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Das Ende der „Annonciersäule“? Wie sich die Litfaßsäule trotz Rückgang in der Zukunft behaupten kann 

Ein Teil des Stadtbildes: die Litfaßsäule © Foto: imago

Von der Mobilmachung bis zur Tabakreklame: Die Litfaßsäule ist das quicklebendige Fossil unter den Werbemedien. Doch immer mehr werden abgebaut. In Berlin könnten nun auf einen Schlag 1000 verschwinden.

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Von Christof Bock, dpa

Buchstäblich fast jedes Kind kennt Deutschlands bekannteste Litfaßsäule. Der Werbeanschlag ziert den Deckel von Erich Kästners Buch „Emil und die Detektive“ von 1929 und hat in 162 Auflagen millionenfach Einzug in Jungen- und Mädchenzimmer gehalten.

Hinter der Säule versteckt sich der kleine Steppke Emil in Berlin, als er einen verdächtigen Mann beschattet. Das Original war 1929 an einer Kreuzung in Berlin-Wilmersdorf aufgestellt. Auch im Jahr 2019 steht genau an dieser Stelle noch eine rund drei Meter hohe Röhre. Doch ist sie einfarbig übertapeziert. Dieser Tage steht in Schreibschrift ein Hilferuf drauf: „Erhaltet diese Säule!“ Bis zu 1000 Litfaßsäulen könnten dieses Jahr allein in der Bundeshauptstadt verschwinden. Auch in anderen Teilen Deutschlands sind sie leise auf dem Rückzug.

Bis zu 1000 Litfaßsäulen könnten in Berlin verschwinden

So schrumpfte die Zahl der für klassische Klebe-Werbung genutzten Säulen in Hamburg seit 2008 von 879 auf 380. Ein Lichtblick: Viele von ihnen sind zum Anschlag für Kulturtermine umgenutzt worden. Deren Zahl stieg damit von 223 auf 520, wie die Sprecherin der Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation, Susanne Meinecke, berichtet. Dennoch: Unter dem Strich sind dort 200 Klebe-Säulen verschwunden.

Auch im sächsischen Görlitz hat zuletzt der Bürgermeister für Stadtentwicklung, Michael Wieler, den Abriss von Litfaßsäulen ins Gespräch gebracht. Deren Unterhalt sei zu teuer, zitierte ihn der Sender Radio Lausitz. Auf Anfrage verweist die Stadt darauf, dass schon fünf der 58 Säulen von Görlitzer Kulturinstitutionen beklebt würden. Einige andere würden zurzeit gar nicht genutzt, diese Säulen können Interessenten für nicht-kommerzielle Zwecke „adoptieren“.

Berlin erlebt in diesen Wochen derweil einen besonderen Umbruch, denn eine Neuordnung des Werbemarkts ist bereits entschieden und in Umsetzung. Was das für die Gesamtzahl der Säulen bedeutet, ist in der Schwebe. Der neue, schwäbische Betreiber Ilg will mindestens 1500 der 2500 Säulen-Standorte weiter betreiben. „Was aber nicht heißen soll, dass wir nicht noch mehr Säulen bauen werden“, erklärt der Leiter der Berliner Niederlassung, Stefan Baumann, der Deutschen Presse-Agentur.

„Säulen stehen schon eine Weile draußen und sind porös“

Neu errichtet werden müssen sie ohnehin. Denn der bisherige Betreiber Wall reißt bis Ende Juni erst einmal alle Berliner Säulen ab, bis auf etwa 50, die als Denkmal erhalten bleiben sollen. „Die Säulen stehen schon eine Weile draußen und sind porös“, so Wall-Sprecher Christian Knappe. „Beton altert halt. Vereinzelt können Eternit-Säulen Asbest enthalten.

Aufgrund der schieren Anzahl der Eternit-Säulen da draußen prüfen wir nicht jede einzeln, sondern haben uns entschlossen, alle gleich zu behandeln und sie der Sonderentsorgung zuzuführen.“ Die meisten der Berliner Säulen stammten aus der frühen Nachkriegszeit, so Knappe. Mehr als die Hälfte von ihnen ist aus Eternit. Der neue Betreiber wird an den weiter unterhaltenen Standorten neu aufstellen.

