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Merkel und die YouTuber bei „#DeineWahl“: die schöne neue Werbewelt für die Kanzlerin

"Ist Frau Merkel OK?" Die Kanzlerin ließ sich von vier YouTubern eine Stunde lang befragen, hier von Lisa Sophie alias "Itscoleslaw"

In der Spitze verfolgten etwas über 57.000 Menschen das Live-Interview, das Bundeskanzlerin Angela Merkel vier YouTubern gab. Die jeweils zehnminütigen Gespräche der Kanzlerin mit Itscoleslaw, Alexi Bexi, Ischtar Iksi und MrWissen2go waren unspektakulär. Es ist das Event an sich, das den Gesprächswert schuf und von dem sich alle Beteiligten einen Werbe-Effekt versprechen dürften.

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Produziert wurde das Format „#DeineWahl“ von Studio71, dem Multiplattform-Netzwerk von ProSiebenSat.1 (P7S1). Hinter der Interview-Aktion stehen also keine „kleinen YouTuber“, sondern ein großer TV-Konzern, der durchaus auch handfeste eigene Interessen verfolgt. Zuletzt sorgte das P7S1-Vorstandsmitglied Conrad Alberti für Schlagzeilen, als er einen Anteil an den öffentlichen Rundfunkbeiträgen auch für Privatsender forderte. Ein Format wie „#DeineWahl“ könnte insofern auch medienpolitisch irgendwann in die Waagschale geworfen werden.

Dann wäre da noch YouTube, bzw. der dahinter stehende Google-Konzern Alphabet. Am Tag des Interviews platzierte Google auf seiner Startseite direkt unter dem Sucheingabefeld einen „Programmhinweis“ auf das Interview. Vermutlich wäre das der begehrteste Werbeplatz im Internet. Wenn er denn zu buchen wäre. Der Such-Konzern präsentiert sich hier wie selbstverständlich als die Plattform der Wahl (pun intended) für den politischen Diskurs mit der jungen Zielgruppe.

Und die Kanzlerin selbst profitiert mitten im Wahlkampf natürlich auch. Zwar konnten die YouTuber formal die Bedingungen des Interviews diktieren. Es dürfte Merkel und ihren Beratern aber nicht schwergefallen sein, hier einen Blankoscheck auszustellen. Ganz anders als beim „TV Duell“ übrigens, bei dem jeder noch so kleine Änderungswunsch der Sender ARD, ZDF, RTL und Sat.1 von Merkel abgeschmettert wurde, um ja eine möglichst große Kontrolle zu behalten.

Die YouTuber schlugen sich wacker, konnten es in Sachen Erfahrung und Routine aber natürlich nicht mit einer seit zwölf Jahren amtierenden Kanzlerin Merkel aufnehmen. „Frau Bundeskanzlerin… oder ist Frau Merkel okay?“ fragte Lisa Sophie alias Itscoleslaw zu Beginn und setzte damit den Ton der Gespräche, der zwischen respektvoll und ehrfürchtig changierte.

Die Zahl der Zuschauer bei YouTube (im Mittel um die 55.000) ist dabei eher irrelevant. Die unzähligen Medien, die über das Ereignis „YouTuber befragen Kanzlerin“ berichten, sind der eigentliche Wert. Jenseits aller Inhalte kommt die Botschaft rüber: Merkel ist irgendwie auch modern, macht was mit jungen Leuten im Internet.

Thematisch ging es ohnehin weitgehend um Erwartbares: die „Kluft zwischen arm und reich“, wie Merkel „Bildungschancen verbessern“ will, ihr „Nein“ zur Ehe für alle, darum ob „Deutschland noch eine Autonation ist“, warum „der Breitbandausbau nicht in die Gänge kommt“, wie sie mit Hass umgeht und was „die nächste Eskalationsstufe“ im Konflikt mit der Türkei und der Inhaftierung von Deniz Yücel ist. Für die Kanzlerin Business as usual. Wobei das nicht ihre Schuld ist, für die Fragen waren schließlich die YouTuber zuständig. Als AlexiBexi an einer Stelle konstatierte, das sei ja bisher alles doch recht technisch gewesen zum Thema E-Mobilität, sagte die Kanzlerin trocken und zurecht: „Das waren ja Ihre Fragen.“

Merkel war nie um eine Antwort verlegen, manchmal bot sie Gelegenheiten zum Nachhaken, die aber ungenutzt blieben. Dass die Kanzlerin sich etwa ans Revers heftete, sich für die Abstimmung über die Ehe alle „eingesetzt“ zu haben, war schon ein bisschen dreist, wenn man sich in Erinnerung ruft, wie sie in die Abstimmung hineingestolpert ist. Ebenso frech, dass sie die Einführung des Mindestlohns als Erfolg verbuchte. Bei beiden Themen war die SPD die treibende Kraft gewesen. Für Nachfragen oder spontanes Reagieren seitens der YouTuber war aber schlicht keine Zeit, bzw. es fehlte den jungen Fragestellern vielleicht auch ein wenig an Erfahrung. Als die Kanzlerin die Beauty-YouTuberin Ischtar Isik aufforderte, doch mal ein Thema zu nennen, und sie würde ihr dann die Unterschiede zwischen den Parteien auseinandersetzen, verwies die junge Frau darauf, dass das jetzt nicht gehe. Sie müsse ja noch alle anderen Themen durchbringen. Merkel guckte kurz komisch und weiter ging’s heiter mit dem Frage-Ablesen von der Karteikarte.

Es ist aber auch wirklich schwierig mit solchen Merkel-Interviews. Die Kanzlerin hat die Routine von zwölf Regierungsjahren auf dem Buckel. Ischtar Isik bekannte, dass dies ihr erstes Interview überhaupt gewesen sei (Merkel: „Sie haben Talent.“). Die Produktion hat das Format dann zusätzlich noch etwas überfrachtet, indem noch Einspielfilme mit der YouTuberin Nilam Farooq gezeigt und zwischendurch Twitter-Kommentare und -Umfragen von Robin Blase und Lisa Ruhfus (aka „Die Klugscheisserin“) vorgelesen wurden.

Man würde sich schon wünschen, die Kanzlerin würde mal von einer Nervensäge wie Tilo Jung befragt werden. Anfragen von dem Bundespressekonferenz-Schreck hat die Merkel-Seite aber stets abgelehnt. Man darf einmal raten, warum.

Am Ende von „#DeineWahl“ deutete „MrWissen2go“ Mirko Drotschmann an, dass dies wohl nicht das letzte „YouTuber fragen“-Format gewesen sein könnte. Die Produktionsfirma hatte sich zuvor schon ähnlich geäußert: „Wir planen sehr wohl, weitere Spitzenkandidaten zu interviewen.“ Die dürfen sich freuen, die anderen Spitzenkandidaten. Wäre ja auch unfair, wenn nur die Kanzlerin die Gelegenheit für so eine schöne Werbe-Plattform vor der Wahl erhalten sollte.

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