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Der Fall Ruzicka: Ein Jahr danach

Vor genau einem Jahr erhielt Aleksander Ruzicka in seinem „repräsentativem Refugium mit mediterranem Flair“, Zitat: Der Spiegel, in Wiesbaden ungebetenen Besuch. Die so genannte „Affäre Ruzicka“ spitzte sich zu. Was mit großem Aufsehen begann, stellt sich ein Jahr später ernüchternd dar.

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Eine Kommentar von Michael Ziesmann

Neben Ruzicka gingen die Geschäftsführer der Firmen Camaco und Watson, Firmenanwalt Cornelius W., Carat-Chef Heinrich Kernebeck, und Aegis Media-Einkaufschef David Linn in Haft. Nach Aegis-Kollegin Claudia Jackson wird bis heute gefahndet. .

Der Hauptbeschuldigte Aleksander Ruzicka hat sich im Interview mit der absatzwirtschaft zu allen Tatvorwürfen ausführlich geäußert. Trotz offenem Verfahren. Trotz Untersuchungshaft. Ohne Zensur. Sehr ungewöhnlich. Er beschrieb eine Art Lobbying, mit der er im Interesse von Aegis und unter Nutzung seiner Nebentätigkeitserlaubnis Informationen beschafft haben will. Damit will er für Aegis und deren Kunden bessere Konditionen bei Medien erreicht, und Aegis Vorteile bei Pitches verschafft haben. Da für keine seiner Firmen Verschleierungsmaßnahmen gesetzt wurden, spricht vieles dafür, dass deren Existenz und Zweck auch Aegis bekannt war.

Mit Freispots zu handeln ist nicht derart einfach, dass die angeblich illegalen Geldflüsse über Firmen wie Emerson FF oder Camaco niemand bemerkt oder gebilligt hätte. Denn Freispots können bei den Sendern nur kundenbezogen und transparent eingesetzt werden. Das Aushorchen von Personen in privatem Rahmen und einem sehr grauen Graubereich ist mindestens ethisch und moralisch zu verurteilen. Ob dies strafbar ist oder Ruzicka dabei widerrechtlich privat kassiert hat, muss ein Gericht entscheiden.

Als Vertreter der „einzig möglichen geschädigten Partei“ (Zitat: Staatsanwaltschaft Wiesbaden) vermochte Aegis Media CEO Andreas Bölte bis heute selbst nicht zu erklären, warum er als Finanzchef von angeblich illegalen Geldströmen jahrelang nichts bemerkt haben will. Andreas Bölte schickte Firmenanwalt Gädertz vor: das Aegis-System sei manipuliert worden. Ruzicka, Jackson und Linn hätten im Mediaeinkaufs-System hinterlegt, dass Rechnungen von Emerson Film Fond und nicht von den TV-Vermarktern kommen würden. Das heißt, dass Gelder jahrelang zu Emerson FF statt zu IP Deutschland oder SevenOne Media geflossen sein sollen. Die Beträge seien dann bei den vermeintlichen Tarnfirmen Camaco und Watson in die Taschen der Angeklagten geflossen. Dieses Geld müsste demnach bei den Vermarktern fehlen. Jedoch: dort fehlt nichts.

Und: wenn diese Schilderung stimmt, würde es Kundengelder betreffen, mit denen zum Beispiel Rechnungen für Werbespots bei ProSieben oder RTL bezahlt werden mussten. Dies wäre keine Untreue gegenüber Aegis, sondern Betrug am Kunden oder den Sendern. Jedoch: dort fehlt nichts. Ganz im Gegenteil. David Linn und Claudia Jackson sollen im Aegis-System manipuliert haben. Warum lässt man sie in Kenntnis der Anschuldigungen zwischen 12.September 2006 und 24.Oktober 2006 an ihrem Arbeitsplatz, mit Zugang zum angeblich manipulierten System? Warum werden drei der Angeschuldigten trotz interner Revision erst nach ihrer Verhaftung suspendiert und gekündigt? Warum soll es überhaupt Rechnungen der Vermarkter für Freispots geben? Freispots kosten nichts. Zudem ist es absurd zu glauben, dass in einem börsennotierten Konzern einzelne Rechnungen unbemerkt umadressiert werden könnten. So kann Aegis also nicht geschädigt worden sein. Nachfragen unerwünscht.

