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Hunger als Luxussymbol – Sehn-Sucht nach dem Mageren

Erstaunlich viele Models und Hollywoodstars sind gleichzeitig von dem Virus befallen: Sie machen sich nicht rar aber häufig dünn. Von Skandal ist die Rede. Doch am Ende ‚siegt’ der angeblich künstlerische Geschmack. Marktforscher von rheingold versuchen sich an einer Analyse.

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von Ines Imdahl

Die Magersucht hat nicht nur den Schrecken einer lebensbedrohenden Krankheit verloren, sondern sich sogar öffentliche Akzeptanz verschafft. Sie wird nicht mehr unter dicken Pullovern und diversen Hosenschichten versteckt, sondern auf Laufstegen und roten Teppichen zur Schau getragen.

Damit nicht genug: das Magere beeinflusst auch die Selbst-Wahrnehmung der allermeisten ‚normalen’ Frauen – den Nicht-Promis und Nicht-Models. Frauen akzeptieren ihr eigenes Gewicht nicht mehr, mit dem sie sich noch vor zwei Jahren schlank genug waren. Ideale werden derzeit in jeder Hinsicht nach unten korrigiert. Nicht nur in den USA gibt es inzwischen Größe 30 und kleiner – und in einigen Luxusboutiquen gilt 38 als ‚große Größe’!

Wie bei jeder anderen Sucht auch haben rationale Argumente kaum eine Chance: Man weiß um die Schäden, aber fasziniert ist man trotzdem. Natürlich werden die Frauen deswegen nicht alle superdünn – aber die Akzeptanz des Normalen wird noch schwerer als es den meisten Frauen ohnehin schon fällt.

Wie kommt es, dass viel zu dünne Frauen heute als schön gelten? Wieso sind 43kg und weniger auf einmal nicht mehr krank, sondern erstrebenswert? rheingold kann vier zentrale Gründe dafür ausmachen, warum das Magere ausgerechnet jetzt so attraktiv ist.

1. Seelische Ziellosigkeit

Die Frauen von heute können alles werden – sie haben das breiteste Rollenangebot in der Geschichte der westlichen Kultur. Aber sie haben keine Vorbilder – sie wissen nicht wie sie all das, was sie werden könnten, wirklich umsetzen sollen. Sie können sich nicht für eine Rolle entscheiden, machen vieles gleichzeitig, aber legen sich nicht wirklich fest. Körperlich findet diese ‚seelische Ziellosigkeit’ ihren Ausdruck in kindlichen, unweiblichen Formen – denn auch die Entscheidung ‚richtig Frau’ zu werden, wird nicht getroffen. Mit ‚Hungerkuren’ wird die Entwicklung des Frauseins sogar noch einmal zurückgedreht: Frauen machen sich wieder zum Mädchen aus dem theoretisch noch alles werden kann.

2. Luxuriöses Mager-Sein

Das Magere ist derzeit vor allem mit Luxus verbunden – mit Hollywood, Models und Reichtum. Nicht zuletzt deswegen wird es von vielen Frauen als schön erlebt. Schönheit war und ist immer auch luxuriös – also etwas, dass nicht jeder sich leisten konnte, für das man sich Zeit nehmen musste. Solange harte Arbeit mit Bräune verknüpft war, galt ein weißer Teint als schön. Bedeutet es aber Luxus sich im Freien zu bewegen, wird die Bräune zum Schönheitsideal. Wo also Essen für alle Schichten im Überfluss existiert – wird das Magere zum Luxus. So paradox es klingt, wenig und kalorienarm zu essen und extremen Sport zu treiben, sich also beinahe ausschließlich seinem Körper widmen zu können, bedeutet viel Zeit zu haben. Zeit, die man sich einfach leisten können muss – neben seinem Job, seiner Familie und anderen Verpflichtungen.

3. Leidvolle Sinnlichkeit

Wer schön sein will, musste schon immer leiden – chinesische Krüppelfüße, afrikanische Turmschädel, birmanesische Giraffenhälse, ausgeschlagene Vorderzähne im Südsudan, amerikanisch-europäische Silikonbrüste – sind nur einige Beispiele. Das Selbstzerstörerische der neuen Mager-Sucht ist also kein wirklich uniquer Aspekt des derzeitigen Schlankheitsideals. Der freiwillige Hunger bietet für die Frauen eine Möglichkeit in ihrem wieder Leben etwas durchzumachen, sich wieder zu spüren – etwas unmittelbar erlebbar Körperliches. In klimatisierten Räumen, mit standarisiertem Food und die Sinne wenig hausfordernden Lebensweisen bedeutet Hunger eine Form der Unmittelbarkeit, die den allermeisten Menschen in der Zeit der Ent-Sinnlichung verloren gegangen ist.

4. Wahnhafte Beherrschbarkeit

Für ihre Schönheit fühlen sich die Frauen mehr denn je selbst verantwortlich. Sie finden sich immer weniger mit körperlichen ‚Gegebenheiten’ ab, sondern schöpfen sich selbst nach existierenden Idealvorstellungen. Dazu greifen sie dabei immer häufiger auf das bestehende medizinische und kosmetische Potential zurück. Körperliche Realitäten werden dem theoretisch und praktisch Machbaren untergeordnet. Die neue Magersucht steigert die Kontrollphantasien bis an die Grenze des Lebens. Das ‚Spiel’ mit dem Tod kann als letzte zu erobernde Bastion des Schöpfungswahns betrachtet werden. Size Zero Frauen beherrschen nicht nur ihren Hunger, sie fühlen sich mächtig und unantastbar. Während andere Models an ‚Unterernährung’ sterben, beweisen sie täglich, dass sie eigentlich auch den Tod ‚besiegen’ können.

www.rheingold-online.de

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