Absatzwirtschaft Ausgabe Marken vom 10.03.2010 Seite 110
MARKEN-KOMMUNIKATION -> Zeitschriften
Nähe statt Masse
Autor: Roland Karle
Liegt die Zukunft der Zeitschriften in der Nische?
Einige Beispiele und Befunde sprechen dafür.
Einfache Erfolgsrezepte gibt es aber nicht.
Vor etwas mehr als zehn Jahren startete "Brand eins" mitten in die Krise der abgestürzten New Economy.
Der Manager Magazin Verlag, in dem die Zeitschrift als "Econy" entwickelt worden war, zog bereits nach der ersten Ausgabe die Notbremse.
Chefredakteurin Gabriele Fischer glaubte an das Konzept, investierte eigenes Geld und übernahm das Blatt als Verlegerin.
Mit rund 33 000 Exemplaren allein im Einzelverkauf ist "Brand eins" heute bundesweit das stärkste Wirtschaftsmagazin am Kiosk.
Der Landwirtschaftsverlag in Münster, bekannt als Spezialist für Fragen rund um Ackerbau und Viehzucht, hatte mit Hilfe von Markt-Media-Studien erkannt, dass rund eine Million Frauen in ländlichen Gebieten sich für Natur, Gärtnern, Kochen und Backen interessieren.
Vor fünf Jahren erschien dann erstmals "Landlust".
Wann immer es Argumente dafür braucht, dass Printmedien eine Zukunft haben, wird das Zweimonatsmagazin zur Beweisführung auf den Tisch gelegt: Mit zuletzt 648 866 verkauften Heften (IV/2009) ist "Landlust" zu einem spektakulären Erfolg geworden.
Beim Klönen kam den beiden früheren "Max"-Redakteuren Alexander Böker und Oliver Wurm die Idee für ein Städte-Stickeralbum.
Ein paar Monate später war "Hamburg sammelt Hamburg" auf dem Markt: 216 Motive und Prominente der Hansestadt gab es als Sammelbilder zum Einkleben.
Das Album für einen Euro, ein Tütchen mit fünf Stickern für 50 Cent.
Nach drei Wochen waren die gedruckten 50 000 Sammelhefte und mehr als eine halbe Million Sticker verkauft.
Die Idee geht auf Tournee: Im Herbst erscheint eine zweite Hamburg-Ausgabe, zuvor bringen die Gründer von Juststickit "Köln sammelt Köln" in den Handel.
Drei Ideen, drei Erfolgsgeschichten.
Und zugleich Beispiele dafür, dass Printmedien keineswegs dem kollektiven Ableben geweiht sind.
Bei näherem Hinsehen wird ebenso schnell klar: Aus gelungenen Gründungen lässt sich kein allgemein gültiges Rezept ableiten, wie gedruckte Ware im multimedialen Wettbewerb bestehen oder gar glänzen kann.
Jedoch lassen sich Erkenntnisse zu Erfolgsfaktoren verdichten.
Weil die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe Jahr für Jahr um zwei bis drei Prozent schrumpft, beschäftigt sich der Landwirtschaftsverlag schon seit längerem mit dem Gedanken, wie er dennoch künftig wachsen kann.
Die Vermutung, dass es eine ausreichend große Gruppe von Menschen gibt, die sich für "Landlust"-Themen interessieren, hatte sich bislang schon in gut laufenden Sonderheften und Büchern über Garten, Natur, Landleben, Kochen und Backen sowie Dekorieren bestätigt.
Im nächsten Schritt wurde daraus ein eigenständiges Publikumsmagazin entwickelt und zentralen Fragen mit Hilfe der Marktforschung nachgespürt.
So bekamen unterschiedliche Zielgruppen eine Nullnummer zugeschickt, es gab Gruppendiskussionen, telefonische Leserbefragungen und eine qualitative Überprüfung des Konzepts.
Bislang hat der Verlag alles richtig gemacht, wenn man die fortwährenden Auflagensprünge zugrundelegt.
"Mit dem hohen Nutzwert von ,Landlust' und der großen Emotionalität des Heftes scheinen alle Bedürfnisse in der heutigen Zeit bedient zu werden", sagt Hauptgeschäftsführer Karl-Heinz Bonny.
Voll eingeschlagen hat "Hamburg sammelt Hamburg".
Eine Konsequenz für Verleger und Magazinentwickler könnte sein, dass sie öfter gemeinsam Eis essen sollten.
