunden verantwortlich. Umso brisanter ist der Umstand, dass erstmals tiefe Einblicke in die Praktiken der Werbe- und Medienbranche gegeben werden müssen. Einerseits um eine Schuld nachzuweisen, andererseits um die Unschuld zu belegen. Diese öffentlichen Einblicke in vertrauliche Geschäftsbeziehungen könnten diese zum Einsturz bringen.

Dementsprechend groß war die Spannung im unmittelbaren Vorfeld des Prozessauftakts heute Nachmittag in Wiesbaden. Erstmals trafen alle Beteiligten öffentlich aufeinander. Aleksander Ruzicka wurde aus der Justizvollzugsanstalt Weiterstadt nach Wiesbaden gebracht. Zu seinem ersten öffentlichen Auftritt seit 1 ½ Jahren. Trotz Untersuchungshaft in bestem Anzug und sichtlich guter Verfassung. Enormer Medienrummel war die Folge. Dutzende Journalisten, Fotografen und Kamerateams hatten sich zum Prozessauftakt akkreditiert.

Die Staatsanwaltschaft musste die Anklage nach deren teilweiser Ablehnung durch das Gericht erheblich umschreiben. Aus 167 Seiten sind 60 Seiten geworden, wie Hartmut Ferse, Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Wiesbaden, auf Anfrage der absatzwirtschaft einräumte. Die Schadenssumme von 51,2 Millionen Euro sei jedoch unverändert. Beim letzten Haftprüfungstermin konnte die Staatsanwaltschaft allerdings nicht sagen, wo dieser Schaden entstanden sei. Man sei sich aber sicher, dass es einen gebe und er bei Aegis Media entstanden sein muss.

Auch auf Seiten der Verteidigung wurde bis kurz vor Prozessbeginn gearbeitet. Ruzickas Verteidiger Marcus Traut wird noch vor Verlesung der Anklage prozessuale Anträge einbringen. So zum Beispiel auf Einstellung des Verfahrens. Sollte die Verteidigung belegen können, dass kein Schaden entstanden ist, könnte sich das Interesse an einer Strafverfolgung in Grenzen halten. Der Vorsitzende Richter Jürgen Bonk muss diese Anträge entweder sofort oder in den kommenden Tagen entscheiden. Bonk war es auch, der die Anklage gegen Heinrich Kernebeck (ehemaliger GF Carat Wiesbaden) trotz scharfem Protest der Staatsanwaltschaft abgewiesen hat.

Beide Parteien setzen auf volles Risiko: im Vorfeld hat es keinerlei Absprachen zwischen Richter, Staatsanwalt und Verteidiger über den Ausgang des Verfahrens oder ein Strafmaß gegeben. Die Staatsanwaltschaft muss zudem eine Haftstrafe von mindestens 3 Jahren erreichen, damit die ungewöhnlich lange Dauer der Untersuchungshaft von Aleksander Ruzicka gerechtfertigt bleibt. Den davon unbedingt zu verbüßenden Teil hätte er bereits hinter sich und könnte dennoch als freier Mann das Gericht verlassen.

Zentrale Frage: wer hat noch Interesse sich mit der Causa strafrechtlich zu beschäftigen? Inzwischen ist klar, dass gegen Ruzicka firmenintern intrigiert und er systematisch privat ausspioniert wurde. Die einzigen Vorteilsnehmer dieses Vorgehens sind Ruzickas Nachfolger und Vorgänger in der Position als CEO bei Aegis Media. Staatsanwaltschaft und Aegis Media haben mindestens zwischen dem Zeitpunkt der zugrunde liegenden Strafanzeige am 5.Juli 2005 und den ersten Hausdurchsuchungen am 12.September 2006 tatenlos zugeschaut, wie von Ruzicka angeblich weitere Straftaten begangen werden. Laut Anklage fallen allein in diesen Zeitraum rund 30 Millionen Euro angeblich entstandenen Schadens.

Niemand will die Praktiken der Werbe- und Medienbranche öffentlich machen und Einblick in Arbeitsweisen, Konditionen und Verträge geben müssen. Ob dies dennoch die kommenden Monate thematisch bestimmen wird, entscheidet das Landgericht Wiesbaden.

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