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Bester Markenrelaunch
18.03.2003.
Erfolgsgeschichten sind selten geworden. BMW hat mit dem kleinen Mini eine ganz große geschrieben, denn der kleine Flitzer ist schon über 144 000-mal bei über 1 330 Mini-Händlern weltweit vom Hof gerollt. Der Mini ist aber nicht nur kommunikativ geschickt platziert, auch das Produkt stimmt. Darauf legt Torsten Müller-Ötvös, Marketing-Chef von Mini, auch Wert: „Das ist nicht nur Retrofake, sondern ein völlig neues Auto.“ Das ist der springende Punkt. Der neue Mini hat nichts mehr mit seinem 40 Jahre alten Vorgänger zu tun, mit einer Ausnahme: Beide besitzen überaus hohe Sympathiewerte.
Ansonsten kann der alte Mini nur mit schlechter Verarbeitung und für die heutige Zeit katastrophalem Sicherheitskonzept aufwarten. Kurz vor dem Produktionsende im Jahre 1999 wurden nur noch 12 000 Stück gekauft, in Amerika gar wurde seit 1967 gar kein Exemplar mehr angeboten. Die Herausforderung konnte größer kaum sein. Aber die Münchener hatten, wie bei erfolgreichen Marken oft zu beobachten, eine klare Strategie entwickelt: Schaffung eines bisher nicht vorhandenen Segmentes, die Differenzierung über das Produkt und die konsequente Ausrichtung auf eine klar definierte Zielgruppe.
Bisher gab es noch kein Premiumsegment in der Kleinwagenklasse. Mini schuf sie. Allein in das Werk in Oxford investierte BMW 230 Mio. Pfund Sterling – in die Produktentwicklung flossen insgesamt Milliarden. Ergebnis: Der Mini ist ein völlig neues Auto. Insbesondere Premium-Qualität in Verarbeitung und Ausstattung stand an erster Stelle, um der BMW-Gesamtstrategie, nämlich die Ausrichtung auf das Premiumsegment – im laufenden Jahr ist noch die Marke Rolls-Royce hinzu gekommen - in allen Klassen, gerecht zu werden. Müller-Ötvös blickt zurück: „Wir hatten einen Schuss frei und der musste sitzen.“ Bei allen Bedürfnissen der Konsumenten nach Qualität und Sicherheit, wurde der Mini aber kein „Patchwork“ der Kundenwünsche. Nicht Focusgruppen haben das Auto geformt, sondern Designer entwickelten das Gefährt aus einem Guss. Auch das gehört zum eigenen Weg einer Marke, nicht jedem Wunsch nachzugeben und beispielsweise in diesem Falle das Designkonzept im Gesamten zu gefährden. Müller-Ötvös betont: „Natürlich hätten wir das Auto länger machen können, um einen größeren Kofferraum zu haben, aber dann hätte der Mini eben nicht mehr diese charakteristischen kurzen Überhänge gehabt, die ein wesentliches Merkmal des Autos sind.“
Die Mini-Zielgruppe denkt nicht in Statussymbolen
In Sachen Zielgruppe konzentrierten sich die Mini-Macher auf das so genannte Moderne Milieu, also eine Konsumentenschicht, die kaufkräftig ist, zwischen 25 und 40 Jahre alt, Ästhetik und Design liebt und das Auto nicht als Statussymbol sieht. Offensichtlich bedient Mini sie: Unabhängige Untersuchungen zeigen, dass das Nettohaushaltseinkommen der „neuen“ Mini-Fahrer durchschnittlich über 4 000 Euro im Monat beträgt. Architekten, Firmenchefs oder Ärzte greifen zum kleinen Flitzer und schämen sich nicht in einem Kleinstwagen zu chauffieren. Ganz im Gegenteil: Der Griff zum Mini wird allgemein nicht als Abstieg sondern als Umstieg gewertet. Sogar Porschefahrer freunden sich an – allerdings dann mit dem Cooper S, der 163 PS auf die Straße bringt. Mini hat durch das neue Produkt eine völlig neue Verwenderschaft generiert, die nur zu etwa einem Prozent aus traditionellen Mini-Fahrern besteht. Mehr als 90 Prozent werden von anderen Marken wie Volkswagen und Peugeot abgeworben.
Modernes Marketing
Dabei war das Internet einer der wichtigsten Marketing-Instrumente im Mix: zur Weltpremiere des Mini auf dem Automobilsalon in Paris 2000 gingen nämlich die www.mini.com sowie sechs nationale Websites online, wobei zunächst das Produkt an sich gar nicht im Mittelpunkt stand, sondern Life Style-Informationen zugeschnitten auf die anvisierte Zielgruppe. Primäres Ziel war zunächst die Positionierung der Marke und die Leadgenerierung. Schnell entstand eine Community von mehr als 100 000 registrierten Nutzern, die über einen mehrstufigen Prozess von Interessenten zu potenziellen Käufern qualifiziert wurden. Mittlerweile gibt es 250 000 registrierte User und über eine Million Besucher monatlich auf Mini-Websites in 30 Märkten.
