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Alles geht, wir müssen es nur wollen? Über den Kampf mit uns selbst und wie wir uns doch überlisten

Kapitulieren oder doch durchsetzen und kämpfen? Was wollen wir eigentlich? © Photo by Timothy Eberly on Unsplash

Erlauben Sie mir zwei Fragen: Wie viele Vorsätze hatten Sie für dieses Jahr? Und wie viele davon haben Sie bereits gebrochen? Vielleicht alle, es ist schließlich schon März. Vielleicht hatten sie aber auch gar keine, weil sie wissen, dass Sie sowieso nicht durchhalten. Der Trend geht zur vorbeugenden Kapitulation: Wer nichts will, kann auch nicht scheitern. Wir alle lassen uns allzu leicht und gern ablenken. Lässt sich das ändern?

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Richtig wunschlos sind wir ja nie. Irgendwas treibt uns an. Vielleicht lesen Sie deswegen jetzt diesen Text. Weil sie glauben, Sie könnten daraus neue Impulse ziehen, wie Sie sich doch noch überlisten. Und vielleicht, wer würde es Ihnen verübeln, würden Sie schon jetzt am liebsten wieder hinschmeißen. Führt ja zu nichts, die Waschmaschine ist fertig, das Kind zieht schon wieder die Schubladen aus der Kommode und, oh, jemand hat meinen Post auf Facebook geteilt. Ich kann Sie beruhigen: Alles ganz normal.

Wir alle lassen uns allzu leicht und gern ablenken. Der Begriff unserer Zeit heißt Prokrastination. Sie ist wie lästige Verwandtschaft: Jeder leidet ein bisschen darunter, manche mehr, manche weniger. „Unsere größte Schwäche“, schrieb der Erfinder Thomas Edison, „liegt im Aufgeben.“

Äußere Reize, Erwartungen und unsere eigenen Bedürfnisse zerren an uns. Was folgt, ist ein immerwährender, innerer Kampf. Aussichtslos und anstrengend? Mitnichten! Wir müssen nur wissen, auf welcher Seite wir stehen – und wie wir dem richtigen Kämpfer den besseren Haken beibringen.

Ich weiß, wovon ich schreibe. Allein bis zu diesem Absatz habe ich die Spülmaschine ausgeräumt, mehrere Whats-App-Nachrichten geschrieben, mit Kollegen gechattet und per Online-Banking Rechnungen bezahlt. Mittlerweile sind sogar Tage ins Land gezogen, ich bin immer noch nicht fertig. Mein Geist ist wie ein verirrtes Kind auf einem Spielplatz, wie ein Jäger auf der Suche … ja, nach was eigentlich?

Das Phänomen des Mind-Wandering

Mit aller Wahrscheinlichkeit: Glück. Und Schuld daran ist die Natur, wie der Neurowissenschaftler Daniel Levitin im „Spiegel“ erklärte. Wer sich ablenken lässt, wird von ihr dafür belohnt. Äußere Stimuli sorgen für den Ausstoß des Botenstoffs Dopamin, auch Glückshormon genannt. Deswegen blicken wir immer wieder verstohlen auf unsere Smartphone-Displays, deswegen suchen wir ständig nach neuen Reizen von außen. Im Grunde müssten also die besten Prokrastinierer die glücklichsten Menschen sein. Aber heute ist ja auch vollkommen klar: Was schnelles Glück verspricht, bedeutet langes Leid. Drogen, Alkohol, Fast Food, Fast Fashion, alles Quellen der Qual. Auch die kurzen Intermezzi, die wir unseren Zielen in den Weg werfen. Irgendwann holen sie uns ein und hämmern gegen das Gewissen: Du hast es schon wieder nicht fertiggebracht.

Deswegen lassen sich manche sogar behandeln. Krankhafte Unkonzentriertheit lautet die Diagnose bei jenen, die es nicht schaffen, irgendein Vorhaben zu Ende zu bringen. Manche riskieren damit ihre gesamte berufliche Existenz. Sie können nicht schlafen, werden depressiv und ängstlich. Es ist wie zu viel Kaffee trinken, wie bei Drogen: Nach dem Hoch stürzen wir ab. Es ist das Gefühl, keine Kontrolle mehr zu haben – über unser Handeln, unseren Willen. Philosophen nennen das Phänomen auch „Mind-Wandering“, der wandernde Geist: Wenn ein Mensch gedanklich nicht bei dem ist, was er gerade macht oder machen wollte.  Thomas Metzinger, Professor für Theoretische Philosophie an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, befasst sich intensiv damit. Er sagt: „Mind-Wandering ist oft eine Flucht. Nur wer die Realität erkennt, wie sie ist, kann sie verändern.“ Wir müssen uns also trauen, hinzuschauen, die Wirklichkeit anzunehmen, mit all unseren Schwächen.

Sind die besten Prokrastinierer die glücklichsten Menschen?

Meine Wirklichkeit gerade ist Hunger. Ich könnte sie verändern und etwas essen. Eigentlich will ich aber diesen Text fertig schreiben. In meinem Kopf und Körper ringen kontinuierlich (mindestens) zwei Willen miteinander. Sie sind wie Geschwister: Der eine hedonistisch und störrisch, er lebt für den Moment und häufig für die Bedürfnisse meines Körpers. Der andere ist verantwortungsbewusst und diszipliniert, er träumt von einer entfernten Zukunft. Ich nenne sie Horst und Harry.

