03.02.2012

Internet

Es nervt, wenn Datenschutz zur heiligen Kuh wird

Klare Sache, das Internet braucht verbindliche Regelungen zum Datenschutz, wie sie zurzeit diskutiert werden: Niemand will den Missbrauch personenbezogener Informationen durch Unternehmen oder Institutionen. Es nervt jedoch, wenn Datenschutz zur heiligen Kuh wird – schließlich hat es nach wie vor jeder in der Hand, welche Spuren er im Netz hinterlässt oder ob er dort überhaupt mitmischt. Vier Gründe sprechen dafür, in der Regulierungsdebatte die Kirche im Dorf zu lassen.

Eine Polemik von Klaus Janke

Wenn sich Menschen, die illegal 20 Spielfilme pro Tag herunterladen, für den Datenschutz im Internet stark machen, ist das hundertprozentig verständlich. Denn es gibt Leute, zum Beispiel in Ermittlungsbehörden, die sich sehr konkret für diese Klicks interessieren. Die meisten anderen Surfer sind für die „Datenkraken“ aber nicht als Individuen, sondern lediglich als adressierbare User mit bestimmten Verhaltensmustern relevant. Das Interesse irgendwelcher „Big Brothers“ wird notorisch überschätzt. Gerade in Deutschland herrscht in dieser Beziehung ein gewisser Verfolgungswahn. Und es ernüchtert in der Tat, dass die meisten ach so intimen Daten schlicht und einfach niemanden interessieren. Das ist wie in der Offline-Welt: Die meisten Deutschen könnten am Wohnzimmerfenster strippen – trotzdem holt niemand das Fernglas heraus.

Märkte leben auf Dauer immer von Geben und Nehmen. Es hat sich aber die Vorstellung eingebürgert, dass im Internet alles kostenlos sein muss, auch hochkomplexe interaktive Kommunikationsangebote. Viele Inhalte- und Netzwerkanbieter sind aber noch lange nicht in den schwarzen Zahlen, die Investitionen müssen wieder eingespielt werden. Targeting ist eine Möglichkeit, aus dem Werbemarkt noch mehr Geld herauszuquetschen. Spielen wir doch einfach mit, quasi als Obulus dafür, dass wir uns den ganzen Tag gratis auf Facebook vergnügen dürfen – einfach ein paar Browserverläufe in die Kaffeekasse.

Das Internet ist seit Web 2.0 eine öffentliche Bühne zur Selbstdarstellung und wird auch so genutzt. Auf Facebook wirken alle Nutzer jung, kontaktfreudig, vielseitig interessiert und kreativ – in vielen Fällen ist das extrem geschönt. Es geht also um PR in eigener Sache, die in einem Raum vollzogen wird, der offen zugänglich ist, ja, sein muss, weil das sonst alles nicht funktioniert. Dieser Raum ist nicht mit der Privatwohnung und auch nicht mit dem privaten E-Mail-Postfach zu vergleichen. Alle Äußerungen, die ich also auf Websites mache, sollte ich als öffentliche Äußerungen sehen, die ich meiner PR-Strategie unterordnen muss. Wenn ich dagegen über Geheimnisse reden will, stehen immer noch genug andere Kommunikationskanäle zur Verfügung, das Telefon oder vielleicht sogar der „Face-to-Face“-Kontakt. In vielen Diskussionen entsteht dagegen der Eindruck, man werde zur Kommunikation im Internet gezwungen. Einfach mal beim Freund oder der Freundin vorbeischauen, die beißen nicht.

Übertriebener Datenschutz senkt das Niveau der Netzinhalte. Es hätte nämlich eine völlig enthemmende Wirkung, wenn im Internet an jeder Ecke Kindersicherungen für Äußerungen oder sonstige Veröffentlichungen angebracht wären, etwa in Gestalt einer „Jederzeit-alles-für-immer-löschen“-Funktion. Die Gewissheit aber, dass das Netz nichts vergisst, lässt den einen oder anderen vielleicht doch davor zurückschrecken, ohne Absprache mit dem Abgebildeten Fotos zu posten, unflätige Kommentare abzugeben oder sich gar an Mobbing-Attacken zu beteiligen. Und wenn ich so viel Angst davor habe, dass meine Bewegungen im Netz von irgendeiner dunklen Macht ausgewertet werden, sollte ich – ungeheuerliche Vorstellung, ich weiß – bestimmte Seiten gar nicht erst ansteuern. Die These ist steil, aber das Wortspiel ist es wert: Mit dem Datenschutz steigt auch der Datenschmutz.

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