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Künstliche Intelligenz: Die Weichen müssen jetzt gestellt werden

Wolf Ingomar Faecks, Senior Vice President und Industry Lead Automotive/Manufacturing/Health EMEA/APAC, Publicis.Sapient

Den Science-Fiction-Faktor hat künstliche Intelligenz (KI) mittlerweile verloren – die Technologie ist längst im Alltag angekommen. Dennoch: Die weitreichenden Auswirkungen auf Gesellschaft und Arbeitswelt werden heutzutage immer noch komplett unterschätzt.

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Bisher konnten wir uns getrost auf seit Jahrzehnten gültige Logiken verlassen: Einer guten Ausbildung folgte mit relativer Sicherheit ein gut bezahlter Job und eine gewisse gesellschaftliche Anerkennung. KI hat das Potenzial, diese Gesetzmäßigkeiten aus den Angeln zu heben. Man nehme als Beispiel den Beruf des Wirtschaftsprüfers: Zu Beginn seiner Karriere ist ein junger Wirtschaftsprüfer in erster Linie damit beschäftigt, sich durch riesige Mengen von Daten zu arbeiten – und so seine Expertise zu formen. Diese Arbeit ist aber auch ideal für den Einsatz von KI geeignet, da sie in hohem Maße gleichartig, wiederkehrend und stark fokussiert ist. Die Maschine ist wesentlich schneller und genauer und daher hervorragend dazu geeignet, dem Menschen diese Routinearbeit abzunehmen. Am Ende prüft dann abschließend nur noch ein erfahrener Wirtschaftsprüfer die Ergebnisse und erteilt das Testat.

KIs nehmen die Möglichkeiten Erfahrungen zu sammeln

Die Krux: Wie wird man eigentlich ein erfahrener Wirtschaftsprüfer, wenn Lernprozesse sukzessive von KIs übernommen werden? Malcom Gladwell prägt in seinem Buch „Überflieger“ die These, dass man – gleich, ob als Fußballprofi oder Konzertpianist – mindestens 10.000 Stunden benötigt, um Experte auf einem beliebigen Gebiet zu werden. Wenn jetzt KI ins Spiel kommt, wird diese Phase des Lernens einfach wegrationalisiert. Ob Wirtschaftsprüfer, Radiologe oder Finanzanalyst: Es sind nun auf einmal klassische „White-Collar“-Berufe, die sich komplett verändern werden.

Die Herausforderung besteht nun darin, Jobprofile und den Prozess des „Erfahrungsammelns“ konsequent neu zu definieren. Denn Berufsbilder werden weniger eins zu eins durch KI ersetzt. Sie zeichnen sich künftig vielmehr durch so genannte intelligente Augmentation (IA) aus. IA steht für die Verknüpfung und Erweiterung der menschlichen Intelligenz und Fähigkeiten durch zusätzliche Skills, die durch KI erst ermöglicht werden. Statt 10.000 Stunden für den Expertenstatus zu lernen, wird es zukünftig eher zu einer Kondensation und Fokussierung der Ausbildung kommen: Ein Studium wird nicht mehr fünf, sondern nur noch drei Jahre dauern – dafür aber mit klarem Fokus auf den Umgang mit KI als selbstverständlichem Partner im Arbeitsalltag. Die Rolle des Menschen definiert sich künftig also noch stärker durch Empathie und Intuition sowie das Lösen komplexer Problemstellungen und kreativer Aufgaben. Und gerade das Wechselspiel dieser Fähigkeiten differenziert den Menschen sehr deutlich von einer heutigen KI.

Aktive Rolle der Politik gefragt

Da die Veränderungen bereits im vollen Gange sind, muss nun auch die Politik ihrer Aufgabe gerecht werden und für die notwendige Regulierung sorgen. Auch Atomwaffensperrverträge und Kriegswaffenkontrollgesetzte sind erst relevant geworden, nachdem das Kind in den Brunnen gefallen war – soweit darf es hier nicht kommen. Problematisch ist, dass aktuell die Debatte um KI von zwei Extremen dominiert wird: Das Silicon Valley propagiert in der Mehrheit einen „Technologieenthusiasmus“, der dem Fortschritt huldigt, ohne die Schattenseiten zu hinterfragen. Da ist es schon einmal sehr positiv zu begrüßen, dass Google mit seinen vor kurzem veröffentlichten, ethischen Grundsätzen zum Umgang mit KI einen ersten Schritt Richtung Branchen-interner Regulierung gemacht hat.

Auf der politischen Seite hingegen herrscht vielerorts nur ein rudimentäres Verständnis bezüglich KI und ihrer Wirkungsweise – oftmals sogar totale Unwissenheit. Das macht eine Debatte zwischen politischen Entscheidern und der Digitalwirtschaft auf Augenhöhe eigentlich unmöglich. Man nehme nur den vor knapp zehn Jahren einberufenen Deutschen Internet Rat (DIR) als Beispiel, der bis dato nahezu komplett einflusslos geblieben ist.

Die Regulierungsthematik ist insofern kritisch, als dass wir uns mit dem Thema KI in den Einstieg einer Exponentialkurve bewegen: Bald wird der Technologiefortschritt einen so hohen Beschleunigungsgrad erreichen, dass eine Nachregulierung nicht mehr möglich sein wird. Auf den ersten Blick mag der rasante Fortschritt noch beherrschbar erscheinen. Auf den zweiten Blick wird aber offensichtlich, dass der Mensch diese exponentiell fortschreitende Entwicklung nicht überblicken oder einschätzen kann, da er nicht dazu gemacht ist, in Exponentialfunktionen zu denken. Die Devise muss also lauten: Gesellschaft, Wirtschaft und Politik sollten sich dringend und ernsthaft mit dem Thema KI beschäftigen – und es nicht nur verteufeln. Denn sowohl das Silicon Valley als auch China, das bereits heute die weltweite Vormachtstellung in KI für sich propagiert, befeuern das exponentielle Wachstum der Technologie.

 

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