Aber wie vorbestimmt ist ihre Kraftverteilung? Ist sie uns einverleibt, unbeweglich in uns festgeschraubt? Die einen wollen eben mehr als die anderen, sind eher die Harry-Typen, tapfer, geduldig und vorausschauend? Die anderen verbringen ihr Leben damit, der kurzen Lust zu frönen, Horst-Menschen, ohne Blick über den Moment hinaus? Auch gut, aber Harry ist dann immer unzufrieden? Die gute Nachricht ist: Wir können das alles beeinflussen. Die Willenskraft ist verortbar, sie liegt im präfrontalen Cortex, im linken Stirnbereich. Man kann ihn wie viele Teile des Gehirns trainieren. Die schlechte(re) Nachricht: Auch das müssen wir wollen. Die Werkzeuge dafür bekommen wir schon als Kinder beigebracht. Carol Dweck, Psychologin an der Stanford University, beobachtete über zehn Jahre hinweg Schüler in der fünften Klasse. Dabei fand sie heraus: Menschen, die schon früh pauschal als intelligent oder klug gelobt werden, scheitertern häufiger und schneller an schwierigen Aufgaben. Jene aber, die gelernt haben, dass sie sich durch Anstrengung verbessern können, sind widerstandsfähiger, stehen auch bei Rückschlägen eher wieder auf. Sie haben mehr Kontrolle über ihr eigenes Handeln, während den anderen die Kontrolle genommen wurde. Dweck nennt das auch den Effort Effect.

Im entscheidenden Moment sind wir mit uns allein

Natürlich wird unser Verhalten auch durch andere Faktoren bestimmt. Es gibt äußere Motivation und innere. Deswegen verbünden wir uns mit anderen, treffen feste Verabredungen zum Sport. Wenn es der eigene Harry allein nicht schafft, dann vielleicht gemeinsam mit einem anderen. Lob und Anerkennung wirken ähnlich. Aber die Wahrheit ist: Auch jede extrinsische Motivation lässt sich durch Faulheit vereiteln. Im entscheidenden Moment sind wir mit uns allein. Die effektivste Variante, trotzdem durchzuhalten, ist, gar nicht so viel darüber nachzudenken. Im Alltag machen wir aus Gewohnheit vieles gut: Zähne putzen beispielsweise. Wer es schafft, eine Aktion zur Routine werden zu lassen, muss sich nicht jedes Mal neu überwinden.

Dabei hilft es, konkrete Ziele zu setzen – und zwar realistisch. „Heute esse ich keinen Nachtisch“ hilft besser als „In Zukunft esse ich weniger Süßes“, „Heute benutze ich keinen Fahrstuhl und laufe nur Treppen“ funktioniert eher als „Ab jetzt bewege ich mich mehr“. In kleinen Etappen werden aus der entfernten Zukunft kurzfristige Ziele – und damit winkt eine schnellere Belohnung. Harry bekämpft Horst mit seinen eigenen Waffen. Nützlich sind auch Wenn-dann-Pläne: Wenn ich mit der Arbeit fertig bin, gehe ich ins Fitnessstudio. Wenn ich Schokolade essen will, greife ich zum Apfel. Bevor Horst jammern kann, muss Harry schon gehandelt haben.

Aber auch für Routinen und Pläne brauchen wir zuerst einen starken Willen, der uns antreibt, sie überhaupt umzusetzen. Wie Muskeln und Ausdauer muss er trainiert werden. Dafür lohnt ein Blick zu jener Praxis, die Körper und Geist zusammenführen – man könnte auch sagen: Horst und Harry vereinen – will: Yoga.

Yoga soll helfen

Wer sich zum Yogalehrer ausbilden lässt, kommt an Tapas nicht vorbei. Das Wort kommt aus dem Sanskrit und steht unter anderem für Wärme, Schmerz oder Askese. In der Strömung des Hatha Yoga bedeutet es so was wie spirituelle Disziplin. Tapas soll ein inneres Feuer entfachen, das Gewohnheiten verbrennt. Um dorthin zu gelangen, sollen angehende Yogis ihre liebsten Gewohnheiten identifizieren: die Schokolade nach dem Mittagessen, die halbe Stunde snoozen am Morgen oder das Fernsehgucken nach Feierabend. Der erste Schritt zu Tapas ist, die liebste aller Gewohnheiten für mehrere Wochen auszusetzen. Das mag banal klingen, ist aber die härteste aller Übungen.

Nicht dass Gewohnheiten per se schlecht sind. Aber darum geht es auch nicht. Es geht darum, jenen Willen zu trainieren, der gegen gelerntes Verhalten oder die einfache Belohnung arbeitet. Durch das wiederholte Ausüben von kleinen, unangenehmen Tätigkeiten soll er über sich, soll Harry über Horst, hinauswachsen. Anders ausgedrückt: Wer einen starken Willen möchte, muss leidensfähiger werden. Die Schwelle, an der wir uns selbst überwinden, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Die einen müssen nur ihre Laufschuhe anziehen und haben Horst schon niedergestreckt. Die anderen kämpfen noch mit sich, während sie längst schwitzen.

Am Ende müssen wir uns selbst gut kennen. Es heißt nicht ohne Grund: „Halte deine Freunde nah, aber deine Feinde näher.“ Nur wer seine Schwächen anerkennt, kann sie auch austricksen. Aber selbst der Wille zur Willenskraft muss ja irgendwo herkommen. Wenn es trotz allem nicht geht, na ja, vielleicht … will man es dann auch eigentlich gar nicht.

Viel mehr zum Thema finden Sie in unserer aktuellen Titelgeschichte 03/2018 „Durchhalten“. Diese Ausgabe ist gleichzeitig unsere Jubiläumsausgabe zum 60. Geburtstag der absatzwirtschaft.

 

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