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CES 2018: The show MUST go on – doch der Überraschungseffekt fehlt

Jahrelang war die CES das Dorado für Gadget-Enthusiasten, Technik-Nerds und Software-Tüftler. Seit zwei Jahren mischt auch die Autobranche kräftig mit, allerdings mit wenigen Innovationen. Natürlich gibt es auch dieses Jahr wieder modernste Ingenieurskunst in Hard- und Software zu begutachten. Nur Euphorie mag sich nicht mehr so recht einstellen.

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Das macht doch keinen Spaß. Da stellt sich der Chef des zweitgrößten Automobilherstellers der Welt auf die Bühne eine der wichtigsten Innovationsveranstaltung in Sachen Technologie, präsentiert ein neues Konzept fürs Autonome Fahren und was macht das undankbare Publikum? Es quält sich zu einem Rinnsal-dünnen Höflichkeitsapplaus.

Das macht doch einfach keinen Spaß. Da geht der Chef des weltgrößten Chip-Herstellers auf die Bühne, bedankt sich artig bei der weltweiten Sicherheitsgemeinde dafür, dass eine von den Medien maßlos überdramatisierte Sicherheitslücke so schnell fast geschlossen werden konnte und was macht die aufmüpfige Fachpresse? Sie titelt am nächsten Morgen mit „CEO verspricht schnelle Lösung – aber nicht für alle“.

Das macht doch wirklich überhaupt keinen Spaß. Da feiert der zweitgrößte Hersteller von TV-Endgeräten vorgestern die Rückkehr in die Gewinnzone und dann stellt sich der Marketing-Chef für Haushaltsgeräte auf die Bühne, will den neuen Haushaltsroboter ins rechte Licht der Öffentlichkeit rücken. Und was macht die zickige Blechkiste? Sie hört einfach nicht zu.

David VanderWaal, Vice President Marketing für Haushaltsgeräte bei LG im Clinch mit seinem neuen Haushaltsroboter Cloi

Alexa wärmt vor

Natürlich macht sie Spaß, die CES in Las Vegas. Und zwar jedes Jahr aufs Neue. Genau zwanzig Jahre ist es her, da präsentierte der KI-Vordenker Ray Kurzweil gemeinsam mit einem Unternehmen namens Dragon Systems eine Erkennung für natürliche Sprache, die erstmals mit der Rechenleistung eines normalen PCs auskam. Zwar mit begrenzten Wortschätzen für Anwälte und Ärzte, aber immerhin lernfähig. Zwanzig Jahre später hat Natural Language Processing via Alexa, Google Assistant, Siri, Cortana und Co. Eingang in praktisch jedes Produkt gefunden. Und das zieht: 180 000 glückliche Besucher vermeldete die Messeleitung für letztes Jahr. 4000 Aussteller heischten um Aufmerksamkeit. Ein Drittel davon kam nicht aus den USA.

Das mit dem Euphoriemangel in diesem Jahr mag aber auch damit zu tun haben, dass sich die Wahrnehmung der Digitalisierung verändert hat. Das Meiste hat man irgendwie schon gesehen oder man erwartet einfach, dass es kommt. Es fehlt der Überraschungseffekt. Und gleichzeitig scheint die amerikanische Öffentlichkeit allmählich kritischer mit der ganzen Gadgeterie umzugehen. Bei CNN warnen die Reporter schon mal vor den Sicherheitslücken in der Cloud. Die Moderatorin von Engadget erkennt Energiesparen als Kerndisziplin von Künstlicher Intelligenz, nämlich dann, wenn die Dusche nicht unnötig vor sich hin prasselt, während der Warmduscher noch die passende Stellung des Drehreglers sucht. Der Chefredakteur von Wired wird gefragt, welchen Sinn Augmented Reality wirklich hat und er zuckt bedeutungsvoll mit den Achseln. Und das Highlight des neuen Echo Show Klon von Lenovo ist ein kleiner mechanischer Schalter, mit dem sich die Kamera verdecken lässt. Die Journalistin von CBS: „Diese ganzen Kameras im Haus, das ist doch irgendwie unangenehm“. Ach!

Auch ein Toilettensitz hört inzwischen auf das von Alexa übersetzte Wort. Ein CBS-Kommentator ätzt: „Es ist doch gar nicht so schwer, die Spülung per Hand zu bedienen“. Sein Kollege antwortet: „Doch, wenn Du mit beiden Händen Dein Smartphone festhältst, um die App zu bedienen“. Und dann meldet sich die Dame in der Runde: „Alexa kann aber den Toilettensitz auf Wunschtemperatur vorheizen“.