Berlin hat mit Abstand die meisten Litfaßsäulen in Deutschland, auch an eher ungewöhnlichen Standorten, zum Beispiel auf Schulhöfen. An der Spree ist die Idee zur Werbesäule einst auch entstanden: Drucker Ernst Litfaß (1816-1874) erboste sich derart über den Wildwuchs an Zetteln und Postern in der Hauptstadt, dass er 1855 die erste „Annonciersäule“ aufstellte. „Sämtliche Informationen – nicht nur Kultur und Veranstaltungen, sondern auch politische Informationen, Wahlkampfplakate, amtliche Bekanntmachungen, Steckbriefe – waren auf dieser Litfaßsäule angebracht“, schildert Wall-Sprecher Knappe.

Nicht zuletzt ist die Säule bis heute noch das Medium auch für die kleine Brieftasche. „Das kleinstmögliche Plakat-Format – es fing bei A1 an – kostete 1 Euro pro Tag“, sagt Knappe. „Das war die günstigste Variante, als Werbetreibender auf der Litfaßsäule vertreten zu sein.“

Hohe Politik nutzte diese Werbeform gern

Neben Reklame für Tabak und Waschmittel bildete sich stets auch die hohe Politik in dem Mikrokosmos – Mobilmachungen, Suchmeldungen, Wahlkampf. So zeigt ein altes Schwarz-Weiß-Bild die Anfänge einer optimistischen Imagekampagne, die den CDU-Politiker Norbert Blüm bis heute verfolgt. Der damalige Bundesarbeitsminister steht im Bonn des Jahres 1986 mit Leimpinsel fröhlich auf einer Trittleiter und klebt eigenhändig ein Plakat an: „… denn eins ist sicher: Die Rente“.

Seit Wochen nun sind die Säulen in Berlin bunt einfarbig tapeziert, um den vorläufigen Abriss vorzubereiten. Bei der Senatsverwaltung für Verkehr gehen seither vereinzelt Anfragen besorgter Anwohner ein, wie Sprecher Jan Thomsen berichtet. Aber warum hängen Menschen an diesen Säulen? Zukunftsforscher Tristan Horx erklärt es so: „Wir leben im Zeitalter der Nostalgie, des Retrotopia.

Die Litfaßsäule ist sehr alt und stark assoziiert mit dem Stadtbild. Eine lange Zeit war sie auch eine Möglichkeit des politischen Protests und des Diskurses und Teil des Public Space. Wenn das verschwindet, fragen sich die Leute: „Was geht da eigentlich wirklich verloren? Ist das das Ende vom Stadtbild, wie wir es kennen?“ Man sehnt sich natürlich auch nach dieser Zeit.“

Wie sieht die Zukunft in Konkurrenz zu LED aus?

Doch hat dieses Medium auch Zukunft? Hinterleuchtete Rundsäulen und LED machen ihm Konkurrenz. Horx ist recht optimistisch und schildert, was alles schon in Werbesäulen mit untergebracht war. Früher seien es Telefonkabel und Trafo-Stationen gewesen, heute wie etwa in Nürnberg Toiletten, demnächst vielleicht Stadtgrün. „Es geht natürlich um die Re-Kombination und die Weiterentwicklung davon. Ich würde aber der Werbeindustrie raten, nicht zu unterschätzen, was das Analoge kann.“

Denn der Klassiker habe viel Charme. Horx: „Ein richtiges Retroposter in comicartigem Stil auf einer Litfaßsäule würde viel mehr Eindruck auf mich machen als die nächste computergenerierte Dame, die mich mit ihrem strahlend weißen Lächeln angrinst und sagt, ich solle Burger essen.“

Zurück zu Erich Kästners Säule. Sie soll es weiter geben. „Dieser spezielle Standort wird, sobald die alte Säule entfernt ist, durch eine neue „Berliner Säule“ ersetzt“, beteuert die Firma Ilg.

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