Das Gründerduo Böker/Wurm gebar nämlich bei solch einer Gelegenheit das Stickeralbum für ihre Stadt.
Stickerhefte gibt es schon lange, vor allem zum Thema Fußball.
Panini hat damit viel Geld verdient.
Städtemagazine sind etabliert.
Was lokal passiert, interessiert die Menschen.
Beides zu einer neuen Publikation zu kombinieren, darauf war zuvor niemand gekommen.
Die Macher haben bekannte Muster durchschnitten, ungezwungen Ideen gesponnen, quergedacht.
Ein wichtiger, vielleicht der entscheidende Erfolgsfaktor.
Gregor Stemmle, langjähriger Verlagsmanager bei Axel Springer und der WAZ-Gruppe, ist überzeugt, dass gedruckte Medien vor allem im Special Interest eine große Zukunft haben.
"Sie sind in sich geschlossen, verfügen über eine Dramaturgie und folgen einer klaren Komposition", beschreibt er, was für ihn gute Publikationen ausmachen.
Im Gegensatz zu Online sind Zeitungen und Magazine durch Raum und Zeit beschränkt.
Viele sehen darin einen Nachteil, für Stemmle ergibt sich daraus eine besondere Herausforderung.
"Wer liest, bewegt sich in einem vorgegebenen Rahmen und kann nicht wegsurfen.
Aber das will der Leser auch nicht, wenn der Blattmacher - und auf seine Fähigkeiten kommt es wesentlich an - sein Medium spannend komponiert."
Mit seinem neu gegründeten Verlag Fflink in Hamburg will Stemmle auch digitale und gedruckte Medien vermählen.
"Es gibt viele Online-Inhalte, die auch in Print funktionieren können, wenn sie nur gekonnt umgesetzt werden."
Das erste Verlagsobjekt lernt gerade fliegen: Ab April wird monatlich "Loopin" erscheinen.
Das Heft ist kostenlos, geht aber an eine klar definierte Zielgruppe.
Die verbreitete Auflage von 40 000 Stück erhalten registrierte Piloten, Flugschüler und Flugzeughalter.
Ein Gratisabo setzt also voraus, dass der Bezieher eine bestimmte Qualifikation mitbringt.
Stemmle will durch intelligenten Vertrieb den Wert des Magazins steigern: "Der Streuverlust für Werbekunden liegt dadurch quasi bei Null.
Das entspricht dem Ansatz von Pay-per-click - auf Printmedien übersetzt."
Das Magazin "Geo" hat für junge Leute erst "Geolini" und danach "Geomini" herausgebracht.
"Der Spiegel" hat nun ebenfalls sein Herz für Kinder entdeckt.
"Dein Spiegel" heißt der jüngste Ableger der Medienmarke, die mit "Spiegel Geschichte", "Spiegel Wissen", "Kultur Spiegel" und "Uni Spiegel" bereits ein stattliches Portfolio aufweist.
Die Erstausgabe zur Bundestagswahl im September 2009 wurde 72 000-mal verkauft, und die begleitende Leserbefragung fiel so gut aus, dass der Titel für Neun- bis Zwölfjährige nun monatlich erscheint. 92 Prozent der Eltern geben an, dass sie ein Abo für ihre Kinder "gerne bezahlen" würden.
Der Spiegel Verlag betreibt mit der Neugründung wohlüberlegte Nachwuchsarbeit.
Die Mehrheit der Kinder besucht eine höhere Schule, mehr als 80 Prozent ihrer Eltern haben Abitur gemacht oder studiert.
Dadurch steigt die Chance, dass der "Spiegel" auch in der nächsten Generation in der Familie bleibt.
Unter den Neulingen im Zeitschriftenmarkt befinden sich etliche Abkömmlinge bekannter Titel.
So startete Axel Springer "Hörzu Wissen", Gruner + Jahr "GalaMen"und"Geomini"sowie"Nido" als älteren Bruder von "Neon".
"Wenn redaktionelle Qualität, Thema und Zielgruppe passen und wenn über den Namen einer bekannten Printmarke eine funktionierende Online-Anbindung besteht, können solche Titel durchauserfolgreichwerden",istMediaexperte Jochen Preusche überzeugt.
Gute Erfahrungen mit der Markendiversifikation macht auch IDG Magazine Media in München.
