Werbeanzeige

„Konsum ist kein Selbstzweck“: Neurobiologe Joachim Bauer über Wohlstand und Selbststeuerung

© Foto: Getty Images

Der Neurobiologe Joachim Bauer befasst sich seit vielen Jahren mit der Relevanz der Hirn- und Genforschung für den Alltag und hat mehrere Sachbücher geschrieben. Im Interview mit absatzwirtschaft spricht der 64-Jährige über Selbststeuerung, die Kraft der Kommunikation und die Legitimität von Marketing

Werbeanzeige

Von Christine Mattauch

Herr Prof. Bauer, warum schaden sich so viele Menschen selbst, anstatt Optionen zu wählen, die ihnen gut tun?

JOACHIM BAUER: Kein gesunder Mensch schadet sich absichtlich selbst. Das Problem ist: Einige unserer inneren Konstruktionsmerkmale, die gut zu den Lebensbedingungen unserer evolutionären Vorfahren gepasst haben, passen mit den Lebensbedingungen heutiger Wohlstandsgesellschaften nicht mehr zusammen. Ständig auf der Suche nach der möglichst schnellen Befriedigung von Bedürfnissen zu sein, war vor zwei oder drei Millionen Jahren sinnvoll. Heute dagegen kann uns ein solches Verhalten, wenn wir es nicht steuern, schaden, sowohl dem Einzelnen als auch der Gesellschaft.

Wie gelingt Selbststeuerung, und was sind die größten Hindernisse für sie?

Die Evolution hat unser Gehirn – allerdings erst in den vergangenen paar hunderttausend Jahren – mit einigen neuen Modulen ausgestattet, die uns gegenüber allen anderen Lebewesen einen entscheidenden Vorteil verschaffen können. Diese Module sitzen im Stirnhirn und ermöglichen dem Menschen, triebgesteuerte, nur auf kurzfristige Befriedigung zielende Impulse zu kontrollieren und einer Strategie unterzuordnen, die auf mittel- und langfristige Erfolge setzt. Diese Strategie hat alles entstehen lassen, was wir heute an Technik, Kultur und Wohlstand haben. Paradoxerweise sind es jetzt vor allem die Versuchungen des Wohlstands, mit denen wir untergraben, was unsere Erfolgsstrategie war: Die überall verfügbaren Billigangebote untergraben die Fähigkeit des Menschen, sich selbst zu steuern. Eine wichtige Rolle spielen hier nicht nur Junkfood und Alkohol. Suchtpotenzial haben auch die modernen Kommunikationsmittel wie Smartphone und Internet.

In Ihrem neuesten Buch erklären Sie die Bedeutung der Kommunikation für die Selbststeuerung: Worte können, auch biologisch, die gleiche Kraft haben wie beispielsweise ein Medikament. Wie können wir diese Erkenntnis besser nutzen – nicht nur in der Medizin?

Joachim Bauer, Neurobiologe, Arzt und Psychotherapeut

Joachim Bauer, Neurobiologe, Arzt und Psychotherapeut

Ja, mein Buch schlägt da einen Bogen: Wer Selbststeuerung ausüben will, muss erst einmal zum eigenen Selbst zurückfinden, das wie von außen auf uns schauen kann. Es sind sozusagen die inneren Eltern, die sich fragen: Was brauche ich wirklich, was ist nicht nur kurzfristig, sondern langfristig gut für mich? Und dieses innere Selbst – da knüpft jetzt Ihre Frage an – braucht immer wieder Zuspruch von außen, von Menschen, die es gut mit uns meinen. Früher waren das vielleicht die eigenen Eltern, später sind es Menschen, die uns nahestehen; es können auch Ärzte oder Psychologen sein, denen wir vertrauen. Sie haben durch das, was sie sagen, einen großen Einfluss auf unser inneres Selbst. Dieser Einfluss kann bis in unseren Körper hineinreichen: Worte, die uns andere sagen, können uns krank machen oder gesund werden lassen – je nachdem.

Lässt sich das auf andere Branchen übertragen? Wo verläuft die Grenze zur Manipulation?

Leider kann man fast alles auf der Welt auch zu manipulativen Zwecken missbrauchen. Mir geht es um die echten Heilkräfte. Wenn das innere Selbst Kraft hat, wenn wir Selbstvertrauen haben und uns etwas zutrauen, dann hat das immer auch eine Vermehrung unserer Selbstheilungskräfte zur Folge. Wenn andere Menschen also durch das, was sie uns sagen, unser Selbst stärken, dann kann das eine Heilkraft haben. Gute Ärzte heilen immer zweifach: einmal durch die medizinischen Maßnahmen und zum anderen durch das Gespräch mit dem Patienten.

Manche Unternehmen setzen Markenbotschafter ein, um Image und/oder Produkteigenschaften besser zu kommunizieren. Wann ist das erfolgreich, und was halten Sie davon? 

