Alle Jahre wieder kommt ein Schuhwerk auf den Markt, das sich blitzschnell
zum Renner entwickelt. Bekannte Beispiele: Moon Boots, Uggs, und Crocs.
Jetzt machen „Toning Schuhe“ ungeheur viel von sich reden. Die neuen Sneaker
haben eine abgerundete Sohle, funktionieren nach dem Schaukelstuhl-Prinzip, und
verheißen ihren Trägern nach kurzer Zeit eine bessere Haltung, wohlgeformtere
Beine und ein strafferes Gesäß. Kein Wunder also, dass sie so fantastisch ankommen
und gegenwärtig den raschest-wachsenden Teil des gigantischen Sportschuhmarktes
stellen.
Führende Hersteller, die mit
ihrem herkömmlichen Sortiment noch im letzten Jahr rückläufige Absatzzahlen
verbuchen mussten, stürzen sich nun mehrheitlich auf das neue Hitprodukt und warten
mit immer schickeren, funktionstüchtigeren Variationen des Toning-Schuhs auf.
Zudem überbieten sie einander mit verheißungsvollen Slogans. "Get in Shape Without
Setting Foot in a Gym," heißt es beispielsweise bei Sketchers, und Reebok
versichert, "EasyTone shoes help tone your butt and legs with every
step,"
Klingt zu schön, um wahr zu sein? Ist es
wahrscheinlich auch.
Jedenfalls bekräftigen immer mehr Orthopäden, dass es sich bei den
Claims um leere Versprechen handelt. „Völliger Blödsinn“ meint beispielsweise Professor
Barbara de Lateur von der Johns Hopkins University's School of Medicine in
Baltimore. Sie und andere warnen zudem vor potenziellen Gesundheitsrisiken. Die
Schuhe würden ihre Träger leicht aus dem Gleichgewicht bringen, ihren Gang
verändern, und bisweilen zu Verletzungen der Achillessehne führen. Das sei
besonders bei älteren Menschen und jenen, die nicht ganz sicher auf den Beinen
sind, ein echtes Problem. Andere Experten urteilen zwar etwas milder, zweifeln aber
ebenfalls an der vielgepriesenen Toning-Wirkung der Sneaker.
Gegenstimmen werden also stetig lauter; trotzdem sind die Toning-Schuhe weiterhin
unverdrossen auf Siegeszug. Eigentlich erstaunlich: Wir haben in letzter Zeit mehrfach
beobachten können, dass heute Ehrlichkeit und Transparenz im Marketing punkten,
und dass Schönfärberei konterproduktiv wirkt.
Wieso können sich die Toning Schuhe dann so eindrucksvoll durchsetzen?
Liegt es an der guten Erfahrung der bestehenden Nutzer, die den diversen
medizinischen Gutachten empirisch widerspricht? Oder liegt es daran, dass
unsere Sehnsucht nach müheloser Köperstraffung unseren gesunden
Menschenverstand übertrumpft?
Wie dem auch sei: Der Toning-Schuh, der bislang noch zu 90% von Frauen getragen
wird, soll sich bald flächendeckend durchsetzen und noch dieses Jahr einen
Umsatz von 1,5 Milliarden Dollar einspielen.
Aus der Marketing-Metropole New York:
Yvette
Schwerdt