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Herer Markenglanz im Profitzirkus

Steve Jobs hat es in diesen Tagen wieder einmal zelebriert: Marken verändern die Welt. Wenn er recht behält, werden wir uns ein neues Verständnis von telefonieren, von miteinander kommunizieren und sich selbst organisieren aneignen müssen. Mit dem Computer für Dich und mich, überall mitnehmbar, hat er ähnliches schon einmal geschafft.

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Eher vereinzelt erinnerten penetrante Kritiker gleichzeitig mit erhobenem Zeigefinger, dass dieser moderne Held unter Umständen gegen weitverbreitete Vorstellungen von Moral und Sitte verstossen hat. Wenn sie recht behielten, müsste sich Steve Jobs daran gewöhnen, dass seine individuelle Bewegungsfreiheit zukünftig drastisch eingeschränkt werden könnte.

Im Trubel des Medientheaters rund um das iPhone sind die Kritiker der Entlohnungspolitik von Unternehmensführern bei Apple erst einmal untergegangen. Corporate Governance klang vielleicht gut, Markenglanz tat ganz offensichtlich besser.

Dieses spannungsreiche Neben- oder Gegeneinander von hehren Markenverprechen und profanen organisatorischen oder individualistischen Profitinteressen erleben wir allerorten. Eher regional, wenn jetzt die einst Verantwortlichen für eine der Ikonen in der Geschichte der Reiseindustrie in der Schweiz vor Gericht stehen. Mit geopolitischen Dimensionen, wenn die Besitzer der Ikonen des freien globalen Internets am Pranger stehen, weil sie Menschenrechte in China mit Füssen treten und rüden Expansionsgelüsten opfern.

Ist also das eine (das Markenversprechen) doch nur Schall und Rauch, weil das andere (Profitinteresse) eben doch die letztlich handlungsleitende Maxime formuliert? Dieses ja durchaus nachvollziehbare Verdikt übersähe die gesellschaftlichen Dimensionen von Marken.

Wir alle wissen inzwischen: Marken tragen entscheidend zum Unternehmenserfolg bei. Im Wettbewerb differenzieren sie. Bei Konsumenten sorgen sie für Orientierung. Unternehmensintern und -extern schaffen sie Identifikation. Sie sind wertvoll, weil sie wesentlich zur Steigerung des Unternehmenswertes beitragen, indem sie für Erkennbarkeit, Unterscheidbarkeit und Loyalität beim Kunden sorgen.

Aber ihre Bedeutung geht über diese unternehmensbezogene Perspektive hinaus. Die Wirkung von Marken entfaltet sich weit jenseits der Dimensionen des Marketings.

Marken beeinflussen den Alltag von Menschen. Sie sind vermehrt Vorbilder für die Haltungen und das Verhalten von Menschen. Sie sagen uns vielfach, was wir richtig und falsch, gut und schlecht, gesund oder ungesund finden. Und sie sagen uns oft, wie wir uns ernähren, wie wir uns informieren, wie wir kommunizieren, wie wir unsere Freizeit verbringen, wo wir unsere Wohltätigkeit platzieren. Marken prägen uns.

Marken sind elementare Bestandteile geografischer Identität. Sie profitieren nicht nur von ihrer regionalen Herkunft durch das auszeichnende „Made in …“. Sie prägen umgekehrt das Bild ganzer Regionen bis hin zu Nationen. Premium-Marken im Fahrzeugbau sind globale Ikonen für den nördlichen Nachbarn. Die Schweiz wird für viele bildhaft konkret durch seine exklusiven Uhrenmarken. Marken werden zu regionalen Identifikationsankern.

Marken geben Innovation erst die Kraft, sich im Wettbewerb durchzusetzen. Es war eben die bereits erwähnte Marke, die der mobilen digitalen Musik erst so richtig zum Durchbruch verholfen hat. Marken definieren so gesellschaftlichen Fortschritt mit.

Zusammengefasst entfalten Marken gesellschaftsgestaltende und -verändernde Wirkungen. Die Gesellschaften seit Mitte des 20. Jahrhunderts sind ohne Marken kaum noch denkbar. Damit sind Marken, im wahrsten Sinne des Wortes, mächtig. Aber sind sich die Besitzer, Entwickler und Manager dieser mächtigen Marken dieser Verantwortung immer bewusst? Wissen Konzernführer, Markenmanager und Kommunikatoren um diese Verantwortung?

Über den Autor: Dr. Jürgen Häusler ist CEO von Interbrand Zintzmeyer & Lux.

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