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Die Fälschung als Erfolgsmodell?

So sieht es jedenfalls Peter von Matt in seiner „Theorie und Praxis der Hinterlist“: „Die Schöpfung lügt. Wohin man blickt ist Täuschung.“ Und dies schon immer: „Jahrmillionen vor dem ersten Menschen gab es auf dem blauen Planeten schon die praktizierte Falschheit in allen denkbaren Variationen.“ Dabei ist die Täuschung selbst in der unschuldigen Natur nicht nur normal – sie ist der Schlüssel zum Erfolg. Die Evolution belohnt den Simulanten.

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Etwa wenn Blumen Insekten nachahmen: die Fliegenragwurz macht dies so „überzeugend für wirkliche Fliegen, dass sie kopulieren wollen und sich an dem winzigen Phantom abarbeiten. Dabei stoßen sie mit dem Kopf an die Pollenpakete der Blume, Pollen bleiben am Kopf haften, und die erregten Tierchen befruchten damit beim nächsten aussichtlosen Versuch die nächste Ophrys insecitfera.“ Das Nachahmen sichert das Überleben.

Sollte dies im Wirtschaftsleben unserer Tage etwa auch so sein? Experten schätzen, dass gegen zehn Prozent des Welthandels mit Fälschungen abgewickelt werden. Markenpiraten beherrschen zunehmend die Regale. Sie sind dabei nicht nur in China zuhause. Und sie fälschen nicht nur Luxusmarken. Der meistgefälschte Konsumartikel, so nimmt man an, ist die Rasierklinge.

Und die Fälschungen treten nicht nur „weit weg“ auf. Auch der heimische Mann ist hautnah betroffen, wenn längst nicht jede Viagra-Verpackung bei der Apotheke um die Ecke enthält, was sie verspricht. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass sich hinter dem vertrauenserweckenden Logo des eigenen Lieblingsgefährts auch in hiesigen Landen ein minderwertiges Ersatzteil als ein potentielles Sicherheitsrisiko verbirgt. Der eine oder andere Flugzeugabsturz wird von Experten mit Markenfälschungen im Ersatzteilbereich in Verbindung gebracht.

Es geht also nicht um das Ankreiden des Urlaubspasses, den der Erwerb einer asiatischen Rolex für den Preis eines Plastikuhrbandes noch bringen mag. Auch dieser Spass kostet allerdings, wenn man etwas nachdenkt, Arbeitsplätze beim Hersteller des Originals ebenso wie Steuereinnahmen beim entsprechenden Gemeinwesen. Und es geht ja eben viel weiter: Markenfälschungen bergen Sicherheitsrisiken im Ersatzteilwesen, Gesundheitsrisiken im Arzneimittelsektor. Nicht nur Rauchen tötet – dies tun im wahrsten Sinne des Wortes auch gefälschte Arzneimittel. Dass gefälschte Markenartikel die Investitionen zum Aufbau von Marken durch ihre Besitzer ebenso vernichten wie millionenfach das in Marken gesetzte Vertrauen von Konsumenten hintergehen, kann angesichts der zentralen Bedeutung von Marken in unseren Ökonomien und Gesellschaften auch nicht einfach zähneknirschend oder achselzuckend hingenommen werden. Es geht um Wirtschaftskriminalität im Wert von schätzungsweise 350 Mrd. US-Dollar jährlich.

Noch scheint kein Kraut gegen die Markenpiraten gewachsen. Wo immer der Hase (der Echte) auftaucht, ist der Igel (der Fälscher) auch schon da. Mangelnde technische Fälschungssicherheit beschränkt den Erfolg im Kampf gegen die Markenfälscher ebenso wie die mangelnde breite gesellschaftliche Verankerung des Themas. Der Kampf gegen das Falsche muss uns alle (als Hersteller oder als Konsumenten) einschließen. Gemeinsam sollten wir das Original suchen und feiern. Oder ist das Schicksal der „erregten Tierchen“ bei ihren immer wieder „aussichtlosen Versuchen“ auf Dauer etwa nachahmenswert?

Über den Autor: Dr. Jürgen Häusler ist CEO von Interbrand Zintzmeyer & Lux

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