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Gruner + Jahr: Unternehmen in schwebendem Verfahren

Im Gegensatz zu anderen Großverlagen hat Gruner + Jahr seine digitalen Aktivitäten streng am klassischen Kerngeschäft ausgerichtet. Das hat eine lange Zeit funktioniert, Umsatz und Ergebnis fielen ordentlich aus. Nun muss sich die Bertelsmann-Tochter wegen einbrechender Anzeigenmärkte und stagnierendem Vertriebsgeschäft auf schrumpfende Geschäfte einstellen.

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Von Roland Karle

Thomas Rabe einen Dampfplauderer zu nennen, wäre maßlos übertrieben. Das Gegenteil trifft zu. Der Vorstandsvorsitzende von Bertelsmann wählt seine Worte mit Bedacht, er weicht schon mal auf einen Allgemeinplatz aus und bevorzugt die kontrollierte Defensive, wenn er öffentlich spricht. Wer verstehen will, was Rabe sagt, sollte in der Disziplin des Zwischen-den-Zeilen-Lesens kein Anfänger sein.

Über das Gedeihen der Verlagstochter Gruner + Jahr (G+J) hat sich Rabe gerade in einem langen Interview mit dem „Manager Magazin“ geäußert. Und das Wörtchen „vielleicht“ benutzt, wo ein „ganz bestimmt“ weitaus besser gepasst hätte. „Vielleicht war es ein Fehler, dass wir zu lange in den Ausbau traditioneller Printgeschäfte und zu wenig in den digitalen Umbau investiert haben. Vielleicht haben wir auch das Portfoliomanagement nicht intensiv genug betrieben.“ Frei übersetzt heißt das: G+J hat sich sträflich streng auf Bewährtes verlassen statt beherzt neue Wege zu gehen.

Stark im Printbereich

Ein Vorwurf, der Verlegern ganz allgemein und von jedermann allzu gerne entgegen geschleudert wird. Und doch fällt auf: Während Axel Springer, Burda und Holtzbrinck auf dem digitalen Spielfeld kräftig gewirbelt haben, kam Gruner + Jahr in den vergangenen Jahren nur selten über die Mittellinie hinaus. Dass der vormalige Vorstandsvorsitzende Bernd Buchholz seinen Verlag mit einem knackig klingenden „House of Content“ etikettierte und als strategischen Ansatz deklarierte, ändert daran nichts. Die „Transformation eines erfolgreichen Zeitschriftenhauses in die digitale Welt“ blieb rein ökonomisch betrachtet nämlich weitgehend unsichtbar.

Holtzbrinck hat sich an Dutzenden Internetfirmen beteiligt, Burda verdient unter anderem Geld mit dem Onlineverkauf von Tickets und Tiernahrung, Axel Springer erwarb großräumig Internet-Anzeigenportale. Das spiegelt sich in den Geschäftsberichten der Wettbewerber wider: Der Umsatzanteil der digitalen Aktivitäten wächst kräftig, während Buchholz vor gut einem Jahr noch stolz verkündete, dass G+J deutlich über 90 Prozent mit gedruckten Medien verdient. „Dafür brauchen wir uns nicht zu schämen“, betonte der damalige Vorstandschef. Das hieße, „dass wir in Print stark sind und erlaubt nicht den Umkehrschluss, dass wir digital schwach wären“.

Nur markennahe digitale Projekte

Gruner + Jahr hat nie in größerem Stil digitale Firmen aufgekauft oder sich als Venture Capitalist betätigt. Das Management entschied sich gegen einen Einstieg in den E-Commerce, weil man die Konkurrenz mit professionellen Versandhändlern scheute. „Andere Medienhäuser schlagen solche Wege ein, und das kann für sie richtig sein. Aber ich halte es für schlau, wenn wir uns auf unsere Kernkompetenzen fokussieren“, lautete seinerzeit das Credo von Bernd Buchholz. Daran hat sich erkennbar auch unter der neuen Führung, dem gleichberechtigten Triumvirat Julia Jäkel, Torsten-Jörn Klein und Achim Twardy, nichts geändert.

Ob nun aus eigener Überzeugung oder weil die Hauptgesellschafter in Gütersloh das so wollten: Wenn es ums Digitale ging, investierte Gruner + Jahr bislang also stets in marken- und mediennahe Projekte. „Was wir nicht unterstützen, ist die Diversifikation in Rand- und Nebengeschäfte“, betont Bertelsmann-Chef Rabe. Eine klare Aussage mit Folgen: G+J wird sich wohl weiterhin in einem deutlich engeren Korridor bewegen als die Konkurrenz.