Die Staatsanwaltschaft Wiesbaden findet sich nach ihrer anfangs sehr offensiven Öffentlichkeitsarbeit im Zentrum der medialen Kritik. Zwischen den Hausdurchsuchungen und den Verhaftungen wurde den Beschuldigten kein rechtliches Gehör gewährt. Drei der Angeschuldigten waren in diesen 6 Wochen noch bei Aegis Media angestellt, mit Zugang zu allen Interna, der Möglichkeit Spuren zu verwischen oder Beweise zu vernichten. Alle Angeschuldigten haben die Möglichkeit gehabt, sich dem Verfahren durch Flucht zu entziehen. Dennoch entsteht am 24.Oktober 2006 auf einmal Flucht- und Verdunkelungsgefahr.

Die Behörde hätte das Verfahren zwischen Juli 2005 und September 2006 monatelang verschleppt, titelten beispielsweise ARD und Hessischer Rundfunk. Auch haben Recherchen ergeben, dass die Behörde keineswegs allen belastenden oder entlastenden Indizien nachgegangen ist. Obwohl sie dazu gesetzlich verpflichtet ist. Offenbar hat man sich sehr früh auf eine Richtung festgelegt. Zu früh? Gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung äußerte die Behörde kürzlich: „Wenn er erklären kann, dass es sich bei den Geschäften mit Camaco um eine marktübliche Geschichte gehandelt hat und alles ordnungsgemäß verbucht und versteuert wurde, können wir ihm nichts nachweisen“.

Was für Reinhard Zoffel gilt, gilt auch für Aleksander Ruzicka. Ein Strategiewechsel: inzwischen will der leitende Staatsanwalt Wolf Jördens klären, ob der agenturinterne Handel mit Freispots rechtens ist. Aber auch hier wird er früher oder später feststellen, dass diese Option in Kundenverträgen ausdrücklich festgehalten ist. Offenbar hat man doch noch bemerkt, dass Milliardensummen und Rabatte von 80 Prozent zwar spektakulär klingen, aber in einer Mediaagentur Alltag sind.

Das Landgericht Wiesbaden hat die 167-seitige Anklage mit 87 penibel aufgelisteten Einzelfällen seit Juli vorliegen. Bis heute ist nicht über die Zulassung entschieden. Geschweige denn über die Eröffnung der Hauptverhandlung. Die 6.Strafkammer prüft die Anklage sehr bewusst, und hat eine Entscheidung bis Ende Oktober in Aussicht gestellt. Auch wenn die Anklage zugelassen wird, würde die Hauptverhandlung kaum mehr in diesem Jahr beginnen. Aufgrund der Sachlage sind eine umfangreiche Zeugenliste und ein monatelanges Verfahren bis weit in das Jahr 2008 hinein zu erwarten.

Auch das Oberlandesgericht Frankfurt am Main tut sich schwer. So schwer, dass es im Zuge der neuerlichen Haftprüfung bei Aleksander Ruzicka eine neue Stellungnahme der Staatsanwaltschaft Wiesbaden einholte. Offenbar sind neue Fragen aufgetaucht, die bei der letzten Haftprüfung im Juni noch nicht zu erklären waren. Schon seit Mitte September liegt die Haftprüfung erneut zur Entscheidung vor. Die Haftfortdauer Ruzickas muss entschieden und begründet werden. Heute sitzt Ruzicka ein Jahr in Untersuchungshaft und ist nicht einmal angeklagt. Die Zeit drängt. Auch wenn der nicht vorbestrafte Aleksander Ruzicka zu zwei Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt werden würde, hätte er die davon zwingend in Haft zu verbüßende Zeit bereits abgesessen.

Inzwischen arbeiten hunderte engagierte Mitarbeiter bei Aegis Media. Bedenklich, dass deren erstklassige Arbeit bis heute durch das Fehlverhalten Einzelner in den Hintergrund gedrängt wird. Entweder durch neue „Einzelne“ oder immer noch dieselben. Hinterfragt man die Äußerungen aller Parteien und deren Umgang damit, drängt sich der Verdacht auf, dass hier eigentlich etwas ganz anderes passiert ist und die Hintergründe dessen bis heute nicht öffentlich bekannt sind.

Lesen Sie auch: Aegis wehrt sich gegen Ruzicka

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