Die Integration von KI und Sprachsteuerung treibt seltsame Blüten und führt einmal mehr vor, wie Hypecycle funktionieren. Bei LG ist man tatsächlich der Meinung, dass der Fernseher dafür zuständig ist, den Luftreiniger einzuschalten. Man schaltet also zunächst den Fernseher ein, befiehlt diesem dann (verbal!), den Luftreiniger zu starten. Letzterer braucht zwanzig Sekunden bis er verstanden hat und rennt dann wirklich los. Wow. Wohlgemerkt: Der Luftreiniger steht neben dem Fernseher und hat einen eigenen Anschalter. Merke: Was in Lagerhallen mit 100 Luftreinigern echt effizient funktionierten kann, macht im Haushalt längst nicht immer Sinn.

Aber man muss so denken bei LG. Und bei Samsung oder bei Sony. Es geht ja nicht mehr um das Produkt sondern die Plattform. Und ohne Vernetzung keine Plattform. Und ohne Plattform keine zentrale Künstliche Intelligenz. Und natürlich keine Kundenbindung. Dieses Prinzip denken alle gleich, egal ob Technikkonzern oder Automobilhersteller. Der digitale Ehering zwischen Kunde und Firma heißt Hub und der lässt sich gar nicht so einfach Abstreifen.

Wäre Zurückhaltung eine Tugend der CES, dann könnten sich die Anbieter den wirklich spannenden Innovationen widmen.

  • Samsung präsentiert ein modulares Display-Konzept mit dem sich jedes beliebige Fernseherdesign selbst entwerfen und verändern lässt.

Mit MicroLEDs erlaubt Samsung jedes beliebige Fernseherdesign, dass sich zum Beispiel an eine Wohnzimmergestaltung anpasst

  • Toyota zeigt eine universelle autonome Mobilitätsplattform, die möglicherweise im B2B- und Vermietgeschäft spannend sein kann, weil sie (laut Konzept) einfach zu konfigurieren und zu branden ist.

Elektronische Palette heißt das modulare Konzept für das Autonome Universalfahrzeug von Toyota

  • Honda kontert mit seiner Serie von Assistenzrobotern für unterschiedliche Einsatzbereiche, unter anderem als Rollstuhl.
  • Sony zeigt den neuen Aibo, den schnuckeligen und inzwischen 19 Jahre alten Roboterhund, der im Gegensatz zu allen anderen Haushaltsrobotern (jeder hat einen im Programm) wenigstens niedlich ist.
  • LG präsentiert einen Roboter-Einkaufswagen mit integrierter Kasse.
  • Travelmate Robotics zeigt den Koffer, der seinem Besitzer auf dem Fuß folgt
  • Mercedes präsentiert ein komplett konfigurierbares Cockpit für die nächste A-Klasse.

Die meist gefeierte Innovation angesichts der einschlägigen Medienberichte kommt übrigens auch aus Deutschland. Bosch hat mit Air Haptic ein System vorgestellt, bei dem taktiles Feedback per Ultraschall an die Hände gegeben wird, ohne dass diese irgendwas berühren. Den Konzeptansatz zeigte Bosch zwar schon letztes Jahr, aber wer will da kleinlich sein.

Marketing first, products second

Wäre Zurückhaltung die Kerndisziplin der CES, dann könnte man es sich leisten, die amerikanischen Marketing- oder Sales-Kollegen zur Präsentation auf die Bühne zu schicken und nicht den radebrechenden CEO oder President aus dem Konzernheimatland. Zumindest in dieser Disziplin war Mercedes ganz vorne: Im Vortrag von Chefentwickler Ola Källenius war keinerlei schwäbischer Zungenschlag durchzuhören. Gut: Er ist ja auch Schwede, arbeitet aber schon ein Vierteljahrhundert unter dem Stern.

Ausgerechnet sein Chef-Designer Gorden Wagener lieferte dann auch reichlich Anlaß zum Schmunzeln, als er über das neue Cockpit sagte: „It´s the first truely designed user experience“. Oha. Da fragt man sich, was die Designer die letzten 100 Jahre gemacht haben.

Da ist man bei Toyota schon viel weiter. Im Promotion-Video zur neuen Autonom-Plattform heisst es: The future of travelling is no longer driving but increased efficiency“. Nicht jeder Marketingleiter eines Automobilherstellers hätte diesen Claim freigegeben.

Aber das letzte Wort hat dann doch LG Vice-President Vanderwaal. Als er sich beleidigt vom stummen Cloi abwandte, nuschelte er in sein Mikrofon: „Sie mag mich offensichtlich nicht“.

P.S. Wenig später pries Vanderwaal die Vorzüge der Predective Maintenance an, die schon die Lösung weiß, bevor das Problem überhaupt auftaucht. Funktioniert aber erst ab Frühjahr 2018 und nicht für Roboter.

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