19.01.2012

Konjunkturprognose

Der deutsche Verbraucher ist ein schizophrenes Wesen

Gestern hat das Bundeswirtschaftsministerium mit seinem Chef Philipp Rösler das Wirtschaftswachstum für 2012 auf 0,7 Prozent korrigiert. Damit hat sich die Prognose deutlich verschlechtert, die im Herbst 2011 von einem Prozent ausging. Dennoch könnte das Jahr für den Binnenmarkt besser laufen als erwartet, denn die Konsumenten schauen positiv auf die nächsten Monate. Gründe gibt es genug: Die Arbeitslosenquote soll in diesem Jahr auf 6,8 Prozent sinken. Das ist der niedrigste Wert seit 20 Jahren. Zudem hat der Einzelhandel im letzten Jahr gute Zahlen vorgelegt, die verfügbaren Einkommen steigen und die Energiepreise scheinen niemanden mehr aus der Fassung zu bringen.

Von Christian Thunig

In den aktuellen Studien und Prognosen der Institute ergibt sich fast durchgängig eine positive Grundstimmung. Allensbach konstatiert, dass 49 Prozent der Bevölkerung dem neuen Jahr mit Hoffnungen entgegenblicken, nur 17 Prozent äußern Befürchtungen und 26 Prozent sind skeptisch. Auch die GfK mit ihrem Konsumklima-Index kommt zu dem Schluss, dass die Deutschen trotz steigender Konjunkturrisiken und der weiteren Verschärfung der Schuldenkrise wieder positiver in die Zukunft blicken. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin rechnet sogar damit, dass der derzeit unterbrochene Investitionsaufschwung mit einer allmählichen Entspannung der europäischen Staatsschuldenkrise etwa zur Jahresmitte wieder Tritt fasst, auch wenn die Konsumausgaben insgesamt den Anstieg der Binnennachfrage stärker treiben.

Interessant ist, was die Marktforscher von Ipsos aktuell herausfanden: So sind 63 Prozent der Befragten der Meinung, dass 2012 für sie selber ein besseres Jahr wird als 2011, aber nur 32 Prozent glauben, dass es für die Wirtschaft besser wird. Erstaunlich ist, dass die Verbraucher also offensichtlich die konjunkturellen Risiken sehen, sie aber dennoch nicht so stark in ihre Bewertung mit einfließen, zumal sie wiederum Teil der Wirtschaft sind. Das kann nur bedeuten: Die persönlichen Rahmendaten der Konsumenten sind gut. Die Arbeitslosenquote von zuletzt 7,1 Prozent (2,7 Millionen) soll sogar auf 6,8 Prozent sinken, auf den seit 20 Jahren niedrigsten Wert. Damals waren solche Zahlen allerdings zunächst eine Katastrophe, aber mit der Deutsch-deutschen Vereinigung gewöhnte sich die Bevölkerung im Laufe der Zeit an Arbeitslosenzahlen um die Vier-Millionen-Grenze und über zwölf Prozent.

Zudem wird damit gerechnet, dass das verfügbare Einkommen der Haushalte 2012 sogar um drei Prozent steigen soll, bei 1,8 Prozent Inflation. Schon im vergangen Jahr hat der Einzelhandel das größte Plus im Umsatz seit 1994 erwirtschaftet. Nach vorläufigen Berechnungen des Statistischen Bundesamts setzte der Einzelhändel 2011 nominal zwischen 2,7 Prozent und 2,9 Prozent mehr um als 2010. Real lag das Wachstum immerhin bei 1,1 Prozent. Und das DIW sieht aufgrund der Einkommensentwicklung Potenzial für eine Steigerung der privaten Konsumausgaben um 0,9 Prozent im laufenden Jahr.

Grundsätzlich werden also die wirtschaftlichen Rahmendaten wahrgenommen, aber sie werden nicht mehr in dem Maße ernst genommen. Die Energiepreise, ein maßgeblicher Treiber der Inflation, erklimmen derweil immer neue Höhen. Ein Heizölpreis jenseits der 90 Cent und Benzinpreise um 1,60 Euro wären früher Gründe für massiven Widerstand aus der Bevölkerung gewesen. Dass die Konsumenten das ertragen, kann nur bedeuten, dass ein Gewöhnungseffekt eingetreten ist, wie auch bei den schlechten Nachrichten überhaupt, und dass die Verbraucher sich das wohl noch leisten können (siehe Prognosen).

So oft wurde er gefordert, in den letzten Jahren hat er sich entwickelt: der Binnenmarkt. Er könnte als Stabilitätsanker fungieren und Deutschland durch die aktuelle Wirtschaftskrise helfen, auch wenn weiterhin viel vom Export abhängt. Fakt ist, dass deutsche Verbraucher Gründe haben, um positiv in die Zukunft zu blicken. Das bedeutet für das Marketing: Deutschland bleibt ein spannendender Absatzmarkt.

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