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Danke schön, Schicksal!

Vince Ebert

Die Deutschen gefallen sich gerne mal in der Opferrolle. Dabei geht der Blick für das Gute im Leben verloren. Ein Plädoyer für Dankbarkeit und gegen die ewige Jammerei

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Im Englischen gibt es die schöne Redewendung „Don’t complain, don’t explain“. Nöl nicht rum und erkläre der Welt nicht, warum nicht du, sondern die Flachpfeife vom Büro gegenüber den Abteilungsleiterposten bekommen hat. Und nerve vor allem nicht deine Frau damit, wie du den Laden „so richtig auf Vordermann“ brächtest, wenn man dich nur ließe. Sie kann nichts dafür, dass man dich nicht lässt. Es sei denn, sie ist deine Chefin.

Es ist zwar ein abgedroschenes Klischee, aber wir Deutschen meckern tatsächlich gerne und ausgiebig. Weil wir uns tendenziell ungerecht behandelt fühlen. Vom System generell, von der Politik und überhaupt. Deswegen neigen wir auch dazu, für alles, was uns nicht passt, einen Schuldigen zu finden: Angela Merkel, den Kapitalismus, unseren Chef oder gerne auch Mutti und Vati, die einen nie so richtig gefördert haben. Besonders im politischen Kabarett kriegen wir pointenreich erzählt, wie viele in diesem Land zu kurz kommen (eigentlich alle bis auf Banker, Top-Manager und CDU-Politiker).

Da steht dann ein wütender Mensch auf der Bühne und macht uns zwei Stunden lang klar, dass wir alle der Spielball von „denen da oben“ sind. Mir ist das als Zuschauer jedes Mal ein bisschen peinlich. Ich stelle mir dann immer vor, wie ich einer indischen Turnschuhnäherin erklären müsste, dass wir es hier untragbar finden, ab 63 Jahren noch zu arbeiten. Wie würde wohl eine genitalverstümmelte, voll verschleierte Frau in Ägypten reagieren, wenn sie erführe, dass wir es für diskriminierend halten, wenn die Frauenquote für Dax-Konzerne nicht eingehalten wird?

Zugegebenermaßen hat das Abwälzen von Verantwortung und die Suche nach einem Prügelknaben eine lange Tradition. „Die Ernte ist schlecht, das Wetter ist hundsmiserabel – die Götter müssen uns hassen! Irgendeiner muss doch schuld daran sein. Hey, da kommt Karlheinz. Lasst ihn uns umbringen.“ So lief das schon vor Tausenden von Jahren. Irgendein Wichtigtuer mit Einfluss hat gesagt: „Wenn wir dem Karlheinz mit einem stumpfen Löffel das Herz rausschneiden, geht’s uns allen viel besser.“

Inzwischen geht es uns nicht nur besser, es geht uns gut. Verdammt gut. Wir leben in einem der freiesten Länder dieser Erde und haben eine Armutsquote, um die uns die gesamte Welt beneidet. Aber trotzdem sind so viele von uns der Meinung, das Leben schuldet uns irgendetwas.

Aufgrund eines unglaublich glücklichen Zufalls sind wir genau zu dieser Zeit an genau diesem Ort geboren worden. Ganz ehrlich, es hätte schlimmer kommen können. Deswegen finde ich, ein einfaches „Danke schön, Schicksal!“ wäre an der Stelle angemessen.

Gerade lese ich, dass Deutschland im aktuellen Wirtschaftsranking deutlich zurückfällt. Was bestimmt nicht nur an den zahlreichen politischen Fehlern liegt. Zum Beispiel hat sich in den vergangenen Jahrzehnten der Prozentsatz der Selbstständigen in Deutschland nahezu halbiert. Die Gründe dafür mögen vielfältig sein, aber eine Gesellschaft, in der sich viel zu viele als Opfer begreifen – in einer solchen Atmosphäre grübelt und meckert man allenfalls an seinem Arbeitgeber herum, aber gründet dann doch kein Unternehmen, sondern bleibt lieber Angestellter. Jammern ist einfacher als handeln.

Natürlich sind wir nicht immer unseres Glückes Schmied, aber noch weniger sind wir nur das Opfer der äußeren Umstände. Seien Sie also dankbar und jammern Sie nicht herum. Das Schicksal schuldet Ihnen nämlich rein gar nichts. Höchstens vielleicht mal einen Tritt in den Hintern. Und wenn Ihnen die Nachrichten da draußen partout nicht gefallen, dann gehen Sie raus und machen Sie selbst Schlagzeilen. Manchmal ist es besser, eine Kerze anzuzünden, als das Elektrizitätswerk zu verfluchen. Wenn Sie allerdings nichts ändern wollen, dann ist die Opferrolle nachweislich die beste Strategie.

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