Wie zentral das Internet als Kommunikationsmedium geworden ist, zeigt die Verweildauer der Besucher, die durchschnittlich zehn Minuten auf der Site bleiben. Nicht zufällig, denn Besucher können neben den üblichen Dingen, wie elektronische Postkarten, TV-Spots oder Bildschirmschoner abrufen, auch eigene Filme drehen oder unter dem Menüpunkt „Mini-Abenteuer-Stories“ selbst entscheiden, wie die Geschichten in den bekannten TV-Spots weitergehen sollen. Auch eine Mini Online Fahrschule versucht junge Fahrschüler genau da abzuholen, wo sie sich gerade befinden: Nämlich in der Lernphase für den eigenen Führerschein und der Entscheidungsphase für das erste Auto, wobei in der Regel der Mini zumindest in fabrikneuem Zustand für viele zunächst unerreichbar sein wird. Aber genau damit verstehen die Münchener zu spielen: Begehrlichkeiten wecken und jungen wie alten Autofahrern den Traum einpflanzen, einmal einen Mini zu besitzen. Hier sieht BMW auch in seiner Gesamtstrategie seinen Hebel, denn die Münchener wollten mit dem Mini mindestens zu 50 Prozent völlig neue Kunden für BMW gewinnen. Dieses Ziel hat der Autobauer bereits mit 60 Prozent deutlich übertroffen und hat damit seine Kundenbasis deutlich verbreitert.
Kreative Kommunikation statt üppiger Werbebudgets
Dass Mini nicht, wie man zunächst annehmen könnte, aus einem üppigen Kommunikationsbudget schöpfen kann, sieht Müller-Ötvös durchaus als Vorteil: „Die guten Ideen sind gerade dadurch entstanden, dass wir knapper mit dem Geld gewesen sind. Das hat der Kreativität im Marketing ganz generell einen Schub gegeben.“ Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Kommunikation rund um den Mini auch Guerilla-Marketing-Aktionen umfasst. So fuhren in allen US-Metropolen Geländewagen mit einem Mini statt den sonst üblichen Sportgeräten auf dem Dach herum. Für Playboy-Leser vielleicht im ersten Moment nicht so prickelnd: Auch das Ausklapp-Model in der Heftmitte musste dem kleinen Flitzer ausnahmsweise weichen. Und im Dezember 2001 schickte Mini den Nikolaus mit einem roten Mini Cooper durch Deutschland. Solche und ähnliche Aktionen national wie international gehören für Mini zur täglichen Kommunikationsarbeit. Die Kernbotschaft aber lautet immer: Hauptsache frech und unkonventionell.
Klassisch, aber dennoch hipp
Auch die klassischen Kommunikationsinstrumente haben von den Münchenern die Auflage bekommen, potenziellen Kunden Spaß zu bereiten. So werden bei Automobilausstellungen nicht nur Minis mit schönen Frauen in gleißendem Scheinwerferlicht präsentiert, sondern echte Gokarts, auf denen Messebesucher in einem virtuellen Parcours ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen konnten, während ganz „nebenher“ die Vorzüge des Minis vermittelt werden. Abgerundet wird die Kommunikationsarbeit durch die Zeitschrift „Mini International“, bei der nicht etwa der Mini selber im Focus steht, sondern eine internationale Metropole wie Antwerpen, Barcelona, Kapstadt oder zuletzt Tokio. Damit bei diesen vielfältigen Aktivitäten das weltweite Marketing nicht aus den Fugen gerät, gibt es unter andrem ein unternehmenseigenes Marketing-Portal, wo das ganze Kreativmaterial über Kampagnen bis hin zur Kommunikationsstrategie abrufbar ist. Auf diese Weise können die Münchener auch die Einheitlichkeit der Kommunikation in allen Märkten koordinieren und gewährleisten.
Fazit
Die Verkaufsprognosen mussten zweimal nach oben revidiert werden, in allen Märkten weltweit wurde mindestens ein Preispremium von fünf Prozent gegenüber dem Wettbewerber erzielt und der Erlös durch Sonderausstattungen, wie Glasdach, Sportfelgen oder Soundsystem ist durchschnittlich dreimal höher als im Segmentdurchschnitt. Zudem gehen 90 Prozent aller Minis ohne Preisnachlass über die Theke. Die Erfolgsgeschichte ist noch längst nicht zu Ende, denn die Aussichten für Mini sind gut: Das Institut DRI schätzt, dass das Kleinwagensegment bis 2012 um bis zu 34 Prozent wachsen wird, wobei sich das Premium- im Vergleich zum Basissegment fast doppelt so schnell entwickeln soll. Bereits die ersten Variationen werden in der Münchener „Giftküche“ entwickelt, wie die Überlegungen zu einem Cabrio oder Mini-Van zeigen. Ziel ist eine ganze Produktfamilie um den Mini. Ganz konkret wird es aber noch in diesem Jahr einen Diesel geben.
Christian Thunig