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Nichtwähler trotzen aufdringlichen Werbern

Die Bundestagswahl ist gelaufen. Die Nichtwählerquote liegt bei 26,7 Prozent. 1972 war die Wahlbeteiligung im Allzeithoch von 91,1 Prozent, 2009 betrug sie 70,8. Viel besser ist die Situation 2013 also auch nicht geworden. Obwohl Wahl-Werber alles aufgeboten haben, was sie als vom Feinsten halten. Sie schütteten die Wähler mit Marketing-Maßnahmen nur so zu: Talkrunden auf allen Kanälen, Befragungen der Spitzenkandidaten als 4-Kanal TV-Hype, Plakate im Überfluss. Dazu viele Veranstaltungen mit Tausenden Helfern, Kugelschreibern, Blümchen, Flyern. Doch ein Viertel der Deutschen verweigert sich.

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In der Schlussrunde warben sie nicht für etwas, sondern holten auch noch die Moralkeule heraus. Anne Will, Dunja Hayali im Morgenmagazin und alle Parteivorsitzenden haben im Mantra auf das Wahlvolk eingeredet: „Es ist egal, was und wen ihr wählt, aber geht wählen.“ Doch auch diese Art der Werbung versagte.

Gescheiterte Staatsbürger

Der Kölner Stadt-Anzeiger nennt Nichtwähler, also Parteienverweigerer, gescheiterte Staatsbürger. Die Chefs der JU Bayern, der Jusos und JuLis titulieren sie gemeinsam Schönwetterdemokraten mit kindlicher Naivität.

Parteien seien doch recht unterschiedlich: Frauenquote in Vorständen, Mindestlohn, Steuern, Vorratsdatenspreicherung und Europa. Doch wie naiv muss man sein, dass man fest daran glaubt, dass ein „ja/nein/neutral“ des Wahlomaten ausreicht? Wer für Steuerveränderungen ist, ist vielleicht nicht genau für diese. Und wer für die Pille danach ohne Rezept votiert, votiert dabei nicht gleich für eine ganze Partei.

Parteienverdrossenheit ist nicht Staatsverdrossenheit. Kinkerlitzchen-Unterschiede sind keine strategischen Differenzierungen. Nichtwähler sind nicht unpolitisch. Der Politikforscher Karl-Rudolf Korte formuliert für die Jungen: „Die jungen Menschen sind im Gegenteil sehr politisch interessiert, aber sie glauben nicht mehr an die etablierten Parteien. Sie engagieren sich punktuell (!) für die Themen, von denen sie unmittelbar betroffen sind und nutzen dazu die sozialen Netzwerke im Internet. Politik wandert aus – in nichtetablierte Formate, in denen sich auch Jüngere tummeln.“ Manche schwadronieren jetzt von Wahlpflicht.

Der Wähler als Modul-Kunde

Politiker fühlen sich sicher, denn in Deutschland gibt es keine Mindestwahlbeteiligung. Und doch: Gegen ein nichtwählendes Volk lässt sich letztendlich auch nicht regieren.

Wer ändern wollte, der könnte. Er darf nicht nur mit ausgeklügelter Werbung sein Parteienprodukt verkaufen, sondern muss im Sinne des Customer Centricity mehr vom Wähler als Kunden thematisch planen. Das bedeutet eine Neuorganisation des Systems und nicht der Werbung, so wie Customer Centricity als leitendes Unternehmenssystem auch nicht nur die Veränderung einiger Touchpoints bedeutet. Zur Einstiegsdiskussion:

  • Wähler [nicht Parteien] sollten in Vorwahlen die strategischen Bausteine der nächsten Legislaturperiode zusammenstellen, die sie bearbeitet wissen wollen
  • Bei der Wahl werden aus diesen Arbeitsmodulen konkret die Tops zusammengewählt [das modulare Angebot on demand ist das Angebotsmodell der Zukunft], die die Mehrheit in einer konkreten Form als verbindlichen Arbeitsauftrag umgesetzt sehen will
  • Die gewählte Mehrheit ist verpflichtet, diese strategischen Module unabhängig ihrer sonstigen politischen Linie gemäß dem Wählerwillen umzusetzen
  • Für die Parteiendemokratie bleibt noch genügend Tagesgeschäft und Dynamik übrig

Nichtwähler erzwingen auf Dauer mehr Gesamtkundenorientierung. Klientenpolitik ist out. Parteiendemokratie braucht eine kundenzentrierte Demokratiealternative. Auch Werber hätten dann wieder Wirkkraft.

Über den Autor: Malte W. Wilkes ist Seniorpartner der Management Consultancy Erfolgsketten Management Wilkes Stange GbR in Hamburg. Zudem ist er Redner, Moderator, Diskutant, zigfacher Buchautor, Pionierexperte in Customer Centricity sowie Ehrenpräsident des BDU Bundesverband Deutscher Unternehmensberater.

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