"Wir studieren den Lesermarkt genau, um Nischen, die ein gewisses Potenzial bergen, frühzeitig zu erkennen", sagt Geschäftsleitungsmitglied Canio Martino.
Das wachsende Interesse an der Marke und an Produkten von Apple hat das auf IT und Telekommunikation spezialisierte Medienhaus dazu animiert, bereits vor drei Jahren das Magazin "iPod Welt" herauszubringen, das inzwischen als "iPhone Welt" zweimonatlich erscheint - und die Auflage steigt.
Gerade hat IDG als Ableger der seit 1989 bestehenden "Macwelt" das Einsteiger-Magazin "My Mac" gestartet.
"Mit der ,Macwelt' kann man die Mac-Ein- und Umsteigernichterreichen,dazubraucht es eine Publikation, die den Leser weiter unten abholt", erläutert Martino.
Seine Erkenntnis: "Durch Veränderungen entstehen auch in gesättigten Märkten immer wieder neue Nischen."
Nischen melden sich nicht an, man muss sie entdecken - so wie das Klaus Meitinger und Moritz Eckes getan haben.
Seit Dezember 2004 bringen sie vierteljährlich das von ihnen gegründete Magazin "Private Wealth" heraus.
Besonderes Kennzeichen ist seine Exklusivität.
Es wendet sich an (Familien-)Unternehmer und wohlhabende Privatpersonen mit einem frei verfügbaren Vermögen von mehr als einer Million Euro.
Für Premiummarken ein ideales Publikum, allerdings kann sich "Private Wealth" sogar den Luxus erlauben, notfalls ganz ohne Werbung zu erscheinen.
Zwei Drittel der 20 000 Exemplare werden über ausgewählte Partnerschaften mit Banken, Kanzleien und Vermögensverwaltern vertrieben - und bezahlt.
Sie geben das Magazin an ausgewählte Kunden weiter; außerdem gibt es Kooperationen mit Clubs und Verbänden, rund ein Viertel der Auflage geht direkt an Abonnenten.
Die müssen allerdings von treuen Lesern empfohlen worden sein.
Herausgeber Moritz Eckes, Spross der gleichnamigen Spirituosen-Dynastie, sah sich durch sein Netzwerk, sprich Unternehmer und vermögende Privatpersonen, angeregt, für sie ein publizistisches Forum zu schaffen.
Modestrecken sucht man folgerichtig im Heft vergebens, sie würden die Klientel eher verschrecken.
Eine Zeitschrift aus der Zielgruppe für die Zielgruppe machen - so lautet der Ansatz.
Bewusst erscheint das Magazin nur viermal im Jahr.
"Das entspricht dem Wunsch unserer Leser", sagt Chefredakteur Meitinger.
Die Leser erwarten keine flüchtigen Nachrichten wie den heißesten Anlagetipp.
"Im Heft dominieren große Geschichten, die anspruchsvoll geschrieben sind.
Wir bieten ganz bewusst 'Slow Food'", unterstreicht Meitinger.
Unterschreiben würde den Satz auch Thomas Friemel.
Er ist Chefredakteur und Entwickler von "Enorm", das im Untertitel "Wirtschaft für den Menschen" verspricht.
Am 18.
März ist Premiere.
Ab dann muss sich zeigen, ob die Debatte um eine moderne, sozial und ökologisch nachhaltige Ökonomie eine Zeitschrift (Druckauflage: 80 000 Exemplare) trägt.
Im Blickpunkt stehen laut dem neu gegründeten Hamburger Social Publish Verlag Macher, Projekte und Unternehmen, die sich Social-Business-Modellen, ethischem Wirtschaften und Corporate Social Responsibility verpflichtet fühlen.
Geldgeber von "Enorm" ist David Diallo, Gründer des inzwischen an Holtzbrinck verkauften Webportals Myphotobook. com.
Ohne erhobenen Zeigefinger will "Enorm" berichten, aber den Gedanken des Social Business publizistisch verbreiten.
Friemel: "Es ist an der Zeit für neue Ideen, Zeit für eine kleine Revolution."
Klingt nach Aufbruch.
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| Descriptoren: | Zeitschriftenwerbung Printwerbung Werbung Werbung und Marketing Pressetitel Zeitschriften & Magazine Presse Medien
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| Land: | Bundesrepublik Deutschland C4EUGE
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| Länderfacette: | Werbung und Marketing Medien
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| Datum: | 10.03.2010 00:00:00 |
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