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David Bosshart im Interview: Innovation gegen Ineffizienz

Bosshart ist Trendforscher und Geschäftsführer des GDI Gottlieb Duttweiler Institute for Economic and Social Studies

Der Trendforscher und Visionär David Bosshart ist der Auffassung, dass Europ weniger disruptive Angriffe auf etablierte Wirtschaftszweige erleben würde, wenn man selbst innovativer wäre. Die Tragweite der aktuellen Veränderungen haben wir noch nicht im Ansatz begriffen.

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Wir erleben aktuell eine sehr hohe Innovationsgeschwindigkeit. Was macht das mit uns als Gesellschaft und mit dem Wirtschaftssystem?

Dr. David Bosshart: Wir erleben gerade den schnellsten und größten Umbruch in Wirtschaft, Gesellschaft, aber auch Politik seit Beginn der Industrialisierung. Doch noch kaum jemand hat die Dimensionen wirklich begriffen. Algorithmisierung, Automatisierung, 3D Printing, Roboterisierung werden unsere Vorstellungen von Handel, Einkaufen, Mobilität radikal ändern. Mental und emotional sind wir Jäger und Sammler geblieben, die sich mittelalterlich organisieren, aber gottesähnliche Werkzeuge in den Händen halten.

Muss die Gesellschaft sich wehren gegen AirBnB und Uber, um etablierte Qualitätsstandards zu erhalten, oder richten das die Märkte selbst?

Bosshart: AirBnB und Uber sind nur möglich in innovationsschwachen Märkten. Wo gibt es etwa mehr Ineffizienzen und schlechter eingesetzte Vermögenswerte als im automobilen Verkehr? Unternehmen wie AirBnB nützen ihre verändernde Kraft und ihren Zeitvorsprung aus, um wertvolle Erfahrungen für die Zukunft zu sammeln. Dass sich über die Zeit die Geschäftsmodelle verändern und anpassen, ist geschenkt. Auch in allen andern Märkten, etwa der Gesundheit, wollen innovative Startups den Uber der Gesundheit entwickeln und „disruptiv“ vorgehen.

Kann Politik und Gesetzgebung da mithalten oder brauchen wir zum Beispiel eine englische Form der Rechtsprechung/Gesetzgebung, um schnell genug zu sein.

Bosshart: Gerade in Deutschland gibt es nach meiner Einschätzung zu viel Technikangst. Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten, mit Entwicklungen umzugehen: Entweder man lässt sie mit wachsamem Pragmatismus laufen, und korrigiert später mit notwendigen Regulierungen, oder man behindert mit viel bürokratischem Aufwand schon im Ansatz Veränderungen, die sowieso kommen werden, und entmutigt die Tapferen. Ich halte ersteres für vernünftiger und sowohl wirtschaftlich wie gesellschaftlich für profitabler.

Was schnell kommt, verschwindet schnell.- Wird es 2025 Google und Facebook noch in dieser Form geben?

Bosshart: Diese Frage ist eigentlich unwichtig – nach Google kommt ein anderer Google, und nach FB kommt ein anderes FB. Spannend ist die Entwicklung des digitalen Ökosystems, nicht eine einzelne Firma, die, wie die Geschichte der Technologie gezeigt hat, ihr Zeitfenster haben und dann langsam oder schnell verschwinden. Denken Sie an Kodak, Nokia, Sony ….

Braucht Mitteleuropa solche Leaderunternehmen oder überlebt es sich gut mit vielen kleinen, beweglichen Firmen?

Bosshart: Die Großen brauchen die kleinen, keine Frage – siehe etwa das Modell Amazon. Aber es ist schon etwas deprimierend zu beobachten, dass weder Deutschland noch England oder Frankreich oder auch Europa insgesamt Firmen im Range von Google oder Amazon oder Apple oder eben Uber hervorbringen – Wandel ist auch Resultat einer unternehmerischen Disposition, einer Einstellung, die Welt zu verändern und nicht passiv abzuwarten und Erreichtes zu verwalten. Bei der Automobilindustrie war das vor 20 Jahren noch möglich, im klassischen stationären Handel auch – heute nicht mehr.

Hat in der hochvernetzten, globalen Welt Lokales noch einen Wert?

Bosshart: Natürlich. Wir unterscheiden bei unseren Arbeiten zwischen Science und Romance. Wo einerseits immer mehr Teile der Wertschöpfung wissenschafts- und technologiegetrieben sind, wächst als Gegentrend die Sehnsucht nach Romantik: das Lokale, Verständliche, Einfache, Vertraute. Nirgendwo schöner zu beobachten als bei den Lebensmitteln.

Welche Rolle spielt Marketing in der Zukunft?

Bosshart: Auch Marketing wird mathematischer, algorithmisierter, datengetriebener. Ob sie das mit Big Data umschreiben oder nicht, spielt eigentlich keine Rolle. Wer besser Daten kapitalisieren kann, sammelt Vorteile. Wir wissen immer besser, wie irrational sich die Verbraucher verhalten. Das führt im schlimmsten aber nicht unwahrscheinlichen Falle zu einer neuen Regulierungsflut. Im Premium- und Luxusbereich wird der persönliche Verkauf durch qualifizierte Mitarbeitern immer wichtiger. Mittelmäßigkeit ist tödlich, denn das kann der Roboter schneller, besser, billiger.

Derzeit     positionieren     sich     viele     Unternehmen     mit Nachhaltigkeitsthemen.   Ein   Hype   oder   bildet   das   unsere gesellschaftliche Entwicklung ab?

Bosshart: Das ist eine Definitionsfrage mit semantischen Nuancen. Denn letztendlich ist Nachhaltigkeit nur ein Symptom für Unzulänglichkeiten etwa bezgl. Effizienz und Effektivität, langfristigem Überleben und Entscheidungen, die momentane Gefühle befriedigen müssen.

Ist die Führungspersönlichkeit der Zukunft eher Generalist oder hochspezialisiert?

Bosshart: Beides. Je weiter oben in der Führung, desto mehr gilt das. Ohne gute Grundausbildung geht nichts. Und ich muss mich für viele Themen interessieren, die ich dann gerne weiterverfolge. Aber ich brauche in zumindest einem Gebiet Spezialkenntnisse als Führungspersönlichkeit eines Handels- oder Industrieunternehmens. Sonst bin ich auch bei den Mitarbeitern nicht legitimiert.

 

Mehr von Dr. Bosshart und vielen weiteren namhaften Speakern können Sie auf dem Kongress Online-Handel vom 21. Bis 22. Januar in Bonn erleben. Die Absatzwirtschaft und das Managementforum verlosen eine Tageskarte für zwei Personen. Einfach eine Mail an Strasser@managementforum.com

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