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Franchising in der Identitätskrise

Am Sonntag endete die 13. Internationale Franchise-Messe in Frankfurt. Etwas über 4000 potenzielle Franchise-Partner besuchten die Stände der rund 100 ausstellenden Franchise-Geber.

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Die Zahlen zeigen: Verglichen mit früheren Messen, wo sich weit über 10 000 Besucher bei über 250 Ausstellern informierten, ist die Messe heute keine Muss-Veranstaltung der Branche mehr, die insgesamt über 850 Systeme in ihren Reihen zählt. Genauso wie die Messe steckt auch die Franchise-Branche in einem Dilemma: Wendet sie sich nun an Unternehmer oder an Existenzgründer? Je nach Herkunft der Franchise-System wird das zumindest unterschiedlich gesehen.

Günter Bengsch, Geschäftsführer der TUI Leisure Travel Management GmbH und Mitglied des Vorstandes des Franchise Verbandes betonte gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, er sehe Franchising als ein Vertriebsmodell und nicht als Konzept zur Reduzierung der Arbeitslosigkeit. Dem gegenüber steht der Verbandspräsident Dr. Dieter Fröhlich, Chef der gleichnamigen Musikschule, der per Franchising in den nächsten fünf Jahren 500 000 neue Jobs für möglich hält. Recht haben beide, denn für etablierte Unternehmen stellt Franchising eine Möglichkeit dar den Vertrieb zu intensivieren oder auf eigene Beine zu stellen – und das aber häufig auch mit Existenzgründern.

So eröffnete im Oktober Samsonite nach Antwerpen in Belgien den zweiten Standort im CentrO in Oberhausen. Grund: Samsonite ist im Einzelhandel noch nicht marktabdeckend vertreten. Daher nehmen die Amerikaner das Heft selbst in die Hand. Arne Borrey, Vice-President Marekting & Sales betont:„Wir ergänzen unsere traditionellen Vertriebskanäle über den Einzelhandel und planen die Eröffnung von Outlets nur in Regionen, wo die Marktabdeckung zur Zeit niedrig ist.“ Dabei sind die „Point A“-Geschäfte, wie das Konzept bei Samsonite heißt, nicht die ersten Versuche. Der Kofferhersteller führt in Europa bereits über 27 eigene Geschäfte. Auch andere Hersteller fühlen sich aus verschiedensten Gründen nicht mehr ausreichend über den Handel vertreten und fangen an, über eigene Lösungen nachzudenken.
Bang & Olufsen hat bereits vor einigen Jahren mit dem Franchising begonnen, aber auch Glaskoch (Leonardo) oder Villeroy & Boch versuchen über eigene Standorte mit selbständigen Partnern näher an den Kunden zu kommen.

Auf der anderen Seite wächst in Staat und Gesellschaft die Erkenntnis, dass Eigenverantwortung wieder wachsen muss. Franchising ist ein Modell dafür: Nicht nur, dass so manch arbeitslos gewordener Filialleiter vielleicht als Franchise-Partner sein Come-Back feiert. Auch die unternehmerische Eigenverantwortung wird im Franchising auf den Partner vor Ort verlagert, der im Zweifel seine Kunden besser kennt. Nicht umsonst werden derzeit wieder Konzerne in Kleinsteinheiten zerlegt, weil die Dickschiffe nicht mehr lenkbar sind, ganz abgesehen davon, dass die meisten großen Unternehmen Deutschlands derzeit sowieso nur noch entlassen.

Zahlreiche Franchise-Systeme bieten aber innovative Ideen, die sogar das Potenzial haben, um Arbeitsplätze schaffen zu können. Einer der jüngsten Ideen auf der Franchise-Messe, die gleichzeitig sogar gesellschafts-politsche Ziele verfolgen helfen könnte: Die Kindervilla. Das Franchise-Konzept bietet Ganztags-, Halbtags- und Tagesbetreuung sowie Wochenend- und Nachtbetreuung für Kinder – und das auf vollkommen privatwirtschaftlicher Basis. In Dresden ist die Geschäftsidee bereits gut eingeschlagen und soll daher bis 2008 deutschlandweit insgesamt 26 Mal kopiert werden. Mit jeder Kindertagesstätte entstehen sukzessive zehn Arbeitsplätze. Keine neue Dienstleistung, aber für heutige Anforderungen zeitgemäß umgesetzt, ist das Konzept der Zwo24 AG, bei der Kunden rund um die Uhr Kleidung zum Reinigen bringen oder gereinigte Kleidungsstücke an einem Abholschalter wieder mitnehmen können.
Eine weitere Innovation, die über das Franchising ins traditionelle Backhandwerk hineingetragen wurde, ist „Backwerk“, ein Selbstbedienungskonzept für Bäckereien. Auch diese beiden Konzepte erfreuen sich bei den Kunden wachsender Beleibtheit, weil sie sich Convenience wünschen oder sparen wollen.

Das alles zeigt: Franchising ist sicherlich mehr als ein Vertriebskonzept, da es mit kreativem Potenzial sogar zukünftig weitere Arbeitsplätze schaffen kann. Unternehmen sind daher gut beraten, das eine, nämlich Vertriebskonzept, mit dem anderen, nämlich Arbeitsplätze schaffen, zu verbinden.

Christian Thunig

Weitere Artikel zum Thema Franchising gibt es unter www.absatzwirtschaft.de/marketing-strategie/wissen.

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