4. Wohnen: Von Art zur Arznei
Gesundheits- und Öko-Boom machen sich auch beim Wohnen breit. Die eigenen vier Wände entwickeln sich zunehmend zur Wellnesszone, Feng Shui war erst der Anfang. “Schöner Wohnen” allein reicht heute nicht mehr; die Menschen wollen durch Produkte nicht bloss befriedigt oder verführt, sondern verändert werden. Private Spas sind daher mehr als eine schöne Badewelt oder eine Wohlfühloase zur Erholung. Es geht ebenso ums Heilen und um mentale Transformation, um Einklang von Körper, Geist und Seele. Die neue Behausung soll uns auch verwandeln, uns zu “neuen” Menschen machen – die Wohnung wird zum Heilmittel. Gefragt sind grundlegend neue, gesunde Wohnkonzepte für Bäder, Küchen und Schlafzimmer, die von Ärzten und Architekten gemeinsam entwickelt werden.
5. Natur: Von Betonmauern zu City-Bauern
Natur ist gut: Quell von Ruhe und Erholung, Bereicherung unseres Lebens, Garant für Wertigkeit und Gesundheit von Produkten. Diese positive Wahrnehmung der Natur wächst mit jeder neuen Warnung vor der Klimaerwärmung und der Öko-Bedrohung. Um ihr in einer entfremdeten Welt näher zu sein, holen wir uns die Natur in die Städte zurück. Das weite Spektrum der “Urban Farming”-Projekte, von der Kaninchenzucht auf New Yorker Balkonen bis zu innerstädtischen Treibhaussilos, ist ein Ausdruck dieser Sehnsucht. Nach “Kunst am Bau” erobert nun “Natur am Bau” unsere Städte: begrünte Dächer, überwachsene Mauern und kleinste Biorefugien geben der neuen Naturverbundenheit einen Ausdruck. Im Zuge dieser Überhöhung der Natur wächst der Markt für “natürliche” Materialien und Farben. Aber auch Naturdarstellungen werden beliebter: elektro-lumiszente Blumentapeten, luftbefeuchtende Pflanzenwände und smarte Bauelemente sind erst der Anfang – das neue Arkadien liegt zwei Strassen weiter.
6. Toleranz: Von voll zu null
Als Ende der Neunzigerjahre ein Name für die erste Dekade nach 1999 gesucht wurde, tauchte schnell “Nuller-Jahre” auf. Wie treffend diese Bezeichnung ist, sehen wir heute: Null-Energie, Null Zusätze, Null Kalorien, Null Fett, Null Alkohol, Null Verschmutzung, Null Wartezeit, Null Autos, Null Nebenwirkungen, Null Risiko, Null Werbung. Auf Englisch heisst das ebenso treffend: Zero-Impact Chocolate-Bar, Zero-Impact Car, Zero-Impact House, Zero-Impact Holidays, und nicht zuletzt Coke Zero. Null wird quer durch alle Kategorien zum Idealwert und zum immer beliebteren Verkaufsargument: Weniger ist mehr. Vorbei ist das kunterbunte Werte-Jekami des “anything goes”.
Die zunehmende Beliebtheit der Null ist Ausdruck einer wachsenden Null-Toleranz. Gespiesen wird der Trend von Überforderung und vom Wunsch nach schrankenloser Selbstverwirklichung. Dazu passen maximal natürliche, lokale und frische Produkte; ökologisch und sozial korrekte Güter; und immer weniger ungewollte Nebenwirkungen. In der Folge leben Umwelt-, Klima- oder Gesundheits-Sünder immer gefährlicher. Gleichzeitig erzeugt die sich ausbreitende Verbotsmentalität eine trotzige Freude am Tabubruch – womit auch den Betreibern von Lust-Inseln und Exzess-Tempeln durchaus rosige Zeiten bevorstehen könnten.