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Ist der Ruf erst ruiniert …

Jürgen Häusler

Der so genannte „Vater des Liberalismus“ John Locke (1632-1704) war überzeugt, dass Menschen mehrheitlich von ihren Mitmenschen geschätzt werden wollten: „Unter Zehntausend ist kaum Einer stark und unempfindlich genug, um die stete Missbilligung und Verurteilung seiner eigenen Genossenschaft zu ertragen.“ Menschen ist ihr Ruf etwas wert. Und sie handeln entsprechend. Man könnte dies für eine anthropologische Konstante halten. Gleichwohl kann der heutige Zeitungsleser dies kaum glauben

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Selbst die Mafia dürfte in diesen Tagen bessere Imagewerte als die FIFA haben. Der dafür verantwortliche, abgesetzte Chef kann sich ausschließlich darüber erregen, dass er nicht mehr Chef sein darf. Sein Nachfolger, seit Jahren selbst Mitglied der Führungsriege des institutionalisierten Weltfußballs, feiert die Fehlleistungen der Vergangenheit als die Wegweiser in die bessere Zukunft: 2018 erwarte uns in Russland „die beste WM aller Zeiten“. In Katar, wo die WM 2022 stattfinden wird, stünde „die Menschenrechtssituation zuoberst auf der Agenda“. Das dokumentiert Stärke. Man fühlt sich offensichtlich mächtig, ausgestattet mit der Lizenz, nicht lernen zu müssen (K.W. Deutsch, Politologe,1912-1992).

Ähnlich stark und unempfindlich genug, um die Verurteilung der Mitmenschen zu ertragen, fühlen sich ganz offensichtlich jene Vorstandsmitglieder in Wolfsburg, die es für unerträglich halten, dass ihre beachtlichen Bonuszahlungen in die öffentliche Diskussion geraten angesichts der „historischen Krise“ (so der Chef) des von Ihnen geführten Unternehmens. Auch hier fällt auf, dass die (Mit-)Verantwortlichen für das Elend nicht nur dazu auserkoren sind, die neue Blütezeit einzuläuten. Sie entscheiden auch darüber mit, welche finanziellen Konsequenzen das verantwortliche Führungspersonal zu tragen hat. Sie bleiben an der Macht. Sie bekommen und ergreifen damit die Chance, den eigenen Willen gegen konträre Auffassungen durchzusetzen (so definierte der Soziologe Max Weber, 1864-1920, Macht).

Ändern wir unser Konsumverhalten?

„Machtmissbrauch“ gehört eigentlich in die Begriffswelt der Politik. Dort beobachten wir gelassen das Treiben der Erdogans oder Putins. Dort erwarten wir Politikverdrossenen längst, dass „Verantwortung übernehmen“ nicht verwechselt werden darf mit dem tätigen Tragen der Konsequenzen von übernommener Verantwortung. Was hindert uns daran, ähnlich verdrossen auf ähnlich zynisches Verhalten in Sportverbänden und Vorstandsetagen zu reagieren? Was muss geschehen, dass wir auf den VW verzichten? Wann hören wir auf, den institutionalisierten Weltfussball mit stets wachsender Begeisterung zu verfolgen und ihn damit unerschütterlich zum milliardenschweren Geschäftserfolg zu machen?

Es scheint so, dass wir uns in unserem Kauf- und Konsumverhalten nur in sehr geringem Maße von unseren Einstellungen leiten lassen. Auch der Einfluss von herrschenden „Stimmungen“ (Heinz Bude, Das Gefühl der Welt, 2016) auf unser Konsumverhalten darf wohl nicht überschätzt werden. Zumindest gehen wir sehr flexibel mit diesen um. Verbal empören wir uns vielstimmig. Und kleinlaut kaufen wir dann (fast) wie bisher.

Win-win-Situation ist ein Trauerspiel

Der Zynismus der Verbands- und Wirtschaftsführer und der Zynismus der Konsumenten verbünden sich in den aufgeführten Skandalen. Das Spiel basiert wohl auf der Fähigkeit der mächtigen Hauptfiguren, Fußballfans und Konsumenten als ihren potenziellen Kooperationspartnern mehr Optionen bieten zu können als andere (die Definition von Macht von Niklas Luhmann, Soziologe, 1927-1998). Gemeinsam wird das skandalöse Spiel gespielt. Eine stabile Win-win-Situation.

In der Summe verkümmert die aktuell immer wieder gefeierte Macht des Konsumenten zum Wunschtraum. Gerade die vielgerühmte Macht des Shitstorms im Internet ist dann lediglich Teil der Inszenierung des Trauerspiels. Alle Mitspieler wissen letztlich, dass diese Suppen stets nicht so heiss gegessen werden (müssen), wie sie gekocht wurden.

Dann muss die eingangs zitierte Einschätzung wohl revidiert werden. In den Führungsetagen mächtiger Verbände und Unternehmen gehört es inzwischen zur Grundausstattung des Personals, stark und unempfindlich genug zu sein, um Missbilligung und Verurteilung durch Öffentlichkeit und relevante Zielgruppen zu ertragen. Vielleicht nicht als anthropologische Konstante, nicht als zum Wesen des Menschen gehörend. Aber als auf der Karriereleiter mühsam oder freudvoll angenommene déformation professionelle. Und ganz im Sinne des Volksmundes, der es ja schon immer wusste oder es von Wilhelm Busch, Bertolt Brecht oder Werner Kroll gelernt hat: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.

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