Marketing ist absolut legitim. Die Verbraucher sollten sich dabei nur immer bewusst sein, dass Marketing etwas ist, das primär den Interessen der Hersteller oder Verkäufer dient. Es kann den Interessen der Verbraucher dienen, muss es aber nicht! Der Gesetzgeber muss den Herstellern Vorgaben machen: Der Verbraucher muss anhand der ihm gegebenen Informationen in der Lage sein, kritisch zu prüfen, was er kauft. Dann ist alles in Ordnung.

Sie fordern von Ärzten, empathischer zu agieren und sich bewusst zu machen, dass sie vom Patienten „gesehen“ werden. Könnte man den gleichen Appell an Unternehmen richten? 

Im Prinzip ja. Wir können aber nicht jeden Unternehmer zu einer Mutter Theresa machen. Unternehmen agieren in einem Spannungsfeld: Einerseits müssen sie profitabel arbeiten, andererseits sollen sie immer auch dem Gemeinwohl dienen. Wenn sie das nicht tun, schaden sie letztendlich sich selbst, wie das Beispiel Volkswagen eindrucksvoll zeigt.

Wie kann Selbststeuerung helfen, mit Arbeitsstress besser umzugehen, ohne dass man zum Low Performer wird?

Auch hier haben wir wieder ein Spannungsfeld: Unternehmen sind darauf angewiesen, dass ihre Mitarbeiter sich engagiert einbringen. Arbeitgeber, die es an Wertschätzung und Anerkennung fehlen lassen oder die Leistungsschraube überdrehen, ruinieren ihre Human Resources.

Sind Amerikaner besser darin, optimistisch und ermutigend zu kommunizieren?

Ich glaube nicht. Der Optimismus gehört in Amerika einfach zum guten Ton. Wer dort skeptisch ist, nervt nur. Das hat nicht nur Vorteile, wie man zum Beispiel an der Klimadiskussion sieht. Wir Deutschen neigen manchmal zu sehr zum Pessimismus und zu Weltuntergangsstimmung.

Selbststeuerung bedeutet nicht Autismus; wir brauchen Leitbilder und Ziele. Kann Marketing dazu einen konstruktiven Beitrag leisten?

Letztlich geht es darum, wohin wir mit unserer Entwicklung – auch mit der Entwicklung immer neuer Produkte – wollen, in welcher Welt wir morgen leben wollen. Konsum ist kein Selbstzweck. Wenn Marketingabteilungen das verinnerlichen und über den Tag hinausdenken, dann werden sie ökologische und gesundheitsrelevante Aspekte künftig stärker einbeziehen. Dann ist es gut!

Joachim Bauer, 64 Jahre, zählt zu den bedeutendsten Medizinern Deutschlands. Der Neurobiologe, Arzt und Psychotherapeut ist doppelt habilitiert und lehrt an der Universität Freiburg. Seit vielen Jahren befasst er sich mit der Relevanz der Hirn- und Genforschung für den Alltag und schrieb mehrere Sachbücher. Dieses Jahr erschien sein Bestseller „Selbststeuerung – Die Wiederentdeckung des freien Willens“.

Kommunikation

Sparkasse gewinnt Farbenstreit, Schleichwerbung beim Deutschlandradio und Trumps Logo-Fail

Eine turbulente Woche liegt hinter uns: Erdogan versetzt die Türkei in den Ausnahmezustand, Nizza ist weiterhin geschockt und wir versuchen uns auf die Markengeschichten zu konzentrieren. Dort sorgte die Modemarke Zara, Donald Trump und die Sparkasse für Trubel mehr…

Werbeanzeige

Absatzwirtschaft Newsletter

absatzwirtschaft Newsletter schon abonniert?

Newsticker

Microsoft übertrifft die Erwartungen der Wall Street trotz Umsatzrückgang

Microsoft konnte bei Vorlage seines letzten Geschäftsquartals im Fiskaljahr 2015/16 die Konsens-Schätzungen der…

Sparkasse gewinnt Farbenstreit, Schleichwerbung beim Deutschlandradio und Trumps Logo-Fail

Eine turbulente Woche liegt hinter uns: Erdogan versetzt die Türkei in den Ausnahmezustand,…

Diese zehn Unternehmen besitzen alle großen Weltmarken

In unseren Supermärkten stehen in den Regalen Hunderte von unterschiedlichen Marken. Doch nur zehn große…

Werbeanzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

  1. Für Inhaber geführte Unternehmen ist eine ethische Ausrichtung nicht nur in der Kommunikation sondern auch im Handeln einfacher.
    Für unsere heutigen Wirtschaftsstrukturen der Großkonzerne mangelt es an zeitgemäßen Strukturen.

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige