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Der tägliche Informations-Overkill oder warum wir völlig durch den Wind sind

Skandale! Das Salz in der täglichen Informationssuppe. Aufreger werden mittlerweile sogar schon von Amazon via Overnight-Express zugestellt. Kaum hat ein gesellschaftlicher Würdenträger sich an seiner Würde überhoben, wird er im Sekundentakt durch den digitalen Fleischwolf des Internets gedreht. Dort werden manches promovierte Schwesterle und manches notgeile Brüderle mittlerweile von ihrer Vergangenheit nicht mehr nur eingeholt, sondern sogar davon überrollt. Blogosphäre, Facebook Community und Twitter-Universum zerlegen jede Story in Bits und Bytes, bis jeder Witz gemacht und jede Empörung ge-„hashtagged“ wurde.

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Wie plattgefahrene Kleinsttiere bleiben die Zerlegten auf dem Datenhighway zurück, während wir User ohne zu bremsen unter dem Motto „ADS – Alle Daten Sammeln“ weiterrasen. Ein neuer #aufschrei folgt schließlich bestimmt und schon wird die nächste Sau durchs Dorf, oder wie man heute sagen müsste, das nächste Pferd durchs Kühlregal getrieben. Ich gebe es ganz offen zu: Ich bin zunehmend überfordert mit der täglichen Informationsverarbeitung. Kein Wunder – der Mensch ist für den heutigen News-Overkill eigentlich nicht gemacht und geistig im Mittelalter stehengeblieben. In jenen Tagen wurden Nachrichten noch ganz behäbig mit Boten übermittelt, die hin und wieder im Wald von Räubern erschlagen wurden. Damit waren Räuber im Prinzip der Spamfilter des Mittelalters.

Wenn selbst der Stellvertreter Gottes Burnout-Symptome zeigt …

Heute hageln jeden Tag ungefiltert und erbarmungslos Informationsmeteoriten durch unser Hirn und machen uns alle gaga! Kein Wunder, dass selbst der Papst letztlich mit seinem Latein am Ende war und sich nun in die noch Twitter-freie Einsamkeit eines Klosters zurückziehen wird. Mal ehrlich, wenn der Stellvertreter Gottes die Mitra an den Nagel hängt, wenn also selbst der Unfehlbare plötzlich Burnout-Symptome zeigt, wer mag dann noch Talkshow-gestählten Wirtschaftsexperten glauben, die immer noch das Evangelium der Selbstreinigungskräfte der Märkte predigen? Ist doch kein Wunder, dass man bei mancher Deutschen Bank auf die Frage: „Und? Läuft’s gut?“ nur noch mit „Jain!“ antwortet. Wirtschaftliche Entwicklungen sind genauso wie wir Wähler: nervös, fickerig und dadurch absolut unberechenbar. Das merken auch Wahlforscher immer deutlicher, von denen einige nach der letzten Landtagswahl in Niedersachsen das „H“ aus ihrer Berufsbezeichnung streichen und auf dem Expeditionsschiff „Moby Dick“ hätten anheuern sollen.

Es gibt eigentlich nur noch zwei Arten von Menschen: Die einen, die wissen, dass sie keinen Durchblick mehr haben und die anderen, die immer noch denken, sie hätten ihn. Letztere sind dabei die Gefährlichsten, weil sie Bahnhofsprojekte unter die Erde bringen, Flughäfen ohne Flugverkehr planen oder beim Bau von Philharmonien nur Kakophonien komponieren. Warum bekommen nicht mehr durchgeknallte Entscheider eine Eingebung von oben und gehen ins Kloster?

Meine Vision

Im Refektorium eines bayerischen Konvents sitzen die geläuterten Neu-Ordensbrüder Wowereit, Ramsauer und Brüderle in einer von Stefan Raab moderierten Diskussionsrunde und sprechen darüber, ob Oberin Merkel ihr Hirndl (sic!) noch ausfüllt. Als die Diskussion zu eskalieren droht, stürmt Georg Ratzinger aus der Ordensbibliothek herein und ruft laut aus: „Ich weiß, dass ich nichts weiß!“, woraufhin Büß-Mönch zu Guttenberg seine morgendliche Selbst-Flaggelation unterbricht und entrüstet schreit: „Hey, das ist von mir!“ Dann lassen alle ihrer Wut freien Lauf und bewerfen sich mit Tiefkühl-Lasagne. Was die Vision bedeutet? Keine Ahnung, aber sie gibt mir zumindest die Gewissheit, dass ich viel zu viele Medien konsumiere. Und diese glorreiche Erkenntnis muss ich jetzt direkt twittern! #durchdenwind

Über den Autor: Tobias Mann ist Komiker, Satiriker und Musiker. Aktuell ist er mit seinem Bühnenprogramm „Durch den Wind. Und wieder zurück“ deutschlandweit auf Tournee. Tobias Mann ist außerdem Kolumnist der absatzwirtschaft. Tourdaten unter: www.tobiasmann.de

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