Erlöse im Printbereich stark rückläufig

Rabe mag tendenziell richtig liegen mit der Feststellung, dass auch bei anderen Verlagsgruppen der Anteil des Digitalumsatzes am Zeitschriftengeschäft nicht höher liege als bei G+J und alle noch nach dem passenden Schlüssel suchen, der Print die Tür in die Welt des digitalen Geldverdienens öffnet. Jedoch klingt es mehr nach Einsatzwillen als nach taktischem Plan, wenn er ankündigt: „Wir wollen die digitale Transformation vorantreiben, auch bei G+J. Wir sind bereit, in das Geschäft zu investieren.“ Das wirkt jedoch zurzeit wie ein schwebendes Verfahren.

Die gedruckten Medien mit ihren Vorzeigetiteln „Stern“, „Geo“ und „Brigitte“ haben sich gerade bei Gruner + Jahr lange Zeit als kräftige Melkkuh erwiesen. Noch im Jahr 2011 vermeldete der Verlag im Deutschland-Geschäft ein Rekordergebnis, erwirtschaftete insgesamt Erlöse in Höhe von 2,29 Milliarden Euro und eine Umsatzrendite von 10,2 Prozent. Im Werbe- und Vertriebsmarkt beleben digitale Angebote wie bezahlpflichtige Apps zu bestehenden Printtiteln oder die Vermarktung von erworbenen Portalen wie Chefkoch.de das Geschäft. Nur: Die Erlöse im traditionellen Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt gehen stärker zurück als die neuen Geschäftsfelder wachsen.

Printvertrieb sorgt für Stabilität statt für Wachstum

Der schwache Werbemarkt im vergangenen Jahr hat bereits in der Halbjahresbilanz tiefe Spuren hinterlassen. Bei einem noch stabilen Umsatz von rund 1,1 Milliarden Euro in den ersten sechs Monaten 2012 sackte das operative Ergebnis im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von 124 auf 85 Millionen Euro ab und die Umsatzrendite sank auf 7,7 Prozent. Als geschäftsbelebend erweist sich, dass G+J auch in den vergangenen Jahren neue Titel gegründet („Beef“, „Business Punk“) oder erworben („11 Freunde“) sowie Line-Extensions auf den Markt gebracht hat. Allerdings ist auch der Printvertrieb keine Wachstumshoffnung, sondern im besten Falle ein Stabilisator. In Zahlen: Im ersten Halbjahr 2012 verdiente Gruner + Jahr hier 387 Millionen Euro, ein Jahr zuvor waren es drei Millionen Euro mehr. Und das Auslandsgeschäft, das rund die Hälfte des Umsatzes beisteuert? Wachstum in sich entwickelnden Ländern wie Indien stehen kriselnde Märkte wie Spanien und Frankreich gegenüber.

Verlustbringende „Financial Times Deutschland“ eingestellt

Einen internen Krisenherd hat G+J inzwischen ausgeschaltet: Am 7. Dezember 2012 erschien die „Financial Times Deutschland“ zum letzten Mal. Die Zeitung schrieb nie seit ihrer Gründung im Jahr 2000 schwarze Zahlen, zuletzt summierten sich die jährlichen Verluste auf rund 15 Millionen Euro. Eine solche Zeitung muss man sich leisten wollen und können, sagte „FTD“-Chefredakteur Steffen Klusmann zum Abschied. Mit dem Aus der Tageszeitung ist auch die Schließung der G+J Wirtschaftsmedien verbunden. Lediglich das Monatsmagazin „Capital“ und „Business Punk“ werden von G+J weitergeführt, während „Impulse“ und „Börse online“ zum Verkauf stehen. Unterm Strich spart sich der Verlag wirtschaftliche Verluste in Millionenhöhe, zugleich geht Umsatz verloren: „FTD“ und die Zeitschriften erwirtschafteten einen geschätzten Jahresumsatz zwischen 80 und 100 Millionen Euro, das entspricht etwa acht bis zehn Prozent der G+J-Erlöse in Deutschland. Zudem werden mehr als 300 Arbeitsplätze abgebaut.

Derzeit ist Gruner + Jahr ein schrumpfendes Unternehmen, dem eine digitale Dampflokomotive fehlt – und das mittelfristig wohl nur durch Zukäufe wieder auf Wachstumskurs gelangen wird.

Gruner + Jahr auf einen Blick

Gruner + Jahr erwirtschaftete 2011 einen Umsatz von 2,29 Milliarden Euro und eine Umsatzrendite von 10,2 Prozent. G+J gehört zu 75,1 Prozent dem Bertelsmann-Konzern und ist in drei Unternehmensbereiche gegliedert: G+J Deutschland, G+J International, Corporate Services. In Deutschland gibt der Verlag rund 40 Zeitschriften heraus, unter anderem „Stern“, „Neon“, „Brigitte“, „Eltern“, „Essen & Trinken“, „Geo“, „National Geographic“. Zu G+J Deutschland zählen auch die im Deutschen Pressevertrieb (DPV) zusammengefassten Vertriebseinheiten, der Entertainment Media Verlag und G+J-Mehrheitsbeteiligung Motor Presse Stuttgart. Weltweit gibt Gruner + Jahr mehr als 285 Zeitschriften und Zeitungen in über 20 Ländern heraus.

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