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ASW Nr.03 vom 1.Maerz 1994 Seite 22

Magazin;Im Focus

Von der Wegwerf- zur Werterhaltungsgesellschaft

"Eine Marke fehlt noch"

Statt Ex-und-hopp zurueck zum Shop.
Ausgerechnet aus Amerika, dem Land des unbegrenzten Konsums und des schnellen Verschleisses, draengen neue Franchise-Ideen nach Deutschland: Care-Companies und Secondhand-Ketten.

Was sind das bloss fuer merkwuerdige Unternehmen?
Grow Biz International heisst die eine, Ziebart Tidy Car (sprich: Siebart Taidi Kar) nennt sich die andere.
Die seltsamen Firmen mit dem marktschreierischen Tonfall sollten aber nicht taeuschen.
Denn hinter ihnen stehen gut eingefuehrte Unternehmen, die mit harten Franchise-Methoden einen Markt erschliessen, von dem in den 90er Jahren durchaus gute Zuwachsraten zu erwarten sind: dem Geschaeft mit der Werterhaltung.
Troedelmaerkte, Gebrauchtwagenhaendler und Altkleiderlaeden haben als Wiederverwerter zwar eine lange Tradition, doch von deren Mief- und Alternativ-Image halten die neuen Rezyklisten wenig.
Ihre Vorbilder sind MciDonalds oder die Spielzeugkette Toys RiUs, ihr Auftritt ist alles andere als zurueckhaltend und zweitklassig.
Und: Sie kommen jetzt auch nach Deutschland.
In Bremen hat sich Ende letzten Jahres die Ziebart Tidy Car mit 50 Prozent an der Beauty Car Autopflege-Systeme GmbH (Umsatz 1993: 2 Mio.
DM) beteiligt.
Beide Partner sind davon ueberzeugt, einen glaenzenden Deal gemacht zu haben - Ziebart bekommt eine erste Marktpraesenz, und der Beauty Car-Chef Gero Ritter-Reichel haelt sich den Marktfuehrer als Konkurrenten vom Leib.
Der deutsche Statthalter ist jedenfalls optimistisch: "Bislang gibt es in Deutschland nur Einzelkaempfer in der Autopflege, ein starker Markenname fehlt noch."
Den koennen die Amerikaner bieten.
Die Ziebart International Corp. aus Detroit ist der weltweit groesste Franchisegeber in Sachen Autopflege.
Das Unternehmen, Anfang der sechziger Jahre von dem deutschen Auswanderer Kurt Ziebart gegruendet, hat nach einer Meldung von "Aftermarket Business" mehr als 700 Franchisenehmer in rund 40 Staaten.
Davon befinden sich 280 im Mutterland.
Der Umsatz der "Car-Care Company" wird fuer 1992 auf 140 bis 160 Millionen Dollar geschaetzt.
Ziebarts Service reicht von der normalen Handwaesche ueber den Schnelldienst ("While-you-wait") bis zum kompletten "Gold Care".
Die Preise pendeln zwischen 60 bis 200 Dollar.
Der Dienstleister installiert ausserdem Sonnendaecher, Alarmanlagen und elektronische Wegfahrsperren, fertigt Rostschutzmittel, Farben sowie Reinigungsprodukte und handelt mit Eigenmarken.
Ziebart-Inhaber E.
Jan Hartmann ist mit seinen Expansionsabsichten keineswegs zimperlich.
Allein in den USA will er, wie er "Crainis Detroit Business" anvertraute, die Kette auf 1000 Betriebe ausweiten.
Darueber hinaus steckte er 1993 rund fuenf Millionen Dollar in Fernsehwerbung, plant einen 10-Prozent-Preinachlass fuer alle Mitglieder der American Automobile Association und will jetzt auch, wie er in Amerika gross ankuendigte, in Deutschland vorankommen.
Die Zeichen dafuer stehen gut.
Im letzten Jahr wurde mit gebrauchten Fahrzeugen erstmals mehr Umsatz eingefahren als mit Neuwagen: Immerhin wechselten in Deutschland 6,3 Millionen Gebrauchtwagen fuer 115 Millarden DM den Eigentuemer.
Das sind drei Milliarden DM mehr als mit Autos ab Fabrik erwirtschaftet werden.
Schnell wird die Expansion dennoch nicht sein.
Gero Ritter-Reichel brachte sechs Autopflegestationen ein.
Darueber hinaus hatte er 16 unterschriebene Partnervertraege vorliegen.
Die weitere Expansion haengt jetzt von der Standort- und Partnersuche sowie den Genehmigungen der Behoerden ab.
Hinzu kommt, dass potente Konkurrenten den Neuling ausbremsen.
Die Aral AG beispielsweise.
Rolf Jendryan, Master-Franchisenehmer fuer Nordrhein-Westfalen: "Die sind zwar am Erfahrungsaustausch interessiert, aber Standorte bekommen wir von denen nicht."
Grund: Die Bochumer Mineraloelgesellschaft arbeitet selbst an einem Autopflegeprojekt fuer Tankstellenpaechter.
Mitte Januar eroeffnete Jendryan den ersten Drei-Mann-Musterbetrieb.
Sein Ziel: zwei bis drei Neueroeffnungen in den naechsten Monaten.
Insgesamt sollen in Deutschland bis Ende des Jahres 19 Stationen laufen.
