An Amazon zeigt sich die Rückständigkeit Deutschlands als Netzwerk-Ökonomie

News Amazon hat erstmals seit langem Deutschland-Umsätze vorgelegt und mit umgerechneten 6,4 bis 6,7 Milliarden Euro die Schätzungen sämtlicher Branchen-Experten bei weitem übertroffen. Das berichtet Exciting Commerce. Sehr schön könne man jetzt auch nachprüfen, wie seriös denn die Umsatzschätzungen der einzelnen Fachmedien und der einschlägigen Institute waren. Mit 40 bis 65 Prozent lagen die Prognosen unter dem Ergebnis von Amazon.

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Von Gunnar Sohn

„Niemand wird gezwungen, derlei Umsatzschätzungen abzugeben. Doch ist es gängige Praxis, dass speziell Online-Player wie Amazon oder Zalando von den Dienern des alten Handels im Zweifel bewusst klein gerechnet werden, um die eigene Stammklientel nicht zu verschrecken und sich den eigenen Markt nicht zu versauen“, kommentiert Exciting Commerce.

Deutsche Branchenstatistiken ohne Amazon-Zahlen

Interessant an der Dominanz von Amazon sei die Tatsache, dass der amerikanische Internet-Gigant in den deutschen Handelsstatistiken gar nicht auftaucht, die nach Branchen segmentiert sind – also Bücher, Schuhe oder Waschmaschinen, sagt Professor Peter Wippermann vom Hamburger Trendbüro im Interview. „Das hängt damit zusammen, dass es eben ein ganz anderes System ist. Amazon geht nicht über Branchen, sondern es geht über die individuell massenhafte Beziehung zu Kunden.”

In Deutschland könne man die Rückständigkeit als vernetzte Ökonomie relativ simpel überprüfen. „Man muss sich nur das Personalmanagement anschauen. Alle großen Unternehmen sind in irgendeiner Weise im Web 2.0 aktiv. Entweder in den branchenspezifischen Angeboten wie Xing oder Linkedin oder auf Portalen wie Facebook. Aber 64 Prozent der deutschen Mitarbeiter in Personalabteilungen schauen nicht ins Internet. Die Betreuung der Web-Angebote läuft nicht über die Personalabteilung, sondern über PR, Marketing oder IT. Das macht deutlich, dass wir ganz am Anfang stehen“, erläutert Wippermann.

Lippenbekenntnissen müssten Taten folgen

Wobei natürlich Personalmanager auch ins Internet schauen. Es wird aber nicht aktiv als tägliches Werkzeug für die Arbeitsorganisation eingesetzt. Den Lippenbekenntnissen nach außen folgen keine Taten nach innen. Technisch sei die Reise relativ klar vorgezeichnet, erläutert Wippermann. Es gebe in den Organisationen große Widerstände, die allerdings öffentlich nicht zugegeben werden. „Man verteidigt ein System der arbeitsteiligen Industriekultur mit einer Kommunikation, die Top-Down verteilt wird und nicht interaktiv ist. So lange wir noch von Neuen Medien und den Herausforderungen des Internets sprechen, wird es noch weitere 20 Jahre dauern, bis sich unsere Kultur umgestellt hat.“

Die Kipp-Geschwindigkeit habe allerdings zugenommen. „Aber immer noch sitzen beispielsweise die Verlage auf dem hohen Ross und lamentieren darüber, ob es gerecht sei, dass Amazon E-Books einführt“, kritisiert Wippermann. „Gleichzeitig brechen die Großflächen-Kaufhäuser für Bücher zusammen, weil es sich wirtschaftlich einfach nicht mehr lohnt. Redaktionen werden abgebaut, weil das Vertriebssystem Papier nicht funktioniert. Hier gerät die analoge Industriewelt in den nächsten zehn bis 20 Jahren stärker unter Druck als es in den vergangenen 20 Jahren der Fall war.“

Vernetzte Ökonomie verunsichert das Management

Auf die Frage, warum diese Wendemarken in der deutschen Wirtschaft nicht erkannt oder in Abrede gestellt werden, antwortet Wippermann: „Diejenigen, die jetzt Mitte 40 sind, haben eine lange Zeit gebraucht, um in Entscheidungspositionen zu kommen. Diese Führungskräfte sind in einer Welt aufgewachsen, die sich von der Welt der Jüngeren deutlich unterscheidet. Sie verteidigen ihre Positionen.“ Die Robotik habe zu einem Wegfall von Arbeitsplätzen in der Produktion geführt. Die vernetzte Ökonomie geht jetzt auch dem Management ans Leder. Und das ruft Widerspruch und Widerstand hervor.

„Auch wenn Deutschland häufig als Technologie-Vorreiter gilt, muss es im internationalen Wettbewerb aufpassen, dass es nicht zum Entwicklungsland mutiert“, warnt Udo Nadolski vom IT-Beratungshaus Harvey Nash in Düsseldorf. Besonders IT-Führungskräfte sollten sich deshalb als Möglichmacher des digitalen Wandels in ihren Unternehmen positionieren und sich nicht damit zufrieden geben, ihre Organisationen auf Kosteneffizienz zu trimmen.

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