In den Weltmarkt draengt auch ein anderer Experte fuer Werterhaltung: die Grow Biz International Inc. aus Minneapolis.
Das neuerdings boersennotierte Unternehmen ist mit seinen "Play it again Sports"-Laeden rasant gewachsen.
Play it again Sports verkauft Sportartikel, vor allem gebrauchte.
Anfang 1992 zaehlte Grow Biz noch 40 Festangestellte und 200 Laeden.
Heute sind es 150 Mitarbeiter und mehr als 500 Franchisenehmer.
Neben Kanada und Mexiko ist das Unternehmen jetzt auch in Europa eingestiegen.
Der Kontaktmann sitzt in Frankfurt und heisst Peter-Josef Toeroek.
Als Projektmanager steht ihm Siegfried Wegehenkel zur Seite, der als Leiter des Carsch-Hauses in Wiesbaden Handelserfahrung sammelte und in den letzten drei Jahren fuer die Deutschland-Expansion der Mode-Kette Stefanel verantwortlich war.
Das Sortiment von Play it again Sports besteht aus den typischen Sportartikeln.
Kleidung gibt es nicht.
Einzige Ausnahmen: T- und Sweatshirts mit dem Logo sowie gebrauchte Ski-, Langlauf-, Bergsteiger- und Fussballschuhe, vor allem Kinderfussballschuhe.
Eine Gebrauchtwaren-Quote von 80 Prozent haelt Toeroek fuer ideal: "Die Gewinnspanne ist da am hoechsten."
Toeroek nennt ein Beispiel.
Kinderfussballschuhe kosten neu zwischen 50 und 60 DM.
Bei Play it again Sports ist das Paar fuer die Haelfte des Preises zu haben.
Der Haendler selbst kauft die Schuhe hoechstens fuer 10 DM.
Zweites Beispiel: Fahrraeder.
Fuer ein normales Tourenrad zahlt der Franchisenehmer etwa 30 DM.
"Dann", so Toeroek, "ziehen wir die Bremsen nach, machen die Pedale fest und vielleicht das Ruecklicht neu."
Das schlaegt mit 10 bis 15 Mark zu Buch.
Im Verkauf wird das Rad dann zwischen 100 und 150 DM angeboten.
Beschafft wird die gebrauchte Ware per Kleinanzeige in Tageszeitungen und im Kundengespraech.
Toeroek erzaehlt: "Da kommt jemand herein und will unser Mountain-Bike haben.
Das kostet dann 600 DM.
Gleichzeitig fragen wir ihn, ob er noch ein altes Rad hat.
Das bringt er vorbei und bekommt sein Geld."
Das Geschaeft mit den Fahrraedern, besonders den Kinderraedern, laeuft gut.
Im Sommer werden 30 bis 40 Prozent des Umsatzes damit gemacht.
Im Winter sind eher die Skier gefragt.
Toeroek bezieht die ausgedienten Bretter auch von Verleihern aus Sueddeutschland und Oesterreich.
Ausserdem kauft Play it again Sports die Auslaufmodelle direkt beim Hersteller und nutzt die Beschaffungsquellen der US-Mutter.
Zweimal im Jahr veranstaltet die Zentrale in Minneapolis eine Hausmesse auf rund 10000 Quadratmetern.
Mehr als 200 Aussteller nehmen daran teil.
Darunter befinden sich "alle Grossen" (Toeroek).
Dunlop verkauft dort "generalueberholte" Golf-Sets fuer weniger als die Haelfte.
Rollerblades werden fuer ein Viertels des Preises abgegeben.
Neue Basketbaelle und NBA-Artikel sind um 20 Prozent guenstiger zu haben.
Play it again Sports-Partner in Deutschland fuehren ein Kernsortiment, bestehend aus Fitnessgeraeten, Tennis-, Badminton-, Squash-Schlaegern sowie Baellen aller Art und das Zubehoer wie Koerbe fuer Basketball oder Schienbeinschuetzer fuer Fussball.
Wichtig sind auch Camping- und Wintersportartikel.
Die Groesse der Geschaefte liegt zwischen 127 (Frankfurt) und 230 Quadratmetern (Dueren).
Erste Erfahrungen zeigen allerdings: Die meisten sind zu klein.
"Frankfurt", so Toeroek, "quillt schon ueber."
Bisher wurden sechs Laeden eroeffnet.
In den naechsten Monaten plant Toeroek weitere Niederlassungen in Giessen, Koeln, Krefeld, Nuernberg und Oldenburg.
Ausserdem will er in Italien, England und den deutschsprachigen Nachbarlaendern einsteigen.
Auch ein TV-Spot fuer den Sportsender DSF ist vorbereitet.
Weltweit moechte Play it again Sports-Chef Ronald G.
Olson spaetestens im uebernaechsten Jahr das tausendste Geschaeft eroeffnet haben.
Ausserdem hat er schon begonnen, die Secondhand-Idee auf andere Segmente zu uebertragen: Kinderkleidung, Spielzeug und Kindermoebel, Computer und Zubehoer sowie Musikinstrumente, Sound- und Audio-Produkte.
Die Markenbezeichnungen sind in den USA bereits eingefuehrt: "Once Upon A Child", "Computer Renaissance" und "Music Go Round".


Datum:01.03.1994